Childhood and life – ein Interview mit Ines Schuchert


 

 

Manchmal kommt es schon auf Wörter an, die teilweise verharmlosen können, um Sachverhalte nicht so darzustellen, wie sie eigentlich vor Ort geschehen, vor allem die Realität viel eher beschönigen. Daher sollte in Syrien nicht von einem Bürgerkrieg gesprochen werden, eben weil dies sich so keinesfalls verhält. Zu viele Nationen, Terrorgruppen und andere Interessensgruppen sind längst involviert seit dem Ausbruch des Krieges am 15. März 2011.

Was mit einem friedlichen Protest begann, entwickelte sich zu diesem über zehn Jahre andauernden Krieg mit zahlreichen Todesopfern und Verletzten, obendrein etlichen Flüchtlingsströmen, die natürlich weiterhin anhalten mit den uns allen bekannten Folgen. Beherzt engagierte Menschen versuchen mittels Aktionen wie „Rettungskette für Menschen“ oder direkt in Flüchtlingslagern wie mit dem „Projekt 009“ zu helfen, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. So auch Childhood and life, deren deutsche Ansprechpartnerin, Ines Schuchert, wir im Facebook begegneten, sie kennenlernten.

Lotar Martin Kamm: Magst du uns schildern, wie es zum Kontakt nach Syrien mit „Childhood and life“ kam, welche Motivation dahintersteht?

Ines Schuchert: Vorab vielen Dank lieber Lotar, für die Möglichkeit dieses Interview zu führen. Ich hoffe, dass wir damit viele Herzen erreichen. Durch ein eigenes trauriges Erlebnis und einer damit verbundenen großen Gotteserfahrung bin ich auf Syrien mit den dortigen Kriegshandlungen und all dem Leid aufmerksam gemacht worden. Von da an änderte sich mein Blick auf das Leben und worauf es wirklich ankommt, komplett.

Es kam zu einem Kontakt mit dem Berliner Projekt 009. Sie hatten verschiedene Initiativen, unter anderem auch für Syrien. Die Arbeit und das große Engagement begeisterten mich, und tun es übrigens bis heute. Parallel dazu kam eine Nachricht vom Childhood and Life CEO aus Syrien mit ihrer dramatischen Geschichte. Eigentlich wollte ich das Team nur weitervermitteln, aber es ließ mich einfach nicht mehr los, und es entstand eine eigene kleine Privatinitiative, die Childhood and life fördern unterstützen möchte.

Lotar Martin Kamm: Welche Aktivitäten zeichnen Childhood and life aus?

Ines Schuchert: Zu dieser Frage muss ich vorab ein wenig in die Geschichte von Childhood and live gehen. Das Team, eine Gruppe junger Freiwilliger, bestehend aus Lehrern und Helfern, hatte in einem der ländlichen Dörfer Idlibs ein eigenes Kinderzentrum.

Es bot Dienstleistungen an für Kriegsverletzte, Waisen, Arme, Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Menschen mit psychischen Traumata. Die Aktivitäten waren die Organisation von Theatervorstellungen für Kinder, Feste für Waisenkinder, Schutz-Aktivitäten, psychologische Unterstützung und Aufklärung, sowie finanzielle Hilfe für Kinder und ihre Familien. Doch eines Tages bombardierte das Regime das Zentrum, zerstörte es vollständig und vertrieb alle Leute des Dorfes. Als das Team verdrängt wurde, musste die Arbeit dann leider für kurze Zeit eingestellt werden.

Die Dienste sind heute wieder aufgenommen, durch die Zerstörung allerdings ohne eigenes Gebäude und absolut improvisiert. Nun werden Schulen besucht, sowie Kindergärten und Waisenhäuser, und es werden Menschen geschult, die entschlossen sind, anderen zu helfen. Es werden Partys für die Kinder gestaltet, um diesen ein wenig Freude zu bereiten, Geschenke überreicht. Weiterhin werden Hilfen und Kleidung für arme Menschen in den Lagern und für Familien bereitgestellt. All dies durch die ehrenamtliche Arbeit von Teammitgliedern und in Zusammenarbeit mit einigen Menschen und Wohltätigkeitsorganisationen. Zudem gibt es auch Schulungen für Freiwilligen-Teams, verwitwete Frauen, Schulung zum Umgang mit Blindgängern, zur Gefahr von Minen und Verhaltensregeln bei Covid-19.

Ein Teil der Arbeit ist auch unter childhood-and-life.com einzusehen (zum Schutz der Privatsphäre einzelner Kinder, Familien und Helfer können wir jedoch nicht alles veröffentlichen).

Lotar Martin Kamm: Was sind die derzeitig dringend notwendigen Herausforderungen?

