Wenn Grusel sich in Bewegung setzt


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Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Gruselgeschichten, wer kennt sie nicht, ob selbst in einem Buch lesend, aus Erzählungen oder sitzend im Sessel oder Kinostuhl über den Bildschirm, die Leinwand flimmernd. Vielleicht mit unüberwindbaren Spätfolgen, nachts keinen Schlaf mehr finden, bei gewissen Geräuschen ein Zusammenzucken, einsame Plätze, Dunkelheit meiden, Personengruppen nicht mehr vertrauen, Tiere und Pflanzen als monströse Kreaturen ansehen, bestimmte Gebäudearten als Orte des Schreckens erkennen und so weiter.

Dabei spielt es keine Rolle, inwiefern die Geschichten annährend einer Wahrheit entsprachen oder reine Phantasiegebilde waren oder sind. Einmal als Schrecken im Gedächtnis festgesetzt, öffnet sich bei ähnlichen Situationen, die in den Geschichten vorkamen, sämtliche Vorstellungsmöglichkeiten von furchterregenden Geschehnissen, die akut bedrohlich wirken.

Eigentlich ein Schutzmechanismus, der uns vor reellen Gefahren beschützen soll, das gruselige Gefühl, das einem kalt den Rücken runterläuft und uns eine Botschaft sendet, paß auf! Heute spricht man eher von Horror, das dieses Gefühl auslöst, eigentlich schade.

Gruseln, früher grüseln, entstammt dem mittelhochdeutschen gruiseln, und ist eine Intensivbildung zu grausen. Andere Wörter sind, Angst/Furcht haben, sich ängstigen, sich fürchten, sich grausen (Duden)

Grausen, mittelhochdeutsch grūsen, griusen, althochdeutsch (ir)grū(wi)sōn, zu grauen. Synonyme dafür, frösteln, durchfrösteln, sich gruseln, kalt den Rücken herunterlaufen (Duden)

Grauen, mittelhochdeutsch grūwen, althochdeutsch (in)grūēn, Herkunft ungeklärt. Andere Begriffe, Angst/Furcht haben, sich ängstigen, sich entsetzen, sich fürchten (Duden). Nanu, ungeklärt?

Der Grusel ist natürlich das Substantiv zu gruseln, einfach oder? Hier findet man im Duden keine Herkunftserklärung.

Aber es findet sich in unserer Sprache noch einen anderen Grusel. Der Grusel ist grober Sand und kleinere Steine; Kies. Die Wortherkunft leitet sich von Grus ab.

Der Grus, aus dem Niederdeutschen < mittelniederdeutsch grūs = in kleine Stücke Zerbrochenes < mittelniederländisch gruus = grob Gemahlenes, vgl. mittelhochdeutsch grūʒ = Sand-, Getreidekorn, verwandt mit groß. Andere Wortbegriffe, Schutt, Abfall, körniges Gestein, grobkörniger Kohlenstaub. (Duden) Okay, suchen wir noch die Bedeutung von groß.

Groß, mittelhochdeutsch, althochdeutsch grōʒ, ursprünglich = grobkörnig. Der Duden listet unter Synonyme folgende Wörter auf, aufschneiderisch, prahlerisch, prahlsüchtig, vollmundig und als Antonym, wie könnte es anders sein, klein.

Genug der wissenschaftlichen Herkunftserklärungen. Wenn es uns gruselt, läuft es den meisten Menschen kalt den Rücken runter. Was läuft denn da, das so Angst einjagt, daß wir zittern, die Sprache versagt und uns schwindelt?

Gespenster, die in Schlössern, Burgen, Häusern ihren Wohnsitz verteidigen, rasseln gerne mit Ketten oder sonstigen Gegenständen, die klirrende Geräusche von sich geben, so jedenfalls beschreiben es die Angst und Schrecken einjagenden Geschichten. Huhu-Geräusche, die windähnlichen Charakter aufzeigen sollen, sind meist inbegriffen. Also nicht ein längeres Windpfeifen, sondern mit tröpfchenweise gespickter melodischer Abfolge.

Sand, Kies, kleine Steine, Getreidekörner ähneln melodisch bei ihrem Fließverhalten oder beim Begehen knirschenden oder klirrenden Tönen. Der Grusel lebt oder vielmehr signalisiert Gefahr. Ins Rutschen kommendes Gestein oder auch Getreidekörner können Unfallquellen sein, sind es bei unsachgemäßer Begehung oder Handhabung allenthalben. Hierbei ist es irrelevant, ob man sich unter der Erde (Bergbau) oder auf flachem Land befindet (Sanddünen), oder ob es einzelne Stückchen Gestein oder Felsbrocken sind, die Geräusche sind allesamt ähnlich einem Knirschen oder Klirren, manchmal auch Surren.

Gruseln, grausen sind eindeutig Ausdrücke, um diesen Zustand des Fürchtens zu beschreiben, ob tatsächlich das „Grauen“ wirklich als ungeklärt gelten kann, bezweifle ich. Denn wenn es einem schwarz vor Augen wird oder neblig beige, hat man oft gleichzeitig ein Summen in den Ohren, somit reihe ich auch „Grauen“ in die Sprachherkunft von Grusel (Grus) ein.

Und die Kälte, die den Rücken runterläuft, ist sicher nicht nur mit dem Aufstellen der kleinen Härchen (ähnlich wie bei den Tieren Nackenhaare aufstellen), sondern auch darin begründet, daß Steinchen, Kies oder Sand eine gewisse Kälte implizieren.

Somit ist Gruseln eigentlich nichts anderes, als ein Zusammenspiel von Geräuschkulisse und der Vorstellung eines nahenden Unglücks. Und das Wort „groß“, grobkörnig, das mit Grus sprachverwandt ist, einfach nur die Verstärkung von der zu benötigten dringenden Vorsicht vor diesem Material.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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4 Antworten zu Wenn Grusel sich in Bewegung setzt

  1. Wortman schreibt:

    Interessant, was man doch alles aus einem Wort basteln kann 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. quittenbluete schreibt:

    Habe deinen Kommentar auch nicht als abwertend gelesen, zudem hattest du ein Grinse-Smile angehängt. Mich störte einfach das Wort basteln. Das liest sich als zuammengeschustert, ohne wirklichen Konsens.

    Gefällt mir

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