‚Projekt 009‘ – zweites Interview mit Ina Felina


© Ina Felina Rosa

Warum Flüchtlinge zweiter Klasse?

Im ersten Interview schilderte Ina Felina, was im griechischen Samos geschah, welchen Widrigkeiten dortige Flüchtlinge ausgesetzt waren, wie ihr ‚Projekt 009‘ beherzt versuchte, ihnen zu helfen. Seitdem ist vieles geschehen, hat sie danach im Balkan sich bemüht, den Menschen vor Ort gesammelte Spenden zu übergeben und etliche andere Aktionen organisiert.

Dabei haben sie und ihr Team trotz Covid-19 alles unternommen, um eben das Leid ein Stück weit zu lindern. Gleichzeitig belastet uns jetzt hochaktuell dieser Krieg in der Ukraine, was natürlich niemanden kaltlassen kann. Die Festung Europa und deren fragwürdige Politik wird dadurch erst recht kritisch beäugt, weil zunehmend sich herausstellt, daß es wohl tatsächlich Flüchtlinge erster und zweiter Klasse zu geben scheint.

Lotar Martin Kamm: Schön, daß du dir Zeit nimmst, ein wenig zu berichten. Magst du uns schildern, welche Projekte nach Samos dich beflügelten, dir zunächst wichtig waren, anzugehen?

Ina Felina: Hallo Lotar, danke für dein Interesse an meiner Arbeit und meinem Aktivismus mit Flüchtlingen und Migranten. Das letzte Interview ist ja bereits ein Weilchen her, und es ist seitdem viel passiert. Nachdem ich bereits mehrere Flüchtlingslager im Libanon und auf Samos (Griechenland) besucht hatte, stellte sich für mich die Frage, wie die Zustände wohl an anderen Orten sein mögen. Ich reiste mit einer Gruppe von Aktivist*innen nach Sombor in Serbien, und wir versorgten dort die geflüchteten Menschen mit mitgebrachten Sachspenden, die wir zuvor sammeln konnten. Außerdem kauften wir vor Ort Medikamente, vor allem Mittel gegen Krätze und andere Hautkrankheiten, denn nahezu jeder in diesem Lager leidet darunter. Durch die schlechten Bedingungen verbreiten sich solche Krankheiten sehr schnell. Wir versuchten zwar offiziell, Zugang zu dem Camp zu erhalten, wurden allerdings vom stark alkoholisierten Camp Manager sehr schroff abgewiesen. Mir gelang es schließlich, kurz vor meiner Abreise spät abends in eines der Gebäude einzusteigen und die Zustände dort zu dokumentieren. 54 Menschen schliefen in Hochbetten auf engstem Raume, unter unfassbar schlechten hygienischen Zuständen. Auf dem Gelände gibt es auch zwei große Zelte, in denen über 200 Menschen pro Zelt hausen. Privatsphäre oder ein gewisser minimaler hygienischer Standard waren dort absolut Fehlanzeige. Die meisten Menschen hatten nicht einmal Zugang zu Duschen. Um sich oder ihre Kleidung zu waschen, mussten sie kaltes Wasser aus einem Brunnen auf dem Gelände hochpumpen.

Anfang des Jahres zog es mich nach Polen. Vor circa neun Monaten lockte Lukaschenko, wie wir alle für kurze Zeit in den Medien mitverfolgen konnten, Tausende Menschen, vor allem aus dem Irak, unter falschem Vorwand nach Belarus, um sie dann systematisch Richtung polnische Grenze zu karren. Diese Menschen wurden zum Spielball seiner Machtinteressen, missbraucht als menschliche Waffe gegen die EU. Ihnen wurde versprochen, dass sie hier legal in die EU einreisen könnten. Jedoch begann Polen nach kurzer Zeit, die Grenzen zu schließen und stationierte tausende Soldaten am Grenzstreifen, um die Menschen zurück nach Belarus zu drängen. Sie wurden gewaltsam immer wieder zwischen Polen und Belarus hin- und her- gepusht, gezwungen, teilweise tage- oder gar wochenlang im Wald des Grenzstreifens auszuharren, ohne sauberes Wasser, ohne Nahrung. Humanitäre Hilfe wurde ihnen verwehrt, Aktivist*innen wurde der Zugang in die Sperrzone untersagt, Helfer*innen wurden kriminalisiert und zum Teil sogar verhaftet. 17 Menschen starben laut humanitären Organisationen in den Wäldern zwischen Polen und Belarus den Kälte- oder Hungertod.

