Mutig Frieden entgegentreten


https://pixabay.com/de/illustrations/t%c3%bcren-w%c3%a4hlen-sie-entscheidung-1974014/

Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

Um Wut besser zu kanalisieren

Menschen, die mutig einschreiten, wenn eine in Gefahr schwebende Person bedroht wird, durch Ertrinken, eingeklemmt sein in einem verunglückten Auto, beim Sprung aus einem brennenden Fenster, bei einer rassistischen Auseinandersetzung, bei Streitigkeiten, können oftmals gar nicht im Nachhinein erklären, was ihnen die Kraft und Stärke verlieh, in diesen Situationen einzugreifen, bei denen sie bedenkenlos sogar ihr Leben aufs Spiel setzten. Es sind Entscheidungen, die sekundenschnell getroffen werden, quasi ohne nachzudenken.

Wut hingegen steigert sich über mißfallen, zu aufregen, zu wütend, dabei ist es unerheblich, ob die angestaute Wut sofort oder erst in Tagen oder Wochen zum Ausbruch kommt. Wut entsteht meistens durch vorangegangene seelische Kränkungen und oder durch körperliche Verletzungen, in seltenen Fällen tritt sie spontan auf. Dann ist sie vergleichbar mit Mut, allerdings kann sie sich hierbei schnell in blinde Wut verwandeln, also keine Grenze finden, selbst wenn die Wut nicht mehr nötig wäre, weil das Gegenüber bereits signalisiert hat, bei der Auseinandersetzung aufzugeben.

Wir bewundern in den letzten Tagen den Mut, den die ukrainische Bevölkerung gegenüber den russischen Soldaten, die in ihr Land eindringen, aufbringt. Sie diskutiert lautstark mit schwer Bewaffneten, stellt sich vor Panzer und schweres Gerät. Woher nimmt sie diesen Mut?

Schlägt man beim Duden nach der Wortherkunft von Mut nach, liest man nur den Begriff „muotec“. Erfährt lediglich, daß mutig auch für beherzt, couragiert, draufgängerisch und entschlossen als Synonym verwendet werden kann.

Das Wort Mut kann durch die Begriffe Beherztheit, Bravour, Draufgängertum, Entschlossenheit ersetzt werden und man staune, hier erfährt man im Duden bei der Wortherkunft folgendes: mittelhochdeutsch, althochdeutsch muot, Gemüt(szustand), Leidenschaft, Entschlossenheit, Mut.

Nicht gerade sehr aufschlußreich, diese Erklärung.

Wesentlich interessanteres liest man im DWB (Gebrüder Grimm) unter dem Wort „mutig“.

mutig, adj. und adv. animosus, magnanimus, alacer u. ähnl.

1) goth. môdags, altnord. môðugr, drückten nach der ostgermanischen bedeutung des substantivs (vergl. unter mut I, 1, sp. 2781) zornentbrannt, zornig, heftig aus, und die westgermanischen sprachen nahmen, trotz des anders gewordenen sinnes des subst., an dieser gesteigerten bedeutung theil: ags. môdig, mutig, aufgeregt, alts. môdag, môdig, böses oder feindliches gemüt habend, zornig, feindlich, wild, böse,…

Und beim Wort „Mut“ erfahren wir:

mut, muth, m. animus.

I. herkunft und formelles.

1) mut ist ein altes gemeingermanisches wort: goth. môds, altnord. môðr, schwed. dän. mod; ahd. mhd. muot; alts. ags. fries. môd, niederl. moed, engl. mood. in der bedeutung scheidet sich das ostgermanische von dem westgermanischen, altnord. môðr, aufgeregtheit, erbitterung (was im dän. mod sich bisweilen noch erhalten hat, während sonst das dänische und schwedische unter einflusz des nhd. den neueren begriff des wortes angenommen haben), das goth. môds übersetzt Luc. 4, 28 griech. θυμός, Marc. 3, 5 ὀργή, wo Luther beidemal zorn gibt; im gesamten westgermanischen dagegen hat das wort den allgemeinen sinn des menschlichen innern als sitz des fühlens, denkens, begehrens, strebens überhaupt, was sich noch in unserm gemüt theilweise bewahrt hat (vergl. th. 41, 3294 ff.); doch scheint die ostgermanische bedeutung   /Bd. 12, Sp. 2782/ im alts. und ags. adjectiv môdig noch hervor, sofern es wild, aufgeregt, zornig heiszt. hiernach darf als grundbedeutung wol bewegung des innern, lebendige empfindung angenommen werden, welche sich in den beiden hauptzweigen des germanischen verschieden entfaltet hat. eine sichere beziehung zu urverwandten sprachen entgeht: es musz in dem worte ursprünglich eine eigenthümliche noch nicht aufgehellte äuszerung des germanischen geistes ausgedrückt liegen, sei es nach der kriegerischen oder nach der religiösen seite hin. verglichen wird sonst wurzel mâ, griech. μαίομαι, begehren, slav. mě in sŭ-měti, wagen, vergl. Kluge etym. wörterb. 233b.

