Rettungskette für Menschenrechte – zweites Interview mit Rahel Schlumberger


18. September 2021 – #HandinHand kann jetzt endlich stattfinden

Vor über einem Jahr hatten wir Rahel Schlumberger zum ersten Mal interviewt, jene Initiative als Zeichen für Menschlichkeit unbedingt gutgehießen, sie und ihr Team bestärkt, weil ganz besonders Europa sich weiterhin abschottet, das Flüchtlingselend viel eher zuläßt, anstatt die Ursachen auch nur ansatzweise abzubauen, sich einzugestehen, daß die Politik der EU vieles versäumt und schlichtweg ignoriert.

Seitdem erhielt die Initiative #HandinHand# – Rettungskette für Menschenrechte völlig zu Recht eine erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien, zuletzt in einem Interview im Radio Dreyeckland. Parallel fühlten sich auch andere Menschen berufen, Flüchtlingen zu helfen, wie Ina Felina mit ihrem ‚Projekt 009’ verdeutlicht, welches sie vor bald vier Jahren ins Leben gerufen hat.

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte die ursprünglich geplante Rettungskette für Menschenrechte im Mai 2020 eben nicht stattfinden, mußte verschoben werden.

Lotar Martin Kamm: Schön, daß du zum zweiten Mal hier bei Makadomo dich für ein Interview bereit erklärt hast. Seit dem Januar 2020 bis heute haben sich wohl etliche Gleichgesinnte zu euch gesellt. Magst du berichten, was sich inzwischen getan hat?

Rahel Schlumberger: Die Zusammensetzung des Orga-Teams hat sich geändert. Einige haben das Orga-Team verlassen und mehrere neue Mitglieder kamen hinzu.

Außerdem haben wir uns breiter aufgestellt und die Vernetzung mit unseren Partnern*innen intensiviert. Wir treffen uns jetzt alle 2 bis 4 Wochen mit allen Partner*innen in Online-Konferenzen. Dies erleichtert die Arbeit ungemein und stellt sicher, dass wir schneller und flexibler auf die Anregungen der Partner*innen reagieren können. Außerdem stellte sich hierdurch eine Art Synergie-Effekt ein, der dem ganzen Projekt Auftrieb gibt.

In einem langen Gespräch mit unseren Partner*innen haben wir uns aufgrund der Corona-Lage dazu entschieden, die Menschenkette auf den 18.09.2021 zu verschieben. Am ursprünglichen Termin, dem 24.04.2021, fanden stattdessen Auftaktveranstaltungen statt. In vielen, aber nicht allen Punkten entlang der Route gab es kreative Veranstaltungen, die viel Zuspruch erhielten und uns Mut machten.

Auf Instagram und Twitter sind wir jetzt auch aktiver, und wir haben gemeinsam mit unseren Partner*innen drei schöne und bewegende Statement-Videos veröffentlicht. Dort ist recht gut zu sehen, wie vielseitig und bunt das Bündnis „Menschenkette“ ist.

Lotar Martin Kamm: Mit der Corona-Pandemie hat sich die Lage der Flüchtlinge letztendlich eher verschärft, oder? Obendrein sind längst sogenannte Pushbacks Alltag im Mittelmeer, ob vor libyscher Küste oder vor griechischer. Da hat sich viel Aggression aufgebaut, die Ihr gleichwohl mit der Rettungskette für Menschenrechte anmahnt?

Rahel Schlumberger: Ja, da gebe ich dir absolut recht. Die elendige Situation der Geflüchteten ist kaum noch im Fokus der Bevölkerung. Menschenrechtsverletzungen geschehen weiterhin, aber kaum einen scheint es zu interessieren.

Die Bevölkerung stellt sich gespalten dar. Jeder kämpft gerade alleine für seine Existenz, für vermeintlich verlorene Grundrechte und gegen die Pandemie. Kurz ausgedrückt: Es gibt derzeit so viele Probleme, dass die Lage der Flüchtlinge in den Hintergrund gerückt ist. Frontex und die Küstenwachen agieren heute wesentlich ungehemmter und aggressiver gegen die Schlauchboote der Geflüchteten. Leider haben die wenigsten derzeit die Kraft dies anzumahnen. Nur noch wenige Menschen sprechen sich klar dagegen aus.

Aus meiner Sicht ist das nicht richtig. Europa sollte trotz der Pandemie an Humanität festhalten bzw. versuchen, humanitär zu handeln. Denn unsere Grundrechte, die wichtig und richtig sind, sollten für alle Menschen gelten. Es darf nicht sein, dass sie nur für manche Menschen gelten.

Ich sehe unsere Grundrechte als eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit an. Es gilt unbedingt, daran festzuhalten. Denn eine Demokratie ohne diese Rechte ist keine echte Demokratie. Genau hier setzt die Menschenkette an und erklärt klar und deutlich, dass Menschenrechte für alle Menschen ungeachtet von Herkunft, Rasse und Nation gelten müssen.

Lotar Martin Kamm: In einem knappen halben Jahr ist die Bundestagswahl bereits gelaufen. Es hat doch trotz Corona-Krise sogar etwas Gutes, daß jetzt am 18. September die Rettungskette für Menschenrechte, acht Tage vor der Bundestagswahl, in die Tat umgesetzt wird?

Rahel Schlumberger: Ja, so sehen wir es inzwischen auch. Eigentlich eine glückliche Fügung. Die bevorstehende Bundestagswahl wird unserem Anliegen noch mehr Bedeutung verschaffen. Gleichwohl wird es schwieriger werden, bei all den Wahlkampfveranstaltungen genug Öffentlichkeit zu generieren. Aber mit all den starken Partner*innen an unserer Seite blicke ich positiv auf den 18.09.2021.

Lotar Martin Kamm: Insofern ist die Politik gefragt. Hierzulande und besonders seitens der EU. Was muß sich unbedingt politisch ändern? Denn mit eurer Aktion allein wird es leider nicht getan sein.

Rahel Schlumberger: Ja, in erster Linie ist die Politik gefragt. Und Du hast recht: Unsere Aktion alleine wird es nicht ändern. Optimalerweise „schubst“ sie das politische Handeln aber in die richtige Richtung.

Die Politik müsste humanitärer handeln. Und sich auf EU-Ebene schleunigst auf eine gerechtere Verteilung der Geflohenen einigen. Die Bearbeitung der Asylanträge müsste deutlich schneller gehen. Am besten müsste dies schon mit Hochdruck in den Eintrittsländern  der EU geschehen. Denn es kann nicht sein, dass sich so viele Menschen zu Fuß auf den Weg machen müssen und unsere europäischen Partner an den Außengrenzen alleine gelassen werden.

Die Geflohenen durchqueren auf ihrer Flucht oftmals viele Länder, in denen sie viel Leid und Misshandlungen erfahren. Von dieser Misere hat dir Ina sicherlich auch schon berichtet.

Es ist entsetzlich, wie innerhalb der EU mit Menschenleben gehandelt wird. Rechtlos, arm und geächtet… Das darf nicht länger sein! Die Menschen brauchen eine echte Perspektive und einen sicheren Platz. Es vergeht viel zu viel Zeit, bis sie irgendwo ankommen dürfen.

Ich hatte beruflich und ehrenamtlich schon mit einigen Fällen zu tun, die durch die Flucht traumatisiert waren. Nicht durch den Krieg, denn dem entkamen sie rechtzeitig, sondern durch die Flucht und die unwürdige Behandlung von Seiten der Behörden. Und das in Europa!

Mir fehlen da immer wieder die Worte, und es macht mich unendlich traurig, dass es so ist. Besonders wenn man selbst loszieht, um Menschen entlang der Fluchtrouten zu helfen, wird es einem deutlich vor Augen geführt. Die Male in denen ich mich selbst aufmachte, fuhr ich immer mit Tränen in den Augen und viel Wut im Bauch nach Hause.

Das „Bündnis Rettungskette“ besteht aus vielen Akteuren der zivilgesellschaftlichen Mitte (Kirchen, Flüchtlings-Arbeitskreise, Jugendorganisationen u.v.m.) Wir alle zusammen können ein klares und friedliches Statement für mehr Menschlichkeit abgeben und werden so hoffentlich erhört werden. Die eigentliche politische Arbeit muss aber woanders stattfinden. Da wir auch von Seiten einiger Parteien großen Zuspruch erhalten, bin ich guter Dinge, dass sich da etwas tun wird.

Lotar Martin Kamm: Sollte ich noch Wesentliches nicht gefragt haben, jetzt wäre eine tolle Gelegenheit, dies deinerseits zu ergänzen.

Rahel Schlumberger: Im Großen und Ganzen hast du alles gefragt (lächelt). Ich möchte Ina auf diesem Wege noch liebe Grüße senden: Ich finde es toll, dass es Menschen wie Ina gibt. Menschen, die es nicht kalt lässt, was in Europa geschieht und die losziehen, um sich selbst ein Bild zu machen und den geflohenen Menschen beizustehen. Sie sorgen dafür, dass die Bevölkerung von den unhaltbaren Zuständen erfährt und die Geflohenen Zuspruch erhalten. Und dir möchte ich danken, dass du immer wieder darüber berichtest. Denn nur zusammen sind wir stark und können die Welt hoffentlich ein klein wenig besser machen.

Lotar Martin Kamm:  Im Namen des gesamten Teams bedanke ich mich herzlichst bei dir und hoffe, daß möglichst viele Menschen an der Aktion Rettungskette für Menschenrechte teilnehmen. Obendrein wäre es sehr wünschenswert, das Flüchtlingselend abzubauen und am Ende gar zu beenden. Die Welt wäre um einiges friedlicher.

Rahel Schlumberger: Danke, lieber Lotar, ich komme immer wieder gern. 😊

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