Tina, eine Freundin, schloss sich mir an, und wir planten gemeinsam unsere nächste Tour. Im November letzten Jahres begann unsere Recherche, und im Februar dieses Jahres machten wir uns auf den Weg nach Polen. Unsere Recherche führte uns zunächst ins polnisch/belarussische Grenzgebiet, wo wir mit Aktivist*innen von Salam Lab in der Nähe von Hajnowka unterwegs waren, um humanitäre Hilfe im Wald zu gewährleisten. Im Grenzgebiet kurz vor der Sperrzone wurden wir plötzlich von unzähligen schwer bewaffneten und maskierten Soldaten umstellt. Sie ließen uns nicht weiterlaufen. Unsere Pässe wurden kontrolliert und Verstärkung wurde gerufen. Große Militärfahrzeuge fahren durch diese wunderschöne, sehr ursprüngliche, sensible Natur und zerstören dort das Ökosystem mit ihren Reifenspuren. Wir wurden lange festgehalten und eingeschüchtert, immer wieder wurden uns die gleichen Fragen gestellt. Nach gefühlt einer halben Ewigkeit durften wir gehen, allerdings nur zurück zu unserem Auto. Es wurde bereits dunkel, und als wir es endlich zum Auto schafften und Richtung nach Hause fahren wollten, wurden wir bereits nach wenigen Kilometern Fahrt erneut aufgehalten und kontrolliert. Diesmal von Grenzschützern. Wieder dauerte es eine halbe Ewigkeit, sie kontrollierten unsere Pässe, Fahrzeugschein, Führerschein, und sie schrieben den Kilometerstand des Autos auf. Alles in allem wirkte es wie ein Machtspiel, wir sollten Angst bekommen.

Nach einigen Tagen führten uns unsere Recherchen weiter nach Litauen. Obwohl in den Medien nur über Polen gesprochen wurde, gab es ebenso viele Menschen, die die Grenze von Belarus Richtung Litauen überquerten. Alle Menschen, die auf litauischer Seite aufgegriffen wurden, wurden ähnlich wie in Polen festgenommen und in sogenannte „geschlossene Camps“ gesteckt. 3000 Menschen sollen es im Moment noch etwa sein, denn viele sind bereits zurück in ihre Heimat gegangen und haben sich von der IOM (The International Organization for Migration) ihr Rückflugticket bezahlen lassen. Flyer dieser Organisation mit Hinweisen zu Rückführungen liegen in den fünf Gefängnissen für die Flüchtlinge aus. Ja, es sind Gefängnisse, ich mag die Bezeichnung geschlossene Camps überhaupt nicht, denn das vermittelt meines Erachtens ein falsches Bild. Es sind Gefängnisse, in denen die Menschen teilweise seit bis zu fast zehn Monaten eingesperrt sind, mitsamt Frauen, Kindern und gar Neugeborenen und das nur, weil sie versucht hatten, endlich ein freies Leben an einem anderen Ort zu beginnen, ohne Angst vor Krieg, Verfolgung und Folter. In Litauen gelang es Tina und mir, Zugang zu drei der Gefängnisse zu erhalten, wir konnten Flüchtlinge dort sogar besuchen und mit ihnen in einem kameraüberwachten Raum sprechen, und wir durften Pakete für einzelne Personen, die uns zuvor ihre Gefängnis ID-Nummer und ihren Namen mitteilten, bringen und übergeben. Jeder einzelne Gegenstand wurde genauestens inspiziert, und wir mussten unzählige Listen dafür ausfüllen. Ein wahnsinniger bürokratischer Aufwand.  Wir konnten ein paar Menschen mit dieser Aktion zeigen, dass sie nicht vergessen sind, hinter Stacheldraht und meterhohen Mauern. Dass es Menschen gibt, die an sie denken und gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen.

Lotar Martin Kamm: Welch Dramatik, die Techtelmechtel mit Grenzschützern, oftmals auch Soldaten. Gab es dabei auch für euch selbst lebensbedrohliche Situationen? Und wie konntet ihr dennoch, wenn überhaupt, sie entschärfen?

