Mitten im Atlantik liegt verborgen auf dem Meeresgrund Golaya – Teil 1


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Bild von analogicus auf Pixabay

Pelidias Wunsch bleibt zunächst unberücksichtigt

Unaufhörlich schaufelt der Ozean seine salzigen Wassermassen dem rhythmischen Lauf der Gezeiten ausgesetzt gen Land, dabei ist völlig einerlei, ob eine Insel oder die Begrenzung seitens anliegender Kontinente ihm trotzen. Wer den Klang jenes lautstarken Wellengangs einmal richtig tiefsinnig verinnerlicht, der vermag ihn wohl niemals wirklich vergessen, zu prägnant die Stimmen des Meeres ihre Muster hinterlassen, Raum schenken für wahrlich abenteuerliche Gedanken.

Insofern hatte manch Erzählung ihren Weg gefunden, ob hinzugedichtet oder nicht, Seefahrer wußten vieles zu berichten. Bedenken wir, über doppelt so gewaltig präsentiert sich die Welt der Meere uns Menschen, die wir auf sechs Kontinenten verweilen, in der Antarktis eher gut nachzählbar, aufgrund der ziemlich niedrigen Temperaturen umgeben von ewigen Eislandschaften.

Wer kennt sie nicht, die sagenumrankenden zwei großen ehemaligen Kontinente, Atlantis und Lemuria, die per Sintflut untergegangen, wobei bis heute selbsternannte Experten und Laien mit unterschiedlichen Berichten, Spekulationen aufwarten. Belassen wir das Wissen oder die Unkenntnis darum, blicken aufs Zentrum des Atlantischen Ozeans, irgendwo in der Mitte zwischen den beiden großen Kontinenten Afrika und Amerika.

Ganz tief im Verborgenen lag auf dem Meeresgrund in dunkler Stille Golaya, die Heimat der Königstochter Pelidia. Die Meerjungfrau, – ja, es gab sie tatsächlich, – hatte im stolzen Alter von 237 Jahren endlich die Gelegenheit erhalten, kaum in der Pubertät angekommen, sich weiter vom größten Reich in den Weltmeeren entfernen zu dürfen, allerdings sicherheitshalber von sechs geschulten Delphinen, deren Aufgabe darin bestand, sie zu schützen und notfalls schnellstmöglich Hilfe herbeizuordern. Im Gegensatz zur Welt der Menschen stellte dies keinerlei Probleme dar, Risiken waren letztlich nicht vorhanden.

Schließlich verfügte Pelidia obendrein über einen geschickt einzusetzenden, kräftigen Fischschwanz, der durchaus eine gefährliche Waffe für potentielle Gegner war. Vor kurzem, etwa 23 Jahre her, hatte sie eine brenzlige Begegnung mit einem sie provozierenden Hammerhai, der sie gänzlich dabei unterschätzte. Viel zu träge wollte dieser zuschnappen, mußte sich nach schnellen, kräftigen Schlägen gen beide Augen geschlagen geben, in kaum vorstellbarer Geschwindigkeit setzte die junge Pelidia ihren muskulösen Körper ein.

Doch bevor sie sich auf ihren Ausflug begeben hatte, äußerte sie einen innigen Wunsch ihren Eltern: Ob sie denn einmal das große Land im Osten aufsuchen dürfe, vielmehr eine schöne Insel, welchem diesem vorgelagert im Ozean lag. Aber Kalaydia und Oresolio lehnten die Bitte ab, verwiesen auf mögliche Gefahren trotz ihrer wachsamen Begleiter, sie solle nicht die Menschen unterschätzen. Diese hätten so gar kein Verständnis für die Welt der Meeresnixen, zumal stets von weiblichen ausgegangen worden war. Nein, jene Erdenbewohner paßten gar nicht zu den Meereswesen, keineswegs zufällig waren Begegnungen bis heute extreme Ausnahmen gewesen, die besonders aufgrund der Wachsamkeit und der Gebote von Golaya vermieden wurden.

Als Kalaydia und Oresolio noch jung waren, sich fanden und heirateten, um die Geschicke von Golaya zu lenken, hatten die Menschen gerade mal genug zu tun auf dem Land, die Seefahrt sollte viel später eine wichtigere Rolle spielen, obwohl schon manche die Weltmeere per Schiff überwunden. So schwamm Pelidia gedankenverloren zunächst einmal Richtung Osten, ihre Begleiter ahnten noch nicht, was sie vorhatte.

Koriphaius hilft Pelidia auf die Sprünge

Der Atlantik zeigte heute seine rauhe Seite, stürmisch tobten die Wellen sich aus, während Pelidia von den herrlichen Delphinen begleitet wurde, die ihr auf alle Fälle eine gewisse Sicherheit vermittelten, zumal die Meerjungfrau inzwischen weiter entfernt war von Golaya wie jemals zuvor in ihrem Leben.

Plötzlich lösten sich drei der sechs Delphine und verjagten eine Gruppe Weißer Haie, die sich hatten Pelidia nähern wollen. ‚Auftrag sehr gewissenhaft erfüllt, das muß man ihnen lassen‘, schoß es ihr durch den Kopf. Obendrein wußten die allermeisten Meeresbewohner sehr wohl, wer im Atlantischen Ozean das Sagen hatte, mit Oresolio war keineswegs zu spaßen, da er über ein weit verzweigtes Netz des Informationsaustausches verfügte. Das Internet der Weltmeere funktionierte für menschliche Ohren vollkommen geräuschlos, aber äußerst effektiv, technische Pannen gab es schon gleich gar nicht.

Das alles taxierte die Jugendliche nicht, sie grübelte weiterhin, wie sie bloß ihre Begleiter später möglichst geschickt ablenken könnte, schließlich durften sie nichts erahnen. Auf einmal wußte Pelidia sehr genau, wie sie ihnen entkommen konnte. Die Meerjungfrau verstand sich mit den Fischen äußerst gut, hatte unendlich viele Kontakte, was ihr nunmehr zu Nutzen kam. Ein kleiner Schwarm Sardellen kam ihnen entgegen, in wenigen Sekunden teilte sie ihnen ihre Bitte beim Begrüßungsaustausch mit, die Delphine hatten keinerlei Verdacht geschöpft.

Inzwischen hatte sich der zweitgrößte Ozean der Welt beruhigt, die Sonne schien, der Himmel schien blau, in der Ferne war bereits Land zu sehen. Ein Schwarm Heringe kreuzte panikartig, der Pelidias Begleiter in Aufmerksamkeit versetzte, sie Ausschau hielten und Momente später mit einer Gruppe Grauer Riffhaie aneinandergerieten. Endlich konnte die Königstochter ihnen entwischen, tauchte schlagartig sehr tief ab und schwamm extrem schnell in Richtung Landmasse, während die Delphine gewissenhaft ihren Auftrag ausübten.

Nunmehr war sie ihnen entkommen, dabei plagte sie keinerlei schlechtes Gewissen, weil sie nur zu genau wußte, daß die Delphine schon bald ihre Spur aufnehmen würden. Daher galt es, möglichst schnell die Insel zu erreichen. Im nächtsen Augenblick erschrak sie zutiefst, weil etwas Entscheidendes sie nicht bedacht hatte. Wie an Land kommen?

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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