Kreuzweg


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Stellen sie sich vor, sie gehen auf eine Kreuzung zu, nicht eine Kreuzung, an der Ampeln bestimmen, wann sie weitergehen dürfen, also in einer Stadt oder so, nicht irgendwo mitten auf einer Landstraße, auch keine Kreuzung auf einer Autobahn, können sie sich vorstellen, sie gehen auf eine Kreuzung zu, die irgendwo in der Landschaft liegt und auf die sie nicht vorbereitet waren, keine Warnschilder vorab, schon gar keine, die besagen, eine Kreuzung ohne Hinweisschilder in 100 Metern.

Das sicher einmal vorhandene ehemalige Kreuz, das hier wohl mal gestanden haben wird, mit möglicherweise einem aus Holz geschnitzten angenageltem Jesusabbild, Blumen umrankt, schon längst entsorgt worden mitten im Wald oder sogar hier vor Ort vermodert, ersetzt durch einen Pfosten mit einem, vielleicht waren es auch zwei oder gar drei Wegweisschilder, auch aus Holz, angenagelt, die aber inzwischen ebenso sich in bröselige Holzpartikel aufgelöst haben und in alle Winde verweht wurden, übrig nur ein krummes Pfählchen, können sie sich das vorstellen, an so einer Kreuzung zu stehen, nachmittags, eher gegen Abend.

Die Sonne spurtet sich gerade mit dem Wunsch, in anderen Landesteilen eine erholsamere Tagesschicht zu fahren als die gerade hier in dieser von ihr beschienenen Hügellandschaft, ach lassen wir diese Vorstellung der flüchtenden Sonne, jedenfalls wird’s bald dunkel werden und die Nacht übernimmt ihren Part, der, wie schön wär es, wenn ich doch die Augen schließen könnte, bereits von ihrem Gesicht ablesbar ist.

Haben sie eine etwaige Vorstellung von dieser Kreuzung, auf die sie gerade zugehen, jetzt gerade in ihr stehen, auf ihr wie auf der Spitze eines gleichschenkligen Dreiecks, vor einem gespreizten Schenkel und sie wissen nicht wohin, rechts oder links, dem Tag und der Nacht ist es egal, sie kümmern sich nur darum, ihre Sicht in ihrer Schicht zu absolvieren, immer gemäß ihrer Routine und sie, sie stehen nun ohne Wissen, ohne blinkende Ampel, ohne hupende Beschleunigungsgeber und merken, daß es sie überhaupt nicht interessiert, ob sie nach links oder rechts gehen wollen, das einzige das zählt, ist dieser Platz dafür geeignet, ohne schützende Hecke, Strauch, Baum, ohne angenagelte hölzerne Jesusfigur, ihn als öffentlichen Abort zu benützen, ist er nicht, denn in diesem Moment, in dem sie an dieser gottverlassenen Kreuzung im Nirgendwo stehen, fahren von links kommend Räder mit muskelbepackten Waden an ihnen vorbei. Sie winken, mehr aus Verlegenheit als aus freudiger Erkenntnis, so gottverlassen ist diese Kreuzung nicht, erbebend und knirschend liegt sie da, mit ihr auf einmal verschwistert, im Erzittern durch Mark und Bein, beziehungsweise durch Ort und Stein.

Und sie beginnen sich vorzustellen, hier an diesem einsamsten Ort der Welt, an dieser Kreuzung, an der sie gerade eine Rushhour in zweifacher Ausfertigung erleben, wo es jetzt angenehmer wäre, als schwitzenden Radfahrern zuzusehen, die sie von ihrem eilenden Bedürfnis abhalten, den sonnenverwöhnten Strand am Meer, dessen Wellen, wegwischen, ausradieren, der lieblichen Quelle, bevor ihr Wasser den kleinen Wasserfall entgegenfließt, vergessen, das romantische Abendessen im Chinarestaurant mit den beleuchteten Aquarien, in denen bunte Fische schwimmen, nein, das Konzert, sie mitten im tosenden Publikum; und haben sie eine Vorstellung von der Kreuzung und ihrem eigenen Kreuz, das sie tragen, dem Martyrium, dem sie sich ausgesetzt fühlen, nur weil sie sich vorgestellt haben, auf eine Kreuzung zuzugehen und genau da bemerken, sie müssen dringend?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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