Schon wesentlich erklärender, oder? Mut als ursprünglich Aufgeregtheit, Erbitterung, später im gesamten „westgermanischen dagegen hat das Wort den allgemeinen Sinn des menschlichen Innern als Sitz des Fühlens, Denkens, Begehrens, Strebens überhaupt, was sich noch in unserm Gemüt theilweise bewahrt (hat).

Mut und mutig demnach eine innere Kraft, die uns anregt zu fühlen, zu denken, zu begehren, zu streben, wohin? Zu einer Veränderung des momentanen Geschehens zu einer positiven Klärung. (Der Hinweis auf kriegerische oder religiöse mutige Taten, widerspricht nicht dem Wunsch oder Willen zur positiven Klärung, denn auch bedarf es Mut in das Geschehen bedenkenlos einzugreifen.)

Über das Wort wütend liest man im Duden nur Synonyme, aggressiv, ärgerlich, aufgebracht, cholerisch und nichts über die Wortherkunft.

Wut kann mit Ärger, Aufgebrachtheit, Empörung, Entrüstung im Sprachgebrauch ersetzt werden.

Und über die Herkunft des Wortes Wut erfahren wir, es stammt von „mittelhochdeutsch, althochdeutsch wuot, zu althochdeutsch wuot, unsinnig.“

Den langen Text bei DWB (Gebrüder Grimm) kann jeder selbst nachlesen, hier liste ich nur die relevanten Textzeilen auf: heftige seelisch-leibliche erregung und ihre äuszerungen,…-… die frühen adj.-ableitungen ahd. wuotac und wuotan (hierzu der göttername Wodan)…-… mnl. woet (junge nebenform woede) ‚besessenheit, raserei, leidenschaftliche erregung, begierde’…-…seit dem ahd. ist wut bezeichnung verschiedener dämonistisch gedeuteter krankheitsbilder (A). der aspekt krankhafter entartung, der auch in den anderen bedeutungsbereichen bis heute betont werden kann,…-…

Dies sollte ausreichen um aufzuzeigen, daß beide Begriffe von einer inneren Kraft, einer Erregung, einem Gefühl ausgelöst werden. Sie sind nicht wirklich völlig anderen Ursprungs, für beide Handlungsweisen, Mut und Wut (muot, wuot), benötigen wir eine heftige Emotion als Auslöser. Eine Emotion, die uns über unseren Schatten springen läßt, die uns eine Kraft verleiht, deren wir uns nicht bewußt sind, und mit der wir über uns hinauswachsen können.

Eine Stärke, die uns in Situationen, in denen Hilfe vonnöten, um schreckliches abzuwehren, alle Sinne der Vorsicht, Angst vergessen läßt.

Der Mut der Menschen in der Ukraine oder in anderen Krisengebieten, der Mut eines jeden Einzelnen, der zu Hilfe eilt, um andere zu retten, ist ein Zeichen für zwischenmenschliche Fürsorge, die uns allen innewohnt. Manchmal kann es allerdings erforderlich sein, daß dieser Mut aus Wut erwachsen ist, um einen Frieden wiederherzustellen.

Niemals aber ist Wut als ein Mittel dafür geeignet. Die sogenannten „Spaziergänger“, die sektenartig auftretende „Querdenken-Bewegung“ oder wie sich all die anderen „besorgten Bürger“ auch immer benennen, haben in all den Monaten, in denen eine Gemeinschaft Hilfe benötigt hätte, um mit den Problemen von Flucht und Corona lösungsfähige Wege zu finden, sich auf Podeste gestellt oder die Straßen als Bühne benützt, haben niemals Mut gezeigt, sie sind angetrieben von einer Wut. Einer Wut auf demokratische Entscheidungen, einer Wut, die ihnen den Erfolg ihrer Herrschaft über Meinungsbildung ermöglicht. Auch wenn sie sich gerne als Mutige titulieren, sie sind nichts anderes als besessene Möchtegerns, die begierig darauf sind, über andere Menschen Macht auszuüben.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumnen

Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..