Ina Felina: Nein, lebensbedrohlich war es nicht, nur ist es jedenfalls ein seltsames Gefühl, plötzlich aus dem Hinterhalt von so vielen maskierten und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten umstellt und unter Druck gesetzt zu werden. Klar weiß man in diesem Moment auch, dass nicht viel passieren kann, denn erstens wurden wir alle mit dem „richtigen Pass“ geboren, und zweitens waren keine Flüchtlinge in unserer Nähe, also war es ausgeschlossen, dass sie uns verhaften würden. Das flaue Gefühl im Magen bleibt aber dennoch in solchen Momenten bestehen… letztendlich dauerte alles einfach nur ewig, aber sie ließen uns von alleine wieder weiterziehen. Wir blieben einfach ruhig und beantworteten ihre Fragen, die sie uns immer wieder aufs Neue stellten. Und schließlich ließen sie uns dann gehen.

Lotar Martin Kamm: Im ersten Interview hattest du erwähnt, daß dir bevorschwebt, selber eine NGO zu gründen. Was ist daraus geworden, oder mußtest du diese Idee wieder verwerfen?

Ina Felina: Ich habe leider immer noch keinen gemeinnützigen Verein gegründet. Dies hat mehrere Gründe. Letztendlich habe ich irgendwann beschlossen, die Zukunft entscheiden zu lassen und erstmal abzuwarten, bis der Zeitpunkt dafür passend ist. Seit der Ukraine-Krise arbeite ich Vollzeit im Aufnahmezentrum Tegel in Berlin. Leider bleibt dadurch im Moment nicht mehr viel Zeit für mein Projekt. Aber seit einiger Zeit arbeite ich mit UNUMONDO, einem Verein aus Berlin, der sich vor allem mit den „ungewollten Flüchtlingen“ auseinander- setzt und Menschenrechtsverletzungen an den Pranger stellt. Sie haben mir einen Lagerraum für meine Sachspenden zur Verfügung gestellt, und sie unterstützen meine Arbeit, wo sie können, beispielsweise beim Spendengelder sammeln für meine Arbeit. Unser gemeinsames Ziel in naher Zukunft wird unter anderem eine Ausstellung über meine Arbeit und Aktivismus der letzten Jahre sein. Missstände, die ich dokumentiert und aufgedeckt habe, sollen an die Öffentlichkeit gelangen, und es soll ein Bildungsprogramm geben. Schulklassen sollen die Ausstellung besuchen. Viel mehr möchte ich im Moment noch nicht verraten.

Lotar Martin Kamm: Der Fall Omar Tali hat mich sehr betroffen gemacht. Magst du darüber berichten?

Ina Felina: Gary begleitete mich im letzten Spätsommer/Herbst durch Bosnien, Serbien und Griechenland und half mir bei der Arbeit. Gemeinsam mit ihm habe ich Omar Tali in einem Park in Belgrad in Serbien verletzt aufgefunden. Er hatte Schrammen im Gesicht, am Kopf und mehrere Verletzungen am Bein, und sein kleiner Finger war sehr stark geschwollen, denn an diesem Finger trug er einen silbernen Stahlring, den er nicht mehr abstreifen konnte. Er erzählte uns, dass er bereits seit vier Tagen in diesem Zustand durch Belgrad irrte und versuchte, Hilfe zu bekommen. Doch niemand half ihm. Vier Tage zuvor hatte er laut eigenen Angaben versucht, die Grenze nach Ungarn zu überqueren und stürzte vier Meter in die Tiefe. Die ungarische Polizei nahm ihn fest und brachte ihn zurück nach Serbien. Dort wurde er sich selbst überlassen. Sein Finger war bereits so stark geschwollen, dass er ihn beinahe verloren hätte, viel Zeit blieb nicht mehr, den Ring entfernen zu lassen. Gary und ich brachten ihn ins Krankenhaus. Wir wurden allerdings wieder weggeschickt. Erst in der dritten Klinik wurde Omar aufgenommen und behandelt. Nach langer Wartezeit sollte er endlich ins Behandlungszimmer, und ich durfte ihn als Übersetzerin begleiten. Omar bekam erst nach mehrmaligem vehementem Bitten von mir eine Betäubungsspritze, die Ärzte behandelten ihn sehr unwürdig und drohten mir sogar damit, seinen Finger zu amputieren, wenn er nicht aufhörte zu schreien. Für mich war dieses Erlebnis damals fast schon traumatisch, seine Schreie zu hören, das Blut, das spritzte… Ich möchte eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenken.

