Stürmischen Zeiten entgegen


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Bild von Chris „CJ“ Johnson auf Pixabay

Audreys Suche nach Lisa

Ganz leise, fast unmerklich, nahm der Wind an Fahrt auf, was einem aufkommenden Sturm glich, den viele so gar nicht wahrhaben wollten. Immer diese Miesepeter mit dem Reizwort Klimawandel, Verdrängen konnte so herrlich einfach sein, wer dies konsequent fast schon unlogisch zelebrierte. Die allermeisten Menschen hegten Hoffnung trotz katastrophaler Anzeichen, die sich nicht erst seit gestern offenbarten. Schon wieder stürmisch im Spätsommer. Was soll’s, wir gewöhnten uns dran. Tatsächlich? Oder aber jene Szenarien ermüdeten den restlichen Verstand, der noch vorhanden, ein paar Zweifler ratlos die Schultern zucken ließ. Schlagartig hatte sich längst der Himmel verdunkelt, Regenpakete drohten aufzubrechen.

Audreys Schirm zerfetzte im nächsten Augenblick, kein Wunder bei jener Böe, die mit 145 km/h wie aus dem Nichts nicht nur ihn erfaßte, sondern gleichzeitig ein Mountainbike wie von Geisterhand nach oben schnellte, es um ein Haar Lisas Kopf getroffen, wenn die Dreißigjährige nicht folgerichtig reagiert hätte. Sie ließ sich und ihre Tochter nach unten ziehend aufs Straßenpflaster fallen, konnte noch mit ihren Händen sie abstützen, auch wenn diese ausgerechnet in einem Scherbenhaufen landeten. Wie oft hatte sie den Nachbarjungen gepredigt, daß Glasflaschen eben nicht mutwillig auf den Boden geschmissen werden. Jetzt erinnerte der jähe Schmerz sie an jene Schandtaten. Auch Lisa wurde dabei verletzt, heulte wütend.

I put a spell on you, because you’re mine, You better stop the thing that you’re doin‘, kam Audrey in den Sinn, der CCR-Song haftete als Ohrwurm in ihren Gedanken, ließ sie kaum los trotz der bedrohlichen Situation. Auf der anderen Seite hatte auch in ihrem Bekannten- und Freundeskreis sich längst herumgesprochen, wie schnell solche gefährlichen Unwetter immer häufiger aufkommen sollten. All die Klimawandelleugner wurden eines Besseren belehrt. Dennoch verharrten etliche auf ihren ignoranten Standpunkten, blendeten die Realität schlichtweg aus, reimten sich dafür lieber irrsinnige Verschwörungstheorien zusammen, die ohnehin dem Wahnsinn nahe für genügend Leichtsinn sorgten.

Einerlei, jetzt galt es, besonders wach zu bleiben. Sie schaute sich um, wo Lisa wohl abgeblieben war. In ihrer Verzweiflung schrie sie lauthals in den Sturm hinein, obwohl die Lautstärke des Orkans sämtliche anderen Töne schlichtweg aufsog. Ein sinnloses Unterfangen, wußte sie im nächsten Moment, während etliche Gegenstände sie beinahe trafen, sie sich instinktiv wegduckte, in einen Hauseingangsbereich hechtete, um halbwegs Schutz zu suchen.

Wassermassen stürzten hinab, innerhalb der nächsten Minuten schwoll die Flut zu einem reißenden Fluß an, der alles mit sich sog, was nicht niet- und nagelfest war, von Lisa weiterhin keine Spur. Audrey machte sich ernsthafte Sorgen, wollte allerdings nicht unnötig in Panik geraten, zumal sie auf Lisas Umsicht vertraute trotz des Unwetters. Nur allzu oft hatte sie ihre einzige Tochter vorsorglich auf solche Gefahrensituationen geschult, wie man sich verhalten sollte. Schutz suchen, möglichst gezielt, vor allem sollten die ersten Etagen in größeren Bauwerken aufgesucht werden, bloß nie Keller oder Tiefgaragen, Wasser fließe nun mal wie in einem Becken abwärts, fülle alles, was wiederum dann eine tödliche Falle wäre, selbst für erfahrene Schwimmer, dies sei ähnlich wie bei Strudeln in Flüssen. Insofern hoffte sie auf Lisas Erinnerung.

„Hi Mum, hier oben bin ich, schau mal über dich“, konnte Audrey gerade noch im tosenden Lärm hören, schaute abrupt hoch und entdeckte Lisa, die sich just übers Geländer einer Terrasse winkend beugte. Erleichtert grinste sie ihre Tochter an und verschwand im Treppenhaus, um ihr entgegenzueilen. Dabei verlor sie im Wasser fast das Gleichgewicht, ein paar Stufen weiter hatte sie endlich wieder trockenen Boden unter den Sohlen. Inzwischen wurde es merklich dunkler, die Sonne war bereits untergegangen, der Regen ließ nach. Nur der Sturm wollte sich keinesfalls legen, eine Möwe konnte ihnen gerade noch ausweichen, bevor sie gegen die Hausmauer geschleudert wurde. Lisa und Audrey umarmten sich schluchzend, während Sirenengeheul nahende Rettungswagen verkündete.

Würde die Menschheit endlich erkennen, wie dringend notwendig der Ernst der Lage war? Oder mußten noch heftigere Wetterextreme sie daran erinnern, daß wir auf Erden nur dann sicherer leben werden, wenn wir behutsamer mit unseren Ressourcen, der Natur und Umwelt umgehen, anstatt den Weg jener Zerstörung und Ignoranz fortzusetzen?

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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