Mitten im Atlantik liegt verborgen auf dem Meeresgrund Golaya – Teil 2


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Der Stein, auf dem sie gerade noch in Ufernähe angelangt gesessen, begann sich zu bewegen und entpuppte sich allerdings als eine Riesenschildkröte, die sie zugleich ansprach.

„Keine Sorge, hier bei mir bist du sicher, ich bin Koriphaius und habe dich erwartet.“ Pelidia staunte ein wenig, fing sich aber schnell wieder. Bevor sie antworten konnte, fuhr Koriphaius fort.

„Du fragst dich sicherlich, wie du an Land kommen kannst, weil mit Fischschwanz unmöglich, stimmt’s?“, und die jugendliche Königstochter nickte still, „ganz einfach, leg dich auf den Rücken und schließe deine Augen“, forderte sie die Riesenschildkröte auf.

Mit dem Gesicht gen Meer lag sie da am Ufer, und nur wenige Augenblicke später blickte sie auf zehn wunderschöne Zehen an zwei schlanken Füßen und langen, wohlgeformten Beinen, Pelidia hatte sich in ein junges Mädchen verwandelt. Freudig sprang sie auf, als ob sie nie etwas anderes getan, küßte Koriphaius Kopf, bedankte sich überschwenglich und rannte geradewegs vom Strand hinauf, zum ersten Mal in ihrem Leben Boden unter eigenen Füßen.

Eine schier übergroße Wärme durchfuhr ihren neuen unteren Körper, sie ward zum Menschen geworden, genoß die Sichtweite hinaus auf den Ozean, direkt vor sich interessante Pflanzenblätter und eine Felslandschaft als auch Mauern. Neugierig schaute sie ein bißchen unsicher um sich, aber kein Mensch war zugegen. Koriphaius hatte ihr noch zugeraunt, daß die Erdenbewohner die Insel Tenerife nannten.

Eine neue Welt versetzt Pelidia in Staunen

Kaum war die Riesenschildkröte Koriphaius verschwunden, irgendwie war sie für einige Momente zu sehr abgelenkt, so daß sie sich nicht einmal bei ihm bedanken und von ihm verabschieden konnte, erforschten ihre wachen Augen die unmittelbare Nähe. Eine ziemlich zerklüftetete Steinlandschaft versperrten ihr den Weg, obwohl nicht weit entfernt ein schwarzer Sandstrand lag.

Dennoch übte sie zugleich, ihre neu erworbenen Beine und Füße einzusetzen und staunte, daß sie nahezu problemlos, gar fast schon sportlich schnell zwischen den Steinen ging, um schließlich keinen nassen und somit festeren Sand zu betreten. Pelidia blickte zurück auf ein merkwürdig vierbeiniges Wesen mit schwarzweißem Fell, welches am Körperende mit etwas langem Festen wedelte. ‚Ob dieses Tier etwa spielen will?‘, fragte sie sich, erinnerte sich an die Worte Koriphaius, der ihr noch zugeraunt hatte, daß es neben den Menschen noch andere Wesen gäbe, die jene Tiere nannten.

Die Luft roch nach Salz, die Königstochter atmete tief und gelassen durch, erblickte in der Ferne bunte Pflanzen, ganz ähnlich wie in der Welt der Korallenbänke, nur wesentlich starrer. Keine Bewegung ging von ihnen aus, manchmal wedelte kurz ein Blatt im Wind. Eine besonders schöne, hellgelb leuchtende Blüte zog sie fast schon magisch in den Bann. Kaum eingetroffen, mußte sie die grünen, fleischigen Pflanzenteile berühren, stach sich im nächsten Moment, weil sie die Stacheln der Kakteenblätter gänzlich unterschätzt hatte. Pelidia durchlebte im Eilverfahren erste botanische Feldversuche, freute sich zugleich über die vielen Eindrücke.

Das ständige Rauschen der Meereswellen, die in rhythmischen Abständen erfolgten, versetzten die ehemalige Meerjungfrau ein wenig in eine Art Trance, wobei ebenso Müdigkeit sie ereilte, sie in einen kurzen Schlaf fiel, sich zuvor noch einfach am Strand in den warmen Sand legte, mit dem Gesicht gen blaue Wolken, die Sonne weiter entfernt sie nicht blendete.

Bilder aus zurückliegenden Tagen tauchten plötzlich auf, sie drehte sich unruhig hin und her, im Schlaf selbst wußte Pelidia trotzdem, daß sie in einem kurzen Traum sich befand, welcher ihr ein Stückweit Sicherheit vermittelte. Sie erhielt für Augenblicke das vertraute Zuhause von Golaya, sah ihre Eltern, die Freundinnen und Kumpels, ihr riesiges Zimmer, welches eigentlich keine Fenster hatte, außer daß die runden Öffnungen eine nahtlose Verbindung zwischen ihrem Domizil und dem Atlantik darstellten, insofern manchmal auch ungebetene Meeresbewohner sich einfanden. Das gehörte halt dazu in der Welt der Meeresnixen, aber auch aller Wesen im salzigen Naß.

Lauter geheimnisvolle Begegnungen

Plötzlich wurde Pelidia unsanft aus ihrem Traum gerissen, weil eine Fliege sich auf ihre Nasenspitze gesetzt hatte und einmal quer über ihre beiden geschlossenen Augenlider trippelte, um sofort von dannen zu fliegen, als sie aufschrak.

Zugleich erinnerte sie sich noch an ihren befremdlichen Traum von Golaya und ihrer bedachten Unterwasserwelt mitten im Atlantik, die sie aber jetzt so gar nicht mit dieser Insel Tenerife vergleichen wollte. Zu unterschiedlich und vor allem in ihrer gesamten Konsequenz waren diese beiden Welten vereint auf dem Planeten Erde, wie die Menschen ihn nannten. Daß es überhaupt einen gibt, versetzte die Königstochter in Erstaunen.

‚Erst mal aufrappeln und weiterforschen, ich möchte alles aufsaugen, jeden Sandkorn, Stein und die Landtiere, und wenn es eine Fliege sei, die mich ärgert, nur von den Menschen halte ich mich erst mal lieber fern‘, grübelte sie und ging den schwarzen Sandstrand entlang, auslaufende Meereswellen der Ebbe umspülten ihre neuen Füße, das fühlte sich gut für sie an.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Mitten im Atlantik liegt verborgen auf dem Meeresgrund Golaya – Teil 1

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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