Vom Neoliberalis politicus


Eine Berufsgattung der besonderen Art

Selbstverständlich erhebt der folgende Bericht keinerlei wissenschaftlich fundierten Anspruch, aber hegt die Gewißheit, daß jede Menge aufopferungsvolle Beobachtungsgaben ihm vorausgingen. Als die ahnungslosen Eltern ihren Filius auf Erden empfingen, nannten sie ihn zugleich Guido (etwaige Ähnlichkeiten oder Assoziationen zu lebenden oder verstorbenen Personen sind als rein zufällig zu betrachten). Schon zu Beginn der Schulzeit, das Baby- und Kleinkindalter haken wir als üble Notwendigkeit der Persönlichkeitsfindung ab, stellte sich ziemlich schnell heraus, mit welchen Strategien Klein-Guido im Klassenverband agierte. Oberstes Ziel war natürlich, Klassenprimus zu sein.

Dabei verstand er es bereits ziemlich gut, einerseits seine Mitschüler stets zu verraten, wenn diese dem Unterricht nicht gehorsamst folgten, man nennt es auch petzen, andererseits traute sich kein Opfer, nach Schulschluß die gängige Überzeugungsarbeit ihm angedeihen zu lassen. Kurz ausgedrückt, ihn zu verprügeln. Wie hat Guido denn das bewirken können, fragen Sie sich jetzt? Genau hierbei zeichnete sich eines der wesentlichen brauchbaren Eigenschaften für die Laufbahn als Neoliberalis politicus aus. Scheinbar Mächtige umschmeicheln und mögliche Konkurrenten ausschalten, Hauptsache man selbst steht immer gut da. Und weil unser Primus die Gunst der Lehrer breitgefächert genoß, wurde seinen Ausführungen und Meinungen meistens viel Raum gelassen.

Diesen benutzte er fortan voller Enthusiasmus, um somit den Grundstein seiner rhetorischen Übungen zu setzen. Er durfte einfach, im Gegensatz zu seinen Mitschülern. Diejenigen, die ihm ans Leder wollten, hatten zunächst es erst mal mit seiner „Security“ zu tun, die meist aus Mitläufern bestand oder aber per einfacher Bezahlung geschmiert wurde. Dazu muß erwähnt werden, daß seine Eltern entsprechend finanzkräftig ausgestattet waren, eine unabdingbare Voraussetzung zur Wandlung zum Neoliberalis politicus. Elitedenken braucht eben nicht geimpft zu werden, sondern stellt eine Selbstverständlichkeit dar.

Wenn Sie nunmehr vermuten, Guido hätte sich während seiner Oberstufenzeit im Gymnasium als Klassen- oder Schulsprecher versuchen wollen, so muß ich Sie leider enttäuschen. Diese Arbeit blieb den sozial human eingestellten Mitschülern überlassen. Für solche Gedanken oder gar Taten durfte natürlich kein Podium geschaffen werden. Vielmehr war er bestens bei den Jungen Liberalen aufgehoben und das gleich im Alter von 14 Jahren, um möglichst schnell die Hürden der Parteihierarchie zu meistern.

Der Grundstein zur steilen Karriere zum Neoliberalis politicus war gesetzt. Wer sollte ihn noch aufhalten? Was bereits schon sehr früh begonnen hatte, treffsicher die Ellenbogen einzusetzen, verstand er nunmehr brillant umzusetzen. Jeder mögliche Konkurrent wurde kurzerhand weggemobbt, einzig und allein das Ziel zur Parteispitze vor Augen beflügelte seinen sturen Kurs. Minderheiten, Schwächen und soziale Mißstände hatten genauso wenig im politischen Kalkül eine Berechtigung wie jedwede Zweifel am neoliberalen Kurs.

Das Hofieren der willigen Lobbyisten stets vor Augen ließ jede Kritik an seiner Politik abperlen, selbst Wählerstimmenverluste ließen ihn kalt. Was einmal für gut befunden, dem mußte sich alles beugen, selbst wenn manche Opfer in den eigenen Reihen vorhanden. Einem geradlinigen Neoliberalis politicus kann nichts und niemand erschüttern. Denken wir nur an seine großen Vorbilder: den Hans-Dietrich, den Walter, die Hildegard oder den Klaus.

Neben dem Neoliberalis politicus hat hierzulande die Bevölkerung auch den Sozialis politicus, den Christialis politicus und den Viridis politicus zu ertragen, wobei es ohne weiteres vorkommen kann, daß die anderen neoliberale Tendenzen aufweisen, bis hin zu brüderlichen Kurzschlußhandlungen neigen, weil Macht solche Verfehlungen mit sich bringt. Diese Nazis im Deutschen Bundestag lassen wir mal außen vor, weil sie nicht als politische Kraft zu betrachten sind!

Besorgten Eltern, die sich jetzt schon Gedanken und Sorgen machen, wie es denn zu verhindern sei, daß ihre Kinder zu Neoliberalis politicae heranwachsen, sei ein ganz einfaches Rezept empfohlen: Klassenbesten ohne Veilchen oder Blessuren sofort das Taschengeld entziehen, bei überdeutlicher Rhetorik PC-Verbot und Bücherverbrennung, frühe Förderung sozialer Mitmenschlichkeit. Einfach mal ein Praktikum bei einem Streetworker absolvieren lassen, ein Urlaub in einem besetzten Haus, bei Demos sie mitnehmen.

Es bleibt zu hoffen, daß diese Menschenspezies schon sehr bald als Paradebeispiel einer politischen Fehlentwicklung in Geschichtsbüchern zu lesen sein wird.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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