Entsetzen erscheint in einem anderen Kontext


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Bild von Dr StClaire auf Pixabay

Außer Frage, es geschehen entsetzliche Dinge. Geschehnisse, bei denen sich selbst bei uns Menschen die Nackenhaare sträuben, ähnlich den Tieren, deren Fell von Kopf bis zum Rutenansatz sich hochstellen. Übrigens können weder Menschen noch Tiere diese Reaktion bewußt herbeiführen. Ein Zeichen, daß hier das Gefühl sozusagen die Führung übernimmt. Etwas gruselt uns nicht nur, wir erschrecken auch.

Laut Duden entstammt das Wort dem Mittelhochdeutschen entsetzen und ist gleichbedeutend mit absetzen, fürchten, befreien; gebildet aus dem Althochdeutschen intsezzen, fürchten, argwöhnen.

Synonyme sind, aus der Fassung geraten, fassungslos sein, in Angst und Schrecken fallen.

Vielleicht ist ihnen aufgefallen, möglicherweise wurde es überlesen, das Wort „befreien“ wird gleichgesetzt mit „fürchten“. Kein Schreibfehler, sondern eine oder die kognitive Erklärung zu dem oben beschriebenen Gefühl, des gleichzeitigen Gruselns und Erschreckens.

Eine Stadt, eine Division entsetzen, entlehnt aus dem militärischen Bereich, der Begriff dafür eine belagerte Festung oder einen eingeschlossenen Truppenteil durch neu herangeführte Truppen zu befreien. (Duden)

Fast unnötig zu erwähnen, das Substantiv, „Entsetzen“ wird im Duden mit Grauen und panikartiger Reaktion verbundener Schrecken erklärt.

Ohne große gärtnerische Kenntnisse ist es sicher jedem bekannt, daß von Blumenzwiebeln setzen gesprochen wird, wobei die Zwiebeln in die Erde gesetzt werden, diesen Vorgang könnte man auch einsetzen nennen. Apropos „einsetzen“, um bei den Pflanzungen gute Ergebnisse zu erzielen, setzt man, wo nötig, andere Pflanzenarten dazwischen, um etwa damit Schädlinge abzuhalten oder weil die Pflanzen in Kombination besser gedeihen.

Das althochdeutsche Wort intsezzen ähnelt beim Lesen eher dem „einsetzen“ als „entsetzen“, oder? Ein Hinweis auf diese frühere Bedeutung erklärt sich mit dem o.g. Wort „absetzen“. Hierzu ein Beispiel von DWB gewöhnlich aber von personen: dem herrn und gebieter steht es zu, diener zu setzen und entsetzen; der könig setzet und entsetzet etliche bischöfe; ein schultheisz ward entsetzt.

Hier wird das Wort für „einsetzen“ und „absetzen“ einer Peron in ihrem Amt angewendet.

Dieses Beispiel verdeutlicht eine andere Sachlage: die stadt entsetzen, urbem obsidione liberare, des feindes entsetzen: die burg wurde hart belagert und erst nach sechs wochen entsetzt; zumal niemand vorhanden, der die stadt entsetzet oder den feind abtreibet (DWB)

In diesem Textausschnitt leicht erkennbar das Wort „befreien“.

Um wieder auf das Pflanzen zurückzukommen, durch das Einsetzen anderer Pflanzengattungen befreien wir eine Pflanze von Ungezieferbefall oder sorgen dafür, daß sie besser wächst.

Somit wäre intsezzen in seiner ursprünglichen Bedeutung eher mit befreien, als mit „fürchten“, gleichzusetzen.

Wäre da nicht auch die Möglichkeit, sich des eingesetzten Amtes als unwürdig zu erweisen oder die Stadt mit unverhältnismäßiger Gewalt zu befreien. Hierdurch wäre das intsezzen ein Schrecken verbreitendes Szenario.

Bleibt noch zu erwähnen „setzen“ (sitzen machen) entstammt dem althochdeutschen sezzan. („Sitzen machen“ erinnert an Dressurmethoden mit Tieren, an ein erzwungenes Verhalten, ein vom Gegenüber einwirkendes Kommando oder Befehl zum Handeln.)

Und nicht zu vergessen die Vorsilbe „ent“. Sie drückt aus: 1. etwas wieder in seinen eigentlichen Zustand zu setzen, “entmutigen“. 2.  den Beginn von etwas zu erklären, „entfachen“. 3. um Gegenteiliges zu benennen, „entkleiden“. 4. um Weggehen oder Entfernen zu bezeichnen, „entfliehen“.

„Entsetzen“ wäre demnach freiwilliges Sitzen; der Anfang eines Geschehnisses, sitzen; das Gegenteil, also stehen, rennen oder ähnliches; um die Handlung zu beschreiben vom Sitz in eine andere Position sich zu verlagern.

Und diese vier Aufzählungen machen uns fürchten, jagen uns Angst ein, erschrecken uns bis ins Mark?

Womöglich erschüttern uns bis heute gefühlsmäßig mehr die Schrecken, die mit einer Benennung für ein Amt, die Befreiung einer Stadt durch neue Truppen mehr, als die Tatsache, daß eine ursprüngliche Situation wiederhergestellt werden sollte.

Da intsezzen auch argwöhnen bedeutet und „entsetzen“ nicht zuerst über den Verstand von uns wahrgenommen wird, ist es wahrscheinlicher, daß das Entsetzen uns deshalb unter die Haut geht, weil Skepsis und Tatsache in diesem Moment gegeneinander aufgewogen werden.

Denken wir zurück an die Pflanzen, damit eine von uns bevorzugte Pflanze geschützt wird, setzen wir zum Entsetzen von sogenanntem Ungeziefer oder Unkraut eine andere Pflanzenart dazwischen. Bleibt die Frage, setzen wir damit diese ungewollten „Gäste“ auch in Angst und Schrecken?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumnen

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