Durch das fließende Glas


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Beruhigt es mich wirklich, hier vor der Glasscheibe zu stehen und die nach Sortiment dekorierten Waren anzustarren? Ich starre nicht, ich staune, ich begutachte, ich lächle über diesen Plunder, überlege, ob ich mir dies oder jenes kaufen möchte. Nichts Bestimmtes bleibt hängen, meine Gedanken schweifen über das Angebot an Möglichkeiten des Besitzens.

Es tut gut. Wirklich, es war die richtige Entscheidung, vor einem Glas, einer durchsichtigen Wand zu stehen, als auf der Bank am Wasser zu sitzen und den Wellen beim Takten ihres Rhythmusfindens zuzusehen und zu hören. Hinter mir wäre kein fließendes Leben, nur schlendernde Spaziergänger, spielende Kinder, hie und da Radfahrer und Hundegassigeher. Der Verkehrsstrom beruhigt. Mich. Undenkbar. Aber fühlbar.

Das leise und laute Brummen, von rechts nach links verschwindend, von links nach rechts sich auflösend, dazwischen gedämpftes Türenzuschlagen, die hellen Pieptöne, die Türen öffnen, ohne Berührung, all das beruhigt mich. Schade eigentlich. Miese Luft inklusive. Teure exklusive Must-haves. Und ich, ich dazwischen schwelgend nach einer Pause, nach Ruhe, nach einem Fixpunkt, dem ich folgen könnte. Nein, lieber nicht folgen, einfach betrachten ohne Gedanken, ohne eine Idee, ohne Mehrwertsteuer, inklusive, ohne exklusive Minderheit.

Ein fünfstelliges Zahlenschloß, Vorderseite versilbert mit Strass-Steinen im Angebot für 139 €. Eine Gravierung kann gefertigt werden. Pro Buchstabe 10 €. Sofortgravur möglich. Ein silbernes Zahlenschloß. Wofür? Vielleicht zur Beruhigung. Zum stundenlangen Nummernsuchen, wenn die Zahlenkombination verlorengegangen. Reine Meditation. Rädchendrehen von 1 bis 99999. Fünfstellig, wie sinnig, Verzögerung des Machbaren, des Erreichbaren. Mein erstes Fahrrad, blau, etwas zu groß, aber schließlich ist man im Wachstum, selbstverständlich ein Zahlenschloß, dreistellig, mit blauem Plastikschutz für die Kette.

Das Fahrrad fiel den Steilhang hinunter, bevor ich die Größe hatte, bequem mit ihm zu fahren. Die aufgeschichteten Steine am Ufer demolierten es derart, daß keine Reparatur mehr möglich war. Ich konnte rechtzeitig abspringen, hatte zwar einige heftige Schürfwunden und die rechte Hand verstaucht, aber ich bin nicht mit ins Wasser gefallen. Laute Stimmen und Lichtstrahlen der Taschenlampen kündigten den Suchtrupp an, der mich apathisch und zusammengekrümmt vor meinem im Wasser liegenden Fahrrad fand. Fünf, drei, acht. Fünf Finger an einer Hand. Fünf plus drei (Mutter, Vater, Kind) ergibt acht, so alt bin ich.

Fünf, drei, acht. Ich kenne die Kombination immer noch. Seit sechzig Jahren abgespeichert, aus einer Nische gespült, ein Verbindungsglied zwischen Rad und mir.

„Hallo, ich möchte das fünfstellige Zahlenschloß mit den Glassteinen und mit einer Gravur, wenn es möglich ist, zum gleich mitnehmen.“

„Was möchten Sie denn eingraviert bekommen, falls der Aufwand nicht zu groß ist, können wir es selbstverständlich sofort gravieren.“

„Och, nur vier Buchstaben, hier oberhalb dieses Steins soll in Großbuchstaben „ex“ und unterhalb „in“ eingraviert werden.“

„Okay, das ist machbar, möchten Sie hier warten oder lieber in einer halben Stunde wiederkommen?“

„Ich warte draußen vor dem Fenster.“

Es fließt, es strömt, es bleibt hängen, es wird abgespeichert das Leben. Fünf, drei, acht, eins, null. Eins, für ja, Null für nein. Ja und nein, ewiges Wogen, Abwägen, Ebbe und Flut, Yin und Yang, Für und Wider. Unsinnigem Handeln Sinn geben.

„Hier ist erklärt, wie Sie Ihre Zahlenreihenfolge eingeben, bevor Sie das Schloß schließen. Sollen wir es als Geschenk einpacken?“

„Nein, es wird gleich benützt.“

So, mein exklusives Schloß, gleich darfst du inklusive deiner abgespeicherten Zahlen in den Wellen zur Vergangenheit und Zukunft abtauchen. Natürlich werde ich dich oft besuchen, dich unter dem Wasser fixieren und dir meine Gegenwart schenken.

Fünf Finger an jeder Hand. Mama, Papa und ich sind drei. Acht Jahre bin ich alt. On, das Licht geht an. Off, das Licht geht aus. EX oben, IN, unten. Von rechts unten und von rechts oben gelesen, NIXE.

Gesine liebt die glitzernde Nixe, die an einer Boje befestigt, tief unter Wasser zu ihr aufblickt. Sie fixieren sich im fließenden Glas.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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