Wenige Monate später kontaktierte mich Omars Bruder aus Marokko. Er hatte meinen Kontakt, da sein kleiner Bruder über mich und Gary gesprochen hatte und erzählte, dass wir ihm in seiner misslichen Lage geholfen hatten. Sein Bruder erzählte mir, dass Omar verschwunden ist, und nicht mehr auf Nachrichten reagierte. Ich kontaktierte damals sämtliche Organisationen in Serbien und Aktivist*innen, die vor Ort arbeiten. Leider konnte uns niemand eine Auskunft geben. Mehrere Monate war Omar verschollen, bis plötzlich wieder ein Lebenszeichen von ihm kam. Auch ich hatte wieder kurzzeitig Kontakt mit ihm. Er berichtete, dass er in einem serbischen Gefängnis war, doch warum er dort war, das wollte er nicht sagen. Auch sein Bruder wusste nicht warum. Dieser sagte mir damals, dass irgendwas an der Geschichte nicht stimmte, er konnte mir aber nicht sagen, was es war, denn auch ihm schien Omar nicht die ganze Wahrheit gesagt zu haben.

Vier Tage nachdem Omar aus dem Gefängnis entlassen wurde, kontaktierte mich sein Bruder erneut. Omar Tali wurde von seinem Freund in Belgrad in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Es begann ein Märtyrium. Seine Familie versuchte mit Hilfe der serbischen Botschaft in Marokko, ihren Sohn in ihr Heimatland zu überführen, jedoch stellten sich die Behörden von Anfang an quer, und Tage und Wochen verstrichen. Was genau in der Todesnacht passierte, wird Omars Familie vermutlich nie erfahren, auch die Überführung wurde aufgrund von bürokratischen Hürden nicht genehmigt, und ihnen wurde keine richtige Auskunft gegeben, was mit ihrem Sohn überhaupt nach seinem Tod passiert sei, wo er beispielsweise begraben wurde, oder ob er überhaupt begraben wurde… eine sehr dramatische Geschichte. Leider ist er einer von vielen Menschen, die auf der Balkanroute ihr Leben gelassen haben.

Lotar Martin Kamm: Seit dem 24. Februar herrscht Krieg in Europa, hat Putins Russland die Ukraine überfallen, die Zahl der Flüchtlinge auch nach Deutschland nimmt zu. Was sind deine Erfahrungen mit Ukrainern? Und vor allem, was unterscheidet sie mit anderen Flüchtlingen, die meistens herzlos behandelt werden, um es mal vorsichtig auszudrücken?

Ina Felina: Wie bereits erwähnt, arbeite ich im Aufnahmezentrum in Berlin für Flüchtlinge aus der Ukraine. Hier bekomme ich viel mit und Dinge, die vorher bei den anderen Flüchtlingen noch undenkbar waren, sind plötzlich ohne viel Tamtam möglich. Außerdem tausche ich mich auch mit Freund*innen aus der Flüchtlingshilfe immer wieder aus. Eine gute Freundin arbeitet bei einer Beratungsstelle in Berlin und berichtet immer wieder von ihren Erlebnissen. Ein Beispiel aus einem unserer letzten Gespräche ist, dass zum Beispiel die Ukrainer*innen jetzt ganz schnell Kita-Plätze für ihre Kinder bekommen sollen. Es werden extra Mitarbeiter*innen nur für diesen Posten angestellt, während Flüchtlinge aus arabischen oder afrikanischen Ländern, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, diese Vorzüge nicht genießen durften, und das bis heute nicht. Auch der Bürokratieaufwand entfällt für die ukrainischen Flüchtlinge so gut wie komplett. Ohne Asylantrag dürfen sie direkt arbeiten, sie müssen sich nur registrieren. Von allen Seiten erhalten sie Unterstützung, seien es kostenlose Bahntickets, Sim-Karten zum telefonieren etc. Die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Zivilbevölkerung als auch der politischen Entscheidungsträger ist gigantisch, was ja an sich sehr gut ist, doch sollten alle Menschen, die vor Krieg, Folter, Verfolgung, etc. fliehen mussten, gleichbehandelt werden. Es ist ein Armutszeugnis für Europa, seit kurzem ist für jeden sichtbar, wie rassistisch dieses System und scheinbar auch ein großer Teil unserer Bürger ist. Jetzt ist eigentlich für jeden sichtbar, was Menschenrechtsaktivist*innen schon lange wussten.

