Aufregung im Herbstlaub


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Gruitburs Forderung

Mit den Laubbläsern war Schluß mit lustig, Kleintiere wurden regelrecht bei lebendigem Leib geröstet, einfach so mir nichts dir nichts umgebracht, weil gewissen- und gedankenlose Menschen auf die Schnelle jenes lästige Herbstlaub zusammenraffen wollten, ohne wie sonst üblich einen Rechen zu benutzen. Das schaut ja nach regelrechter Arbeit aus, menschlicher Erfindergeist erfand kurzerhand den Laubbläser. Basta.

Grund genug sich entsprechend zu wehren. Fraglich wie das denn vonstatten gehen sollte. Schließlich waren kleine Kobolde alles andere als groß zu bezeichnen, ein Eichenblatt diente ihnen auch noch im Spätherbst als Regenschirm, je nach Blattgröße konnten sie gar zu zweit darunter turteln, ohne naß zu werden. In manchen Märchenbüchern nannte man sie gar Däumling, was sie natürlich negierten. Kobolde wollten sie genannt bleiben.

Am frühen Morgen hatte sich Gruitbur auf den Weg gemacht, um seine Kusine Beeringa abzuholen. Wer jetzt meinte, die Kobolde lebten mitten unter Menschen, der schien ihre Vorsicht komplett zu unterschätzten. In städtischen Parks waren sie genausowenig zuhause wie am Rande von Dörfern. Ihre Heimat befand sich stets mitten in den Wäldern, vorzugsweise in Laubwäldern, die inzwischen aufmerksame Förster wieder zuließen trotz mancher Fichtenwälder, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Daseinsberechtigung erhielten.

Spaziergänger, die hin und wieder durch den Wald marschierten, oftmals viel zu laut, entdeckten die Orte der Kobolde mitnichten, manche Hunde schnüffelten zwar des Öfteren aufgeregt, was deren Frauchen und Herrchen aber mißdeuteten, nicht im Traum erahnen konnten, wie dicht ihre Vierbeiner Kobolden auf den Fersen waren. Gut so. Gruitbur grübelte schon länger über so manche Gefahr, die von Menschen ausging, achtete dennoch akribisch darauf, nicht allzu unvorsichtig des Weges zu gehen.

Plötzlich bemerkte er im letzten Moment ein zischendes Geräusch, einen Aufschrei und sprang daher hinter eine Hainbuche, rutschte in einen Wühlmausgang und verharrte lauschend. Ein Junge hatte die Kontrolle über sein Mountainbike verloren, das Vorderrad rutschte in einer Schlammpfütze weg, der Rothaarige landete unsanft auf dem Boden, das Rad blieb liegen, Laub wurde durchs drehende Hinterrad aufgewirbelt, eine Amsel schreckte auf und flog kreischend in die Hainbuche, die zuvor Gruitbur als rettenden Zufluchtsort fand.

„Manno, wie konnte ich nur diese blöde Pfütze übersehen“, fluchte Flo, so hieß der 11-Jährige, stand im nächsten Moment auf und wollte sein Rad anheben. Doch irgendeine Kraft hinderte ihn daran, der Drahtesel ließ sich keinen Millimeter bewegen. Erstaunt blickte Flo nach unten. Dort hielt ein Zwerg, gerade mal acht bis zehn Zentimeter groß oberhalb des Sattels das Bike mit beiden Händen fest, stemmte es gen Boden.

„Wer bist du denn? Was willste mit dem Rad und von mir?“, fragte der Junge erstaunt.  Gruitbur schaute ihm keck entgegen.

„Na, ganz schön matschig der Waldboden, oder? Besser aufpassen, kann ich dir nur raten. Ich überlasse dir dein Fahrrad, wenn du bis zum Waldrand schiebst und nicht so einen Höllenlärm verursachst. Schließlich wollen die Tiere und meine Freunde den Morgen in Ruhe genießen!“

Flo schnaufte einmal kurz durch, konnte es kaum fassen, mit welcher Sicherheit und Courage der Zwerg ihm trotzte.

„Man nennt mich Gruitbur, Sohn des Fluitbart, gerade mal 124 Jahre alt, also noch ziemlich jung. Und wie heißt du?“ Flo staunte nicht schlecht.

„Ich bin der Flo, eigentlich Florian, aber alle nennen mich Flo, weil ich ständig auf Achse bin, besonders mit dem Mountainbike. Bist du ein Zwerg oder so? Weil du so klein bist.“

Gruitbur grinste Flo an und lachte, um ihm zu erklären, daß er ein Kobold sei. Die Menschen hätten früher noch über sie gewußt, danach folgte die Zeit der Geschichten und Märchen, in denen man sie verbannte, um sich ihrer nicht mehr erinnern zu wollen. So waren sie wohl in Vergessenheit geraten. Nur ganz wenige Menschen durften sie noch sehen.

„Dann bin ich jetzt wohl eine Ausnahme?“, kommentierte Flo und lachte kurz auf, „wo wohnst du denn? Hier im Wald?“

Der Kobold forderte ihn auf, ihm zu folgen. Flo schob wie angeraten sein Rad und Gruitbur schritt vorneweg, mit stolz erhobenem Haupt. Nach einer Weile erreichten sie eine kleine Lichtung. Überall lag das Laub unter den Bäumen, in den Büschen, mal gleichmäßig verteilt, mal etwas hügelig. Niemand wäre auf die Idee gekommen, nachzuschauen, was sich unter diesen befand. In der Regel ohnehin Äste, Kleintiere, Pilze, Gräser und viele Würmer, geschützt vor nahender Winterkälte.

Wie von Zauberhand öffnete sich ein Laubhügel, Flo sah Treppenstufen, die in den Boden führten, waren aber für ihn selbst viel zu klein, ein Lichtschimmer in der Tiefe ließ erahnen, was sich im Innern verbarg. Als er sich vorsichtig umdrehte, erschrak er für einen Moment. Hunderte Kobolde, manche einiges größer als Gruitbur, umringten ihn, beobachteten den Knaben neugierig. Manche lachten, einige schauten ihn ernst an. Aus der Menge trat ein kräftiger Mann ihm entgegen.

„Man nennt mich Fluitbart, Gruitburs Vater. Wir wissen, daß du nichts Böses im Sinn hattest. Beachte den Ratschlag meines Sohnes, und wir lassen dich gehen. Allerdings wirst du nach deinem nächsten Schlaf dich nicht mehr an uns erinnern können. Das muß so sein. Es dient unserem Schutz. Das Einzige was bleibt, ist dein Versprechen. Du wirst diesen Wald hier meiden, in Zukunft generell andächtiger Wälder, die Natur betreten. So soll es sein!“

Ehe Flo es so richtg verstanden hatte, verschwanden alle Kobolde. Gruitbur winkte ihm nur noch kurz, das Laub fiel fast geräuschlos über die Terppenöffnung. Der Junge war sich dessen bewußt, lächelte ein wenig verlegen und verließ ganz leise staunend den Wald, um am Wegesrand sich aufs Mountainbike zu schwingen, nach Hause zu fahren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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