Wenn Star-Historiker zu Fehleinschätzungen gelangen


Wie bitte, Herr Niall Ferguson?

Immerhin hat der Schotte in Harvard studiert, trotzdem kein Freifahrtschein willkürliche Kritik vom Stapel zu lassen, die obendrein manch Behauptungen aufstellt, die so gar nicht treffsicher oder gar fundiert Erwähnung finden sollte. Das ließen sich aber die beiden Journalisten bei T-Online, Marc von Lüpke und Florian Harms, keinesfalls nehmen, interviewten Niall Ferguson: „Ein gewaltiger Flüchtlingsstrom wird nach Europa kommen“

Ach, tatsächlich? Und selbst wenn, Grund genug bei Angela Merkel nachzutreten, wo sie jetzt ihr Amt beendet? Das erinnert ziemlich an BILD-Stil, zugegeben, ein harter Vergleich. Aber beim Lesen von Fergusons Argumenten standen mir die letzten noch verbliebenen Haare zu Berge. Trotzdem immer schön der Reihe nach.

Manche Kritikpunkte berechtigt, doch im Ergebnis zweifelhaft

Gleich vorneweg, mit dem Wissen, ein Angelsachse beurteilt deutsche Politik, obendrein ein Historiker, verwundert mich doch dessen einseitige Betrachtungsweise. Richtig ist, daß Frau Merkel Putins beste Agentin ist, daß die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 ein moderates Mittel für Russland sei, Deutschland erpreßbar zu machen. Dennoch, der Historiker übersieht wohl den diplomatischen Spagat, sich mit Russland gutzustellen, während der Bündnispartner, die USA, besonders zur Trump-Ära und auch darüberhinaus, es sich nicht nehmen lassen, den Druck gen Russland zu erhöhen.

Fergusons Behauptung, die Annexion der Krim durch Putin hätte Deutschland faktisch akzeptiert, ist Nonsens, genauso sein Lob, daß Trump der Ukraine Waffen gegeben hätte. Aha, da ist die Nähe zum angelsächsischen Gedankengang, einer der deutlichen Punkte. Kriegsszenarien sind natürlich Steckenpferde für Historiker bei ihren Überlegungen. Den Bündnisfall zu zitieren, Deutschland würde Washington um Hilfe bitten, bedarf keines historischen Studiums. Na, und? Als Sahnehäubchen vom Schotten, der Seitenhieb, wir würden die USA verachten. Ich könnte ausholen, wenn ich wollte, zitiere aber gern jene Feststellung: Der Hegemon entlarvt sich ständig und überall selbst.

Bei Scholz liegt er grundlegend verkehrt – wer die Klimakrise unterschätzt, versagt

Was soll das, dessen Behauptung, Olaf Scholz sei eine männliche Ausgabe von Angela Merkel? Zuviel Focus gelesen oder anderes konservatives Mediengeschwätz verinnerlicht? Allein dessen Anmerkung, die deutsche Automobil- und Maschinenbauindustrie verharre im 20. Jahrundert, spiegelt nicht nur den alten typisch britischen Neid wider, sondern bescheinigt Niall Ferguson gänzliches Unwissen. Selbstverständlich gehen die benannten Branchen mit der Zeit!

Den Vogel schießt er aber spätestens mit Nachdruck ab, beginnend mit der Behauptung, Umweltaktivisten würden die großen Themen der Religionen im Kontext zu Untergangsstimmungen aufgreifen. Lassen wir doch mal die Kirche im Dorf! Klar doch, muß es Proteste geben gegen die Verbrechen wider die Natur, die Umwelt, Herr Historiker. Greta Thunberg lebe im Wolkenkuckucksheim, hätte keine Ahnung von Physik? Aber er habe sie. Soso.

Spätestens jetzt kann man getrost das Interview in die Tonne treten. Ganz besonders dramatisch dessen Befürwortung zu AKWs, zu fossilen Brennstoffen wie Gas. Belassen wir’s dabei, schonen unsere Nerven und empfehlen ihm Vanessa Nakate, die im Zeit-Interview bemerkte: „Kohle können wir nicht essen, Öl nicht trinken, Erdgas nicht atmen.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Meinung

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