Lotar Martin Kamm: Kannst du all jenen schildern, die immer noch nicht begriffen haben, warum junge Männer aus Afrika, aus Syrien hierher flüchten im Gegensatz zu Familien aus der Ukraine, damit mal jene unsäglich fast schon krankhaften Vorverurteilungen korrigiert werden?

Ina Felina: Es gibt vielfältige Gründe, warum Menschen fliehen, aber am Ende haben sie alle eines gemeinsam: Sie fliehen, weil das Leben in ihren Heimatländern nicht mehr lebenswürdig ist. In Syrien herrscht seit 11 Jahren Krieg, viele Menschen werden politisch verfolgt oder wurden gar gefoltert und /oder in grausame Foltergefängnisse eingesperrt.

In südlichen Regionen macht der Klimawandel anhand langer Dürreperioden ein normales Leben schwierig oder unmöglich. Das wird in naher Zukunft noch deutlich zunehmen. Die Flüchtlingsströme, die wir jetzt erleben, sind bisher nur die Spitze des Eisbergs. Prognosen sagen bereits eine deutliche Potenzierung der momentanen Zahlen in nicht allzu ferner Zukunft voraus.

Niemand flieht einfach ohne Grund. Und warum aus arabischen und afrikanischen Ländern oftmals junge Männer zu uns kommen, liegt auf der Hand. Zum einen spielt die geografische Lage der entsprechenden Fluchtländer eine übergeordnete Rolle. Die Menschen können nicht einfach wie die Ukrainer*innen in einen kostenlosen Zug einsteigen und in ein Nachbarland fahren. Sie müssen sehr viel weitere und gefährlichere Wege auf sich nehmen, meist mit einem Gummiboot das Mittelmeer überwinden und dann auch noch mehrere europäische Landesgrenzen überqueren.

Eine Flucht, beispielsweise aus Syrien, kostet sehr viel Geld und ist weitaus lebensbedrohlicher wie die Flucht der Menschen aus der Ukraine. So kratzen oft die Familien ihr gesamtes Erspartes zusammen und schicken dann den Sohn des vielversprechendsten Alters auf den Weg, in der Hoffnung irgendwann durch eine Familienzusammenführung wieder vereint zu sein.

Der nächste Punkt ist, bleiben wir bei Syrien, denn dort wütet der Aggressor Putin bereits seit über sieben Jahren. Er kämpft Seite an Seite mit dem Diktator Assad gegen dessen eigenes Volk. Die Ukraine wurde von Russland angegriffen. Den Männern dort wurde untersagt, das Land zu verlassen, sie sollen ihr Land verteidigen und kämpfen. Es ist ein Unterschied, ob man sein eigenes Land verteidigt, oder ob man in einem Land kämpft, dessen Bürger vom eigenen Präsidenten aufs Massivste unterdrückt werden.

Außerdem sollte man sich die Zahlen generell genauer ansehen. Wer schon mal eines der griechischen Elendslager besucht hat, wird ebenso feststellen können, dass dort sehr viele Familien mit Kindern untergebracht waren. Gleiches lässt sich in Ländern beobachten, die näher an Syrien liegen als beispielsweise Deutschland. Türkische und libanesische Camps sind dabei gute Beispiele. Dort findet man sehr viele Frauen und Kinder. Und ähnlich ist es in den Flüchtlingslagern der Binnenflüchtlinge Syriens. So werden Familien teilweise jahrelang auseinandergerissen, oftmals wissen sie nicht einmal, ob sie sich jemals wiedersehen werden.

Auch aus der Ukraine fliehen junge Männer, die eigentlich im wehrpflichtigen Alter und gesund wären. Je länger der Krieg bereits anhält, umso mehr von ihnen fliehen. Klar sind es immer noch deutlich weniger als Frauen und Kinder, aber die Zahlen sind nicht unerheblich.

Lotar Martin Kamm: Was muß sich deiner Meinung nach dringend möglichst schnell ändern in der Politik Europas und somit auch hierzulande, um das Flüchtlingselend zu stoppen bzw. zu lindern?

Ina Felina: Jeder Mensch, der einen triftigen Grund zu einer Flucht hat, egal woher er kommt, welche Religion oder gar Hautfarbe er hat, sollte ein Recht auf ein faires Asylverfahren haben. Das, was plötzlich bei den ukrainischen Flüchtlingen möglich ist, würde ich mir für alle anderen Flüchtenden ebenso wünschen. Die Bedingungen sollten absolut gleich sein. Das fängt bei dem Asylantrag an, den Ukrainer*innen nicht stellen müssen, es reicht eine Registrierung. Menschen aus arabischen und afrikanischen Ländern müssen sich stattdessen mit dem überaus zermürbenden, bürokratischen System auseinandersetzen und werden nicht selten sogar psychisch krank dadurch. Weiter geht es mit sofortiger Arbeitserlaubnis und sogar Studienplätzen innerhalb von kürzester Zeit für junge ukrainische Menschen, die teilweise nicht einmal einen adäquaten Abschluss für das entsprechende Studium besitzen, während arabische Flüchtlinge, die 2015 bereits zu uns kamen, zum Teil bis heute keine Arbeitserlaubnis besitzen. Oder ihr Studium, das sie in ihrer Heimat absolvierten, wird bei uns nicht anerkannt. Es gibt unzählige Berichte, dass alteingesessene Flüchtlinge aus ihren Unterkünften plötzlich ausziehen mussten und in schlechtere Lager gebracht wurden, sich auf einmal wieder auf eine neue Umgebung einstellen müssen, da ukrainische Flüchtlinge in ihren Unterkünften untergebracht wurden. Ich könnte unzählige solcher Beispiele nennen.

Lotar Martin Kamm: Falls du noch ein anderes Anliegen hast, welches ich nicht thematisiert habe, so möchte ich dir gern hier die Gelegenheit geben…

Ina Felina: Ich suche aktuell Menschen, die mir helfen möchten und vielleicht mal nach Litauen fahren wollen, um unsere Arbeit dort fortzuführen, sprich Pakete für die Menschen in den Gefängnissen packen und abliefern wollen. Am besten wäre es, wenn die entsprechenden Personen auch einen Führerschein besitzen, denn von der Base braucht man etwa ein bis zwei Stunden, je nachdem zu welchem Gefängnis man fährt – und das geht natürlich nur mit einem Auto. Durch meinen Vollzeitjob habe ich leider gerade nicht mehr die Zeit, das selbst zu machen. Ich kann aber weiterhin von Berlin aus in meiner Freizeit koordinieren, Spenden annehmen, sortieren und organisieren.

Lotar Martin Kamm: Im Namen von Makadamo bedanke ich mich recht herzlich fürs Interview und wünsche weiterhin dir und deinem Team ganz viel Energie und möglichst viel Hilfe.

Ina Felina: Ich bedanke mich auch herzlich bei dir und hoffe, dass möglichst viele Menschen diesen Text lesen werden, und bestenfalls konnte ich damit gar einigen von ihnen die „Augen öffnen“, bzw. sie zum Nachdenken anregen.

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Eine Antwort zu ‚Projekt 009‘ – zweites Interview mit Ina Felina

  1. anonymia schreibt:

    Tolles Interview! Btw: Danke fürs Gendern – schade nur, daß nicht durchgehend gegendert wurde! Der systematische Rassismus, der hier eindeutig zu erkennen ist, muss endlich aufhören. Es wird immer noch viel zu wenig aufgeklärt. Es müsste Gesetze geben, dass jede Behörde, jedes Unternehmen, jede Schule, jeder Verein regelmäßig von Regierung und NGOs entwickelte Schulungen durchführen muß. Gerade wir, als Deutsche, müssten mit unserem geschichtlichen Hintergrund eine Vorreiterrolle in Anti-Rassismus und Anti-Fremdenfeindlichkeit einnehmen! @den Autor Herr Kamm: Gerne mehr solcher Interviews! @Frau Felina: Vielen Dank für Ihre Arbeit!

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