Ernsthaft


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Frau Gruber kniet im Garten, Else darf ich nicht sagen, das ist nur Erwachsenen erlaubt, sie, die Frau Gruber kniet wie in der Kirche, aber sie zupft Unkraut aus ihren Beeten, andere bücken sich, Gruber Else nicht, das darf ich auch nicht sagen, Frau muß ich sie nennen, Frau Gruber, obwohl ich sie schon mein ganzes Leben lang kenne, die Frau Gruber. Von meinem Fenster aus kann ich sie sehen, knieend, und das ist gut so. Eugen, Dieter und Evi sind ihre Kinder, Evi heißt Rita, aber keiner nennt sie so, ich bin oft mit ihnen zusammen, heute waren wir oben im Heuboden, dort warten Eugen, Dieter und Evi auf mein Zeichen. Mein Rufzeichen.

„Ernsthaft!“, meinte Eugen, die Hände in die Hüften gestemmt und uns zum Kampf bereit beobachtend.
„Enthas!“, wiederholte Dieter.

Dieter ist erst zwei Jahre alt und ein großer Freund von Eugen. Eugen ist auch mein Freund, wir gehen in dieselbe Klasse, Evi ist meine beste Freundin, obwohl sie älter ist und bereits die dritte Klasse besucht. Sie durfte mir sogar die Flasche geben, als ich noch ganz klein war und mich im Kinderwagen schieben. Mich schob sie lieber über den Hof als Eugen, denn ich hatte den schöneren Kinderwagen. Sie mag mich mehr als ihren Bruder Eugen. Aber weniger als Dieter.

„Und wenn sie es doch schon heute merken? Und wenn die Henne wieder zurückläuft? Du weißt, wir kriegen ganz großen Ärger. Und sicher du am meisten, das ist dir doch klar! Ich sag das jetzt zum letzten Mal.“ Evi versuchte nochmal Eugen zu warnen, so wie die ganzen letzten Tage.
„Ich übernehme die ganze Verantwortung. Ernsthaft! Das sage ich nicht zum Spaß, sondern ernsthaft. Ihr müßt einfach die Schultern zucken und von Nichts nichts wissen. Ernsthaft, das kann doch nicht so schwer sein!“
„Hmmh, und wenn doch der Dieter uns verrät?“ Evi strich Dieter liebevoll durch seine struppigen braunen Haare wie über das Fell einer Katze.
„Wer glaubt schon Dieter? Dieter, du hast doch nichts gesehen? Ernsthaft?“
„Nits geseht, enthas!“, erwiderte Dieter und schüttelte seinen Kopf.
„Da, ihr habt es selbst gehört, der Dieter hat nichts gesehen und wird nichts sehen. Wir können jetzt unser Versprechen einlösen. Oder seid ihr zu feige der Gina eine Freude zu machen?“, fragte er stirnrunzelnd.

Natürlich wollen wir alle Gina eine Freude machen. Seit sie vor ein paar Wochen ins Haus von Möllers eingezogen ist, die beide jetzt in dem neuen Haus von ihrer Tochter wohnen, weil sie zu alt sind. Und weil Annegret das Geld vom Verkauf braucht, damit sie ihren protzigen Neubau bezahlen kann, sagt Frau Gruber und mein Papa. Mama und Papa streiten deshalb, weil Mama der Annegret das nicht zutraut und die Annegret eine ganz Liebe ist, die nur das beste für ihre Mutter und ihren Vater will.

Gina ist mit ihren Eltern während der Sommerferien eingezogen. Sie kommen aus einer Großstadt, sagt Mutter und müssen sich erst an ein Leben im Dorf gewöhnen. Ginas Papa ist Ingenör oder so ähnlich und ihre Mama Lehrerin an einem Gymium, die fahren jeden Tag in die Stadt, aber Ginas Oma ist immer Zuhause. Gina hat ein Zimmer voll mit Spielsachen, manche sind so teuer, die dürfen wir nicht anfassen. Bücher hat sie auch ganz viele, so viele hatte ich noch nie auf einmal gesehen, ein ganzes Regal nur für Bücher. Einen Kaufmannsladen, Puppenstube, eine Küche mit richtigem Geschirr, einen eigenen Spiegel, ganz viele Puppen, Teddybären, Affen, ein Papagei, der krähen kann, nicht richtig, aber wenn man dem auf den Bauch drückt, dann hört man eine krächzende Stimme. Gina schläft in einem Bett, das fast bis unter der Zimmerdecke geht, darunter ist ihre Höhle mit bunten Tüchern und Kissen. In dieser Höhle darf ab heute Lisa wohnen, wir haben schon eine Holzkiste und Stroh rübergebracht, heimlich, denn niemand darf wissen, daß Lisa ab heute bei Gina wohnen darf. Gina ist ganz vernarrt in die weiße Henne und hat sie gleich Lisa getauft. Und eine Henne, die Lisa heißt und weiße Federn hat, die hat es nicht nötig, in einem Hühnerstall zu wohnen, die darf im warmen Stroh hinter den bunten Tüchern die beste Freundin von Gina sein, außer Evi und mir natürlich. Die wird es dort schönhaben, schöner als im Stall bei den anderen Hühnern.

„Nein, ich bin nicht feige!“, sagt Evi.
„Ich auch nicht, ich mag Gina und die Lisa wird es bei ihr gut haben“, sage ich.
„Mag Tschina!“, sagt Dieter.
„Dann wird es jetzt Zeit. Ernsthaft. Wie abgesprochen. Wir bringen jetzt Lisa zu Gina.“

Eugen ist ein wenig rot im Gesicht geworden, er ist, glaube ich, in Gina verliebt. Vielleicht fühlt er sich auch wie ein großer Bruder zu ihr, auch wenn er jünger ist, jedenfalls meint das Mama, der Eugen wird mich immer mögen, schon deshalb, weil ihr zusammen aufgewachsen seid. Eugen streckt mir seine Hand entgegen.

„Ernsthaft, jetzt geht’s los. Frederike, sobald du in deinem Zimmer bist und die Luft rein, rufst du was?“
„Zeppelin“, antworte ich voller Stolz.

Das war meine Idee, denn alle werden zu mir hinauf zum Fenster sehen, wenn ich Zeppelin schreie und in der Zeit können Eugen mit der Henne Lisa im Arm, Evi und Dieter über die hintere Wiese rüber zu Ginas Haus laufen, ohne daß sie von jemanden gesehen werden können, weil doch alle nur zu mir hochgucken.

„Jetzt wird es ernst. Ernsthaft!“
„Enthas!“, sagt Dieter und strahlt uns glücklich an.
„Ernsthaft! So machen wir das“, freut sich nun auch Evi.
„Ernsthaft!“, stimme ich zu, obwohl ich dieses Wort nicht mehr hören kann.

Seit Gina hier wohnt, hört Eugen nicht mehr auf, es ständig zu sagen. Mama denkt, er will damit zeigen, daß er älter geworden ist und vieles besser versteht. Mir aber hat sie verboten, dies Wort auch zu sagen und schon gar nicht, wenn sie mich bittet, den Tisch zu decken. Warum er älter sein darf als ich, das hat sie mir nicht gesagt. Schon dreimal habe ich bis zehn gezählt, niemand ist draußen zu sehen, außer Frau Gruber, die kniet noch immer auf dem Boden. Also tief durchatmen und das Signal zum Rüberlaufen über den Hof schreien.

„Zeppelin!“, rufe ich.
Vielleicht war es zu leise.
„Zeppelin! Zeppelin“, schrei ich, diesmal so laut ich kann.
Frau Else Gruber schaut zu mir hinauf und schreit, „Zeppelin!“
„Zeppelin! Eugen, Evi, Dieter. Zeppelin! Kommt schnell, ein Zeppelin“, sie schreit lauter als ich und rennt hinter das Haus.

Ich verdrücke mich in mein Zimmer, verstehe die Welt nicht mehr, woher wußte sie, daß Eugen, Evi, Dieter und ich heute die Henne zu Gina bringen wollten. Als ich ganz vorsichtig wieder zum Fenster schleiche und hinaussehe, stehen Frau Gruber, Eugen mit der weißen Henne im Arm, Evi und Dieter im Garten und fuchteln mit den Armen.

„Schau, Frederike, ein Zeppelin, ein Zeppelin, genau über eurem Haus!“
Sie sehen alle so fröhlich aus, ernsthaft, ein Zeppelin, ich weiß nicht, was ich sagen soll, ernsthaft.
„Zeppelin“, schreie ich zu ihnen hinunter. „Ernsthaft wahr, ein Zeppelin.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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