Schöne, junge Frau auf Intensivstation


Beiruts Zerfall beispiellos

Vor rund zweitausend Jahren vor Christi Geburt galt der Stadtstaat Beirut bei den Phöniziern, den sie übrigens Be’erot nannten, was soviel wie Brunnen heißt, als bedeutende Hochburg im Nahen Osten, während hierzulande noch die Volksstämme in Höhlen hausten, kulturell in vielem rückständig waren. Doch Zeit hat durchaus ihre geduldigen Momente, darf getrost als vergängliche Begleiterscheinung gewertet werden.

Schließlich hat Mensch es stets kaum verstanden, tatsächlich friedliche Koexistenzen zu dulden, meist herrschten Kriegszustände, die viel Leid und Elend bedeuteten. Was damals in voller Blüte stand, sogar noch in den 1960er und anfänglichen 1970er Jahren die Hauptstadt des Libanons ausmachte, sollte ein jähes Ende finden.

Der Dokumentarfilm Die letzten Tage von Beirutverdeutlicht ziemlich anschaulich, wie die multikonfessionelle Stadt am Rand des Orients zu leiden hat, die Trost- und die Aussichtslosigkeit. Es war der Karikaturist Bernard Hage, der gleich zu Beginn des Filmes bemerkte, Beirut sei eine schöne, junge Frau auf Intensivstation.

16 Jahre Bürgerkrieg haben eindeutige Spuren hinterlassen

Die wiederum als Mahnung das Stadtbild im Wesentlichen prägen, unverkennbar zwischen Häuserzeilen etliche Bauruinen, weil kein Geld mehr vorhanden, sie zu sanieren. In keinem Land der Erde leben dermaßen viele Religionen zusammen wie im Libanon, 18 an der Zahl. Einerseits ein Wunder, daß jahrelang Frieden stattfand, andererseits waren Spannungen im Nachhinein vorprogrammiert, wobei natürlich Einflüsse von außen ihren nicht unwesentlichen Anteil hatten.

Trennlinie war der muslimische Westen, der christliche Osten mitten durch Beirut. Am Ende konnte nur noch der im Mai 1991 geschlossene „Kooperationsvertrag“ unter dem Druck Syriens diesem brutalen Bürgerkrieg ein Ende setzen, wobei gleichzeitig der Libanon bis 2005 als syrisches Protektorat bezeichnet werden mußte.

Es ist die Kunst, die Kultur, die Brücken schlägt

Die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut am 04. August 2020 hat ausgerechnet die Viertel in Beirut zerstört, wo die Kunst- und Kulturviertel zu Hause waren, wird in der 3-Sat-Dokumentation berichtet, das sei ein immenser Verlust, nicht nur für die Stadt.

„Was Berlin geschafft hat, konnte Beirut nie ausleben.“ So kommentiert der Karikaturist Bernard Hage den Zustand in der zerstörten Hauptstadt, die Mutlosigkeit, den Zerfall. Das bestätigt auch die Schauspielerin und Theaterdirektorin Nidal al Achkar im Film, es gebe keine Hoffnung mehr für Beirut.

Vielleicht sollte man nicht ganz so pessimistisch gen Beirut blicken, auch wenn die Zustände dort alles andere als günstig zu bezeichnen sind. Die Menschen arrangieren sich selbst in höchster Not, suchen Wege der Entspannung, selbst unter dermaßen widrigen Umständen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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