Ines Schuchert: Die größten und schlimmsten Herausforderungen sind die ständigen Angriffe durch Bombardierungen. Es wird unter Bombenhagel irgendwie versucht, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten und je nach Situation an die Begebenheiten anzupassen.

Problematisch sind dazu die politische Lage und die Sanktionen. Sie machen Hilfe unendlich schwierig. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Ganz besonders die Finanzen zur Versorgung und Ausstattung. Wir hier in Deutschland sind aktuell nur eine kleine Privatinitiative, die erst mal wachsen möchte und die dem Team in Syrien, bis auf Mini-Hilfen, nur eine Stimme geben konnte und versucht Kontakte zu knüpfen, um das Projekt zu fördern und zu unterstützen.

Lotar Martin Kamm:  Eine schier fast unlösbare Aufgabe, oder? Habt Ihr trotz Bomben Pläne und Ziele?

Ines Schuchert: Ja, es fühlt sich oft unlösbar an. Dennoch, wir haben trotz Bomben Pläne und Ziele, denn wie will man ohne Hoffnung solch eine „Hölle“ aushalten?

Ja, Lotar, dann erzähle ich dir mal von unseren Plänen. Wir wissen zwar noch nicht, wo das alles passieren wird, aber wir sind dabei, alles vorzubereiten, damit das Fundament steht. Das langfristige Ziel ist das alte Kinderzentrum neu aufzubauen, schwerpunktmäßig für Waisen, aber auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Dazu sind erforderlich eine gesicherte Miete oder die Finanzierung eines geeigneten Objekts und der Ausstattung, da alles verloren ging.

Geplant sind ein organisiertes Tagesprogramm mit Unterricht, dazu besondere Aktivitäten und Stunden für Waisenkinder, für Kinder mit besonderen Bedürfnissen durch körperliche und geistige Einschränkung, Stunden für Treffen mit Eltern und so weiter. Alles nach einem festen Arbeitsplan.

Wir möchten Patenschaften fördern und Freundschaften über Ländergrenzen hinweg. Schon allein das bedeutet Hoffnung. Und wir möchten vor allem Liebe weitergeben, auch zwischen Religionen. Zeigen, wie sich Menschen gegenseitig tragen und helfen können. Die stabile finanzielle Absicherung für die regelmäßigen Kosten, wie die Versorgung, Materialien und so weiter, steht natürlich aktuell im Vordergrund. Das Einsatzteam wird dann wieder in Vollzeit zur Verfügung stehen, und auch hier muss die finanzielle Versorgung ihrer Familien im Auge behalten werden.

Es gibt noch deutlich mehr zu organisieren, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Das alles ist also nur ein grober Überblick. So Gott will, wird das Team dieses Ziel erreichen. Sollte Gott jedoch neue Pläne haben, so hat den Kindern und allen Helfern dieser Traum und das Engagement des Teams vor Ort beim Überleben unter Trümmern geholfen. Sponsoren, die sich angesprochen fühlen, das Projekt mit zu fördern, können gern über mich per Email unter info@childhood-and-life.com Kontakt aufnehmen.

Lotar Martin Kamm:  Am Ende des Interviews möchte ich dir noch die Gelegenheit geben, Unausgesprochenes zu ergänzen.

Ines Schuchert: Es gibt viel Unausgesprochenes.

Schwer verständlich ist, wie der Aufschrei der Weltgemeinschaft immer noch so klein ist. In Syrien passieren schwerste Menschenrechtsverletzungen, und ich überlege mir sehr oft, wie würden wir uns fühlen, wenn es unsere eigenen Kinder beträfe, unsere eigenen Angehörigen, Freunde, Bekannte, Verwandte. Wenn sie Tod und Terror so schwer ausgesetzt wären.

Wie können die Menschen Syriens jemals all diese traumatisierten Erfahrungen verarbeiten? Kann das überhaupt jemals heilen? Was passiert mit den Seelen der Kinder? Die Bilder des Todes, der Verletzungen und des Leids machen traurig und schlaflos.

An dieser Stelle möchte ich jedoch noch mit etwas ganz Wichtigem abschließen: Noch nie habe ich in so liebevolle, warme Herzen wie bei diesen Menschen, die mir bei dieser Aufgabe begegnet sind, blicken können. Noch nie habe ich so ein Durchhaltevermögen, solch einen tiefen Glauben erlebt. Gott hat mich in meiner schwersten Zeit mit einer sehr wertvollen Aufgabe und einer großen Familie gesegnet, die immer füreinander da ist. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich wünsche mir, dass in Europa noch viele Menschen solch eine Erfahrung machen dürfen und diese dann zu genau solch einer Hilfe einsetzen.

Lotar Martin Kamm:  Im Namen des gesamten Teams bedanke ich mich recht herzlich fürs Interview und vor allem für Euren tollen Einsatz, der auf alle Fälle auch andere anspornen sollte, sich aktiv zu engagieren.

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