Mitten im Atlantik liegt verborgen auf dem Meeresgrund Golaya – Teil 3


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Bild von analogicus auf Pixabay

Zunächst sah sie in der Ferne merkwürdige Steinhaufen, irgendwelche turmartig aufeinandergeschichteten. Beim Näherkommen erfaßte sie erst den Sinn. Sollten dies in etwa Steinmenschen darstellen? Auch erstaunte sie die hohe Anzahl und vor allem, daß kein Stein einfach abrutschte, mittels geschickter Platzierung diese Skulpturen Wind und Wetter trotzten. Auch waren kleine Wege angelegt, so daß man sie aus der Nähe betrachten konnte.

Pelidia war dermaßen fasziniert, daß sie nicht bemerkte, wie sich ein junger Mann ihr näherte, die Augen erstaunt auf sie gerichtet ob ihrer Anmut und Schönheit. Erst als er vor lauter Beobachtung im Begriff war zu stolpern, gerade nochmal sein Gleichgewicht schlimmeres verhinderte, bevor eines dieser steinigen Kunstwerke zusammenfiel, bemerkte die Jugendliche den Menschen. Ihr stockte für einige Momente der Atem, daß er es gewagt hatte, sich ihr einfach so zu nähern. In ihrer Welt war dies keineswegs selbstverständlich, außer daß nur einige vertraute Freunde, Kumpels oder halt ihre Eltern so nah sich mit ihr abgaben, herrschte auf Golaya eine bestimmte Bannmeile, an die sich alle hielten.

Andere Welten, andere Sitten, das war ihr nunmehr ebenso klar. Daher ließ sie den Erstkontakt geschehen, legte ihre anfängliche Angst ab, schaute ihm prüfend entgegen und direkt in dessen dunkelbraune Augen. Ein fröhliches Grinsen erwiderte dieser und streckte ihr freundlich seine linke Hand hin, die sie aber nicht ergriff.

Pelidias Glück sollte nur von kurzer Dauer sein

Gewisse Vorsicht und Instinkt warnten Pelidia vor den Verlockungen menschlicher Nähe zwischen Mann und Frau, zumal sie genug aus ihrer Riesenwelt des Atlantischen Ozeans in Golaya erfahren durfte. Hinzu kam die allgegenwärtige Neugier einer Jugendlichen, welche sich nicht sonderlich von der menschlichen unterschied.

Dennoch berührte sie der forsche, liebevolle Blick des jungen Mannes, der sich als Roja vorstellte und in Menschenjahren gerade mal 17 Jahre alt war. Sie selbst nannte ihren Namen, daß sie zwei Jahre jünger als er sei, weil mit einer 237 Jahren alten Meerjungfrau klarzukommen, das würde wohl eher seinen Verstand überfordern. So beließ sie es dabei, grinste ihn schelmisch an und rannte einfach los.

Selbstverständlich folgte das alte Spiel des sich Fangens, allerdings mit wesentlich mehr Elan, der die Reize des anderen beflügelte, was für Jugendliche allzu typisch so stattfand. Kurzerhand lagen beide im Sand, wobei die ein oder andere leichte Flutwelle sie umspülte. Dabei spürte Pelidia ganz deutlich kleine Botschaften, die ihr Vorsicht signalisierten. So weit reichte der Einfluß von Golaya, immerhin war sie ja bekanntlich die Königstochter von Kalaydia und Oresolio.

Roja bekam von all dem nicht das geringste mit, schaute immerzu verträumt auf sie, streichelte bereits ihre wohlgeformten, langen Beine, die sie selbst wiederum zu schätzen begann. Welch seltsame Eigenschaft, das Rennen auf dem Land, wie sie nunmehr wußte, bis vor kurzem davon gar nichts erahnt hatte. Keine irdische Welt war ihr selbst bekannt, außer von den Andeutungen ihrer Eltern, schon gleich gar nicht das Erleben als Mensch selbst, weil Koriphaius ihr diese Chance gegeben hatte.

Sie lagen am Meer und schauten gebannt dem Sonnenuntergang entgegen, ganz oben auf einer riesigen Palme saß eine Möwe und beobachtete das Himmelsgeschehen, aber ebenso die beiden, die urplötzlich einfach vor Erschöpfung einschliefen.

Am nächsten Morgen erwachte Roja als erster, weckte sie liebevoll, und beide begaben sich landeinwärts, liefen durch Bananen- und Ananasplantagen, genossen die Gerüche der süßen Früchte, schauten sich des Öfteren lachend an, hielten ihre Hände wie zwei typisch Jungverliebte. Für ihn war der Fall klar, während sie nur zu genau wußte, inwieweit ihre gemeinsame Zeit ablief. Nur wie sollte sie es ihm erklären, grübelte die Königstochter, als auf einmal die Möwe von gestern Abend sich auf ihre linke Schulter setzte und laut aufschrie, was Roja irritierte, er gar meinte, diese würde seine neue Liebe angreifen.

Kaum hatte er nach ihr geschlagen, pickte sie ihn ganz kurz am linken Arm, so daß er augenblicklich in eine Ohnmacht fiel. Verdutzt hatte Pelidia zwar zugeschaut, ahnte aber zugleich die eigentliche Absicht. In wenigen Worten gab ihr der Vogel zu verstehen, daß Oresolio sie geschickt habe, den jungen Roja in Schlaf zu versetzen, Pelidia sich durch Koriphaius wieder in ihre ursprüngliche Gestalt verwandeln solle, um zurückzukehren.

Noch einmal schaute Pelidia vom Meer zum Land und sah für einige Augenblicke eine völlig andere Welt, auch stand sie wohl auf einer Anhöhe der Insel, um interessante Behausungen der Menschen zu ersichten, in der Ferne der blaue Ozean. Das mußte ein Stückweit die bevorstehende Zukunft der Menschen sein, die ihre Eltern sie erblicken ließen, die keineswegs in das Weltbild von Meeresnixen paßte. Keine Trauer und Enttäuschung wollte bei ihr aufkommen, ein letztes Mal blickte sie auf den schlafenden Roja, verwandelte sich dank Koriphaius, glitt freudig ins Meer und sollte nie wieder die Kanaren oder ein anderes Land der Menschen aufsuchen, Golaya wartete bereits voller Freude auf die neue Thronfolgerin.

Lotar Martin Kamm

Mitten im Atlantik liegt verborgen auf dem Meeresgrund Golaya – Teil 1

Mitten im Atlantik liegt verborgen auf dem Meeresgrund Golaya – Teil 2

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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