‘Projekt 009’ – ein Interview mit Ina Felina


© Ina Felina Rosa

Direkte Hilfe vor Ort

In Kriegszeiten reißen Flüchtlingsströme leider nicht ab, die Betroffenen verlieren neben ihrem vertrauten Lebensraum etliche Freunde, Familienmitglieder und ihr Leben, retten sich über verschiedene Routen. Zuletzt berichteten wir über Rahel S. und ihre initiierte Rettungskette zum Mittelmeer.

Kurz darauf entstand der Kontakt zu Ina Felina Rosa, die sich gern bereit erklärte für ein Interview mit uns. Sie hatte vor gut drei Jahren das ‚Projekt 009’ ins Leben gerufen. Inzwischen macht die Corona-Seuche die Arbeit nicht leichter, etliche Veranstaltungen mußten daher abgesagt werden.

Lotar Martin Kamm: Schön dich im Facebook getroffen und kennengelernt zu haben. Auch mal ein sinniges Indiz für positiven Austausch, wo doch viele sich über Social Media aufregen. Magst du berichten, woher du kommst, welche Stationen dich am Ende nach Berlin führten?

Ina Felina: Lieber Lotar, vielen Dank für dein Interesse. Ich selbst komme aus der ČSSR. Meine Familie flüchtete 1986, als mein Bruder und ich drei und zwei Jahre alt waren. Wir kamen damals in die Erstaufnahmeeinrichtung Traiskirchen in Österreich. Dort blieben wir zwei Monate und wurden dann von einer Dame nach Deutschland geholt. Ihr Mann war vermögend und lebte im Landkreis Starnberg. Wir durften für die nächsten vier Monate in deren Keller leben, bis wir von der Gemeinde Gauting eine kleine Sozialwohnung bekamen. Dort wuchs ich auf, in dem wohl reichsten Landkreis Deutschlands, dem Landkreis Starnberg.

Ich besuchte dort das Gymnasium und absolvierte 2004 das allgemeine Abitur. Ich belegte  auch einen Fotografie-Kurs und entdeckte dort meine Leidenschaft dafür. Später machte ich eine Ausbildung an der Designschule München als Grafikdesignerin. Als ich dies beendete, verschlug es mich nach Berlin. Ich wollte einen Neuanfang, und Berlin schien für mich als Künstlerin und leidenschaftliche Fotografin der richtige Ort zu sein. Dies war 2012. Kurze Zeit später machte ich mich selbstständig und arbeitete von zu Hause aus an privaten Aufträgen für teilweise feste Kunden, aber auch für Kleinaufträge von Privatkunden.

Lotar Martin Kamm: Seit über 10 Jahren tobt in Syrien dieser schreckliche Krieg, der darüber hinaus besonders den Nahen Osten zusätzlich belastet, von den großen Flüchtlingsströmen ganz zu schweigen. Was war die Initialzündung für dich, das ‚Projekt 009’ zu gründen? Hattest du von Beginn an Gleichgesinnte an deiner Seite?

Ina Felina: Ich besuchte 2014 Albanien mit einem Freund, und seitdem wollte ich in Richtung Kriegsjournalismus gehen. Fotografie ist für mich eine große Leidenschaft. Mit Bildern kann man als Zeitzeuge sehr viel bewegen, Emotionen wecken und vielleicht auch etwas verändern. Man muss nur den richtigen Moment einfangen.

2017 besuchte ich mit einem anderen Freund den Libanon. Ich wollte ein paar Aufnahmen in Südbeirut machen und wurde von der Hisbollah wegen Spionageverdacht vorläufig in Gewahrsam genommen, jedoch schnell wieder freigelassen. Kurz darauf lernte ich Abed kennen. Er lebt in Berlin und kam aus der Gegend, in welcher ich festgenommen wurde. Also beschlossen wir, gemeinsam hinzureisen. Er war derjenige, der mich zu den Flüchtlingslagern in der Bekaa-Ebene brachte. Ich überredete ihn, mit mir zusammen ein paar dieser Lager aufzusuchen und Interviews mit den Menschen dort zu führen und meine Fragen zu übersetzen. Das Camp 009 in der Bekaa-Ebene war damals das erste Flüchtlingslager, welches ich betrat, von diesem Lager leitet sich somit auch der Name für das Projekt ab. Dort leben vorwiegend Syrer aus der Gegend um Rakka. Als ich das Elend sah, begann das Ganze, denn wegsehen konnte ich nicht mehr.

In Deutschland angekommen, begann ich Babyklamotten und Schuhe zu sammeln und sendete einen Container nach Libanon. Leider bekam ich die Dinge nie ausgegeben, da der Zoll damals 10.000 Euro von mir verlangte. Mittlerweile dürften die Spenden bei der Katastrophe in Beirut in Schutt und Asche gelegt worden sein. Doch aufgeben, das konnte ich nicht. Von da an suchte ich immer wieder nach Kofferpaten, die mir einen Koffer voller gesammelter Schuhe in den Libanon bringen. Ein Freund von Abed holte die Spenden immer vom Flughafen ab und sammelte alles, bis wir wieder vor Ort waren, um die Dinge im Lager zu verteilen. Die Gelder für das Projekt organisierte ich damals durch Soli-Veranstaltungen in Berlin bis zur Corona-Krise, mindestens eine Veranstaltung im Monat organisierte ich somit etwa zwei Jahre lang.

Lotar Martin Kamm: Beschränkt sich deine Arbeit, dein Engagement nur auf Syrien selbst, oder suchst du auch andere benachbarte Länder auf, was letztlich sehr naheliegend wäre? Welche besonderen Erfolge kannst du uns berichten?

Ina Felina: Für mich sind alle Menschen gleich. Ich beschränkte mich nie auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Mir geht es um diejenigen, mit denen es das Leben nicht gut meinte. Die ärmsten der Armen sind meine Zielgruppe. Religion, Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Gesinnung spielen für mich keine Rolle. Zuletzt besuchte ich zum zweiten Mal das Samos Camp in Griechenland. Ich lebte selbst 5 Wochen im Camp, da ich diese Erfahrung mit den Menschen teilen wollte, ihnen auf Augenhöhe begegnen und alle Tücken des Lebens im Lager kennenlernen wollte.

Schnell stellte sich heraus, dass ich mit meinem Team, welches selbst im Lager lebt, einigen Menschen sehr gut helfen konnte, indem wir Plastikplanen oder Holz zum Bau von Behausungen bereitstellten. Wir bauten auch komplette Behausungen für Menschen, die in kleinen Ein-Mann-Zelten leben mussten und wir begannen eine kleine Kooperation mit MSF (Ärzte ohne Grenzen). Sie stellten Material und einen Plan für Toiletten zur Verfügung, und wir bauten diese Sanitäranlagen in einem Teil des Camps, in welchem es keine Toiletten gab. Vor kurzem brannten große Teile des Samos Camps ab. Wir halfen schnell und unbürokratisch und sendeten direkt zwei Transporter-Ladungen Holz ins Camp, damit sich die Obdachlosen neue Behausungen errichten konnten.

Lotar Martin Kamm: Was sollte sich tatsächlich schnell und direkt ändern an Hilfeleistung seitens der EU oder Deutschlands? Inwieweit greifen zu halbherzige Maßnahmen seitens der Politik?

Ina Felina: Die Asylpolitik ist kompliziert und schwer durchschaubar. Es ist unverständlich, warum die Menschen in unserem freien und reichen Europa so leben müssen. Doch wenn man hinter die Kulissen blickt, wird schnell klar, dass diese Probleme so gewollt sind. Es ist eine Abschreckungspolitik, welche Europa abschotten lässt. Wir haben eine Mauer um Europa errichtet, die kaum noch zu durchdringen ist. An unseren Außengrenzen befinden sich unzählige Lager mit Tausenden von Menschen, die vor Krieg und Folter fliehen mussten und sich nur ein würdevolles Leben ohne Angst und psychischen Druck erhofften, nun leider festsitzen und oftmals nicht vor und zurück können.

Viele Menschen in Europa haben Angst vor den Flüchtlingsströmen, und aufgrund von mangelnder oder fehlender Berichterstattung wissen leider viele Menschen nicht von den Problemen in den Lagern. Ich, sowie viele andere Hilfsorganisationen machen den Job, den eigentlich der Staat übernehmen sollte. Ich würde mir wünschen, staatliche Zuschüsse zu bekommen, denn die Arbeit ist mühsam und erfordert viel Kraft und Durchhaltevermögen.

Lotar Martin Kamm: Gibt es noch mehr zusätzlich entstandene Projekte im Rahmen der Initiative?

Ina Felina: Wir hatten letztes Jahr ein Projekt in Syrien. Sechs Damen, wohnhaft bei Damaskus strickten für uns Socken, Mützen und Schals. Wir bezahlten sie großzügig dafür und verkauften die Strickwaren auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt in Berlin. Für die Damen war es ein tolles Projekt, weil sie somit ihren Unterhalt für die nächsten Monate sichern konnten.

Lotar Martin Kamm: Zum Schluß möchte ich dir noch gern den Raum für nicht gestellte Fragen geben, was du noch auf dem Herzen hast. Darüber hinaus, wo man das ‚Projekt 009’ findet?

Ina Felina: Auf Samos wird auf einem Militärgebiet gerade ein riesiges Internierungslager/Gefängnis für Geflüchtete gebaut. Laut Gerüchten soll es zwischen Februar und Juni in Betrieb genommen werden. Wie die Deportation ablaufen soll, das weiß bisher niemand so genau. Fraglich ist, ob nur die Neuankömmlinge direkt ‚inhaftiert‘ werden sollen, oder auch die Bewohner des Dschugels (inoffizieller Teil des Samos Camps) deportiert werden. Tatsache ist aber, dass seit etwa 10 Monaten keine Neuankömmlinge mehr auf Samos ankamen. Frontex sorgt für illegale Pushbacks in die Türkei, und falls es doch jemand schafft, kommt er ins örtliche Gefängnis.

Die Menschen haben Angst vor dem neuen Lager. Denn das Gebiet ist weit weg vom Schuss. 10 km von der Hauptstadt entfernt, 6 km zum nächsten Supermarkt, 10 km zum Krankenhaus, 10 km zum Strand. Militärgebiete sind Sperrzonen und dürfen nicht betreten werden. Fraglich ist auch, ob Hilfsorganisationen dann überhaupt noch Zugang zu dem Gebiet bekommen werden. Seit Corona wurde Flüchtlingshilfe auf den griechischen Inseln illegalisiert, und kaum eine Organisation kann noch ihre Arbeit normal verrichten. Es muss schnellstmöglich etwas geschehen. Ich kann nicht dabei zusehen, wie Menschen ihrer Rechte beraubt werden, nur weil sie mit dem falschen Pass am falschen Ort geboren wurden. Es besteht Handlungsbedarf in der Politik, und zwar dringend.

Das Projekt findet man bislang nur auf Facebook. Ich bin auf der Suche nach Menschen, die mir gern bei der Arbeit helfen wollen, die Hauptarbeit mache ich seit drei Jahren zum Großteil alleine. Ich habe zwar immer wieder Helfer, doch ich brauche eigentlich ein festes Team, auch für die Gründung eines Vereins wäre es von Vorteil, endlich mal ein Team zu haben, welches sich regelmäßig trifft und über Dinge beratschlagen kann. Die Entscheidungen lagen bislang immