Mentalität des Gaffens breitet sich weiterhin aus


Zivilcourage geht dabei verloren

Was treibt Menschen dazu, einfach stillzuhalten, sich nicht einzumischen, wo es gerade äußerst notwendig wäre? Das gilt nicht nur in der U-Bahn, wenn mal wieder ein paar halbstarke Jugendliche meinen, sie müßten zu mehreren ein unschuldiges, wehrloses Opfer sich greifen, um es krankenhausreif bis totzuschlagen, sondern selbstverständlich ebenso wenn man wissentlich bei Wahlen das Kreuzchen in den Kreis der Partei kritzelt, die ohnehin dafür sorgt, den Sozialabbau zu forcieren und gewisse Eliten zu hofieren.

Bei beiden Beispielen fehlt die nötige Zivilcourage, die Meinung nach außen zu vertreten und sich tatkräftig einzumischen. Woran mag das liegen? Können wir das nur mit der menschlichen Psyche entschuldigen, viel eher der eigenen Sicherheit daher den nötigen Raum zu geben, anstatt Mut zu beweisen? Das spielt schon eine gewisse Rolle, und dennoch breitet sich eine Mentalität des Gaffertums aus, die bedauerlicherweise weite Kreise zieht.

In der Gruppe fühlen wir uns geborgen

Ein gewisses Herdenverhalten kommt dem schon ziemlich gleich, wenn wir Menschen uns in unterschiedlichen Gruppierungen einfach wohler und geborgener fühlen. Das hat auch ganz viel mit Sicherheit zu tun, was auf der anderen Seite erklärt, wieso eine Gruppe dem Einzelnen oder deutlich wenigeren Personen gegenüber überlegen auftritt bis hin zur Bereitschaft, dies per Gewalt zu unterstreichen.

Genau aus diesem Grund darf man um so verwunderter sein, wenn eine gaffende Gruppe Menschen tatenlos zuschaut, wenn eine deutliche Minderheit einem oder mehreren Schäden zufügt, ohne beherzt einzugreifen. Zivilcourage hat viel damit zu tun, daß der Mutige aus der Gruppe sich löst, ob er nun dazugehört oder nicht, und das Risiko eingeht, selbst Opfer zu werden. Denn er weiß ja im selben Moment, wie die Gruppe sich verhalten wird. Sie gafft einfach, ohne sich einzumischen und zu helfen.

Wenige Ausnahmen, die schon mal stattfanden, bestätigen diese merkwürdige Verhaltensweise. Mensch somit viel eher gruppenabhängig, besonders davon, wie dieser selbst geschlossen agiert? Gegenteilige Verhaltensmuster unterstreichen genau diese Behauptung, ob im Krieg oder bei sogenannten Bandenschlägereien. Dabei wird Zivilcourage von Beginn an als Selbstverständlichkeit eingefordert. Aber was veranlaßt so einige Menschen, einfach nur zu gaffen?

Bloßer Neugier müssen Taten folgen

Stets hat das Gaffen sehr viel mit Neugier zu tun, obendrein mit dem dramatischen Schicksal des anderen, der nach Unglücken zu leiden hat, der Gaffende sich somit identifiziert, quasi mitleidet und nachempfindet. Da es aber meist beim Gaffen bleibt, ohne tatsächlich aktiv sich zu beteiligen, mitzuwirken, haftet eben der negative Eindruck des bloßen Zuschauens, unabhängig davon die Helfenden dabei sogar in deren Arbeit zu behindern.

Am besten die neugierige Gafferschar bleibt einfach aus, und die Dramatik an Ort und Stelle wäre überschaubar begrenzter. Am Leid des anderen sich zu bereichern, schafft aber genau diese merkwürdig häßliche Form, die sich nicht nur zuschauend äußert, sondern ohne weiteres entscheidend mit dazu beiträgt, die Betroffenen mittels Häme und übler Nachrede langfristig bloßzustellen, siehe beispielsweise die Politik der Hetztiraden. Auffällig hierbei das Nachtreten, weil man die Courage eben nicht aufbringt, die eigentlichen Verursacher anzugehen, obwohl viele durchaus wissen, wer diese denn sind: die Konzerne, die Lobbyisten, die Banken, die Versicherer und die Eliten im Hintergrund.

Dürfen wir jetzt im Umkehrschluß beinahe die Behauptung aufstellen, daß weite Teile in der Bevölkerung wissentlich viel lieber schweigen und wie die Lämmer das ganze Ausmaß an Ungerechtigkeiten sicherheitshalber erdulden, anstatt Farbe zu bekennen, um sich zu erheben, die bekannten Mißstände endlich zu beseitigen? Ja, davon müssen wir ausgehen, es verhält sich genauso und erklärt ebenso, warum manchmal Menschen urplötzlich ihre Meinung ändern, sich still zurückziehen. Auf gezielte Einschüchterung folgt schlicht und ergreifend der Überlebenstrieb – wer riskiert schon „gewisse Repressalien“?

Wie schrieb schon Erich Kästner so zutreffend: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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2 Antworten zu Mentalität des Gaffens breitet sich weiterhin aus

  1. Vielleicht ist man auch schon so sehr Konsument, dass man auch das Unglück anderer ungerührt konsumiert.

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    • hraban57 schreibt:

      Da ist schon was dran, was du bemerkst. Wenn eine Gesellschaft nicht wach genug mit gewissem Abstand ihr Dasein reflektiert, sich anstecken läßt von Stimmungen, stumpft sie ohne weiteres in Teilen ab. Die Hoffnung liegt dann bei den Besonnenen, die sich einen Überblick bewahren und die Möglichkeit noch haben, nicht selbst zu Opfern zu werden.

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