Die Masken


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Bild von mostafa meraji auf Pixabay

Am Anfang war ich Ich.
Das war schön,
so sorglos…
Da wußte ich noch nichts von den Masken,
wieviel Einfluß sie hatten,
daß fast alle um mich herum sie trugen,
das ging so weiter bis…
Ich glaube, bis ich in den Kindergarten kam.
Ja, da hat es angefangen,
dort bekam ich dann auch meine allererste Maske.
Aber dazu kommen wir gleich.
Denn als ich dort zum ersten Mal war, trugen die meisten anderen Kinder wie ich keine Maske.
Sie kannten sie auch noch gar nicht.
Die Masken.
Mit der Zeit setzten sie sie alle auf.
Auch mir wurde schnell klar, daß ich eine brauchen werde.
Also begann ich, an meiner ersten Maske zu arbeiten.
Es war nicht schwer.
Und sie war praktisch genau wie ich,
nur halt ein bißchen anders.
Natürlich zog ich sie auch an.
Jeden Tag sobald ich den Kindergarten betrat.
Nahm sie wieder ab, sobald ich ihn verließ.
Sie half mir.
Beschützte mein Gesicht,
sorgte dafür, daß andere mich verstanden.
Kurzum, sie funktionierte perfekt.
Also machte ich mehr,
nicht viele, vielleicht 2 oder 3,
mehr brauchte ich auch nicht.
Das änderte sich, sobald ich in die Schule kam,
dort brauchte ich einige mehr.
Eine, die mich allgemein zu einem Schüler machte.
Und darüber zog ich dann weitere.
Eine für meine Klassenlehrerin.
Eine für meine Mitschüler.
Eine für die 2-3 Freunde, die ich hatte.
Und sogar für meine Familie.
Ich dachte nicht weiter darüber nach.
Ich tat es.
Es war einfach,
denn je mehr Masken ich hatte, desto leichter war mein Leben.
Mir war nicht mal wirklich bewußt, was ich da tat.
Sie entstanden fast wie von selbst.
Irgendwann kam dann die weiterführende Schule.
Dort ging es dann richtig los,
für jeden Lehrer,
jeden Schüler.
Für jede Situation
hatte ich eine Maske.
Nicht nur in der Schule.
Und meistens gleich mehrere auf einmal.
Einige sahen schon gar nicht mehr nach mir aus.
Damals wußte ich nicht, was sie mir antaten.
Die Masken…
Ich merkte nicht wie sie das, was unter ihnen war, veränderten.
Vielleicht, weil sich in dem Alter allgemein viel verändert.
Doch selbst als es mir klar wurde,
nutzte ich sie weiter.
Mir blieb ja gar nichts anderes übrig.
Ohne sie konnte ich nicht mehr überleben.
Keiner von uns tut das…
Um der Veränderung zumindest ein bißchen entgegenzuwirken, lernte ich sie so zu formen, daß sie mir wieder ähnlich sahen.
Doch ich verstand immer noch nicht, was sie wirklich taten.
Die Masken.
Eines Tages dann kam ich wie gewohnt nach Hause,
warf mich auf mein Bett.
Nahm sie ab,
all die Masken.
Eine nach der anderen.
Am Ende sogar die, die ich sonst nie abnahm.
Ich stand auf.
Ging zum Spiegel.
Betrachtete das, was darunter war.
Das, was ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte,
was das letzte Mal ganz anders aussah,
mich…
doch das Gesicht, das ich sah,
wirkte ungewohnt.
Fremd.
So ganz ohne meine Masken…
Aber halt,
was war das?
Ich bemerkte einen dünnen Faden,
hatte ich eine übersehen?
Schnell zog ich auch diese letzte Maske ab.
Entsetzt blickte ich in den Spiegel,
darunter… war nichts.
Eine leere gräuliche Aushöhlung.
Wie war das möglich?
Wo war mein Gesicht?
Wo war ich?
Ich bekam Panik.
Durchwühlte verzweifelt den Berg an Masken.
Irgendwo mußte es doch sein.
Mein Gesicht,
mein wahres Ich.
Vergebens.
Keine der Masken war wirklich Ich.
Mein wahres Gesicht war schon lange fort.
Die Masken hatten es mir genommen.
Aber die Erkenntnis kam zu spät.
Also fing ich den nächsten Morgen an, wie jeden anderen auch.
Stand auf,
richtete mich,
zog mir meine Masken an,
ging los,
Tja…
Und heute?
Heute habe ich es akzeptiert.
Daß es mich nicht mehr gibt.
Daß ich eine Maske bin,
so wie alle anderen.

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Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Die Masken

  1. D. H. Ludwig schreibt:

    Das ‚wirkliche Ich‘ als einen festen Kern der Persönlichkeit gibt es nicht oder allenfalls als hinderliche Illusion. Wir sind einfach ein Glied einer Kette von Ursachen und Wirkungen in einer Welt, in der sich alles dauernd ändert.

    Gefällt 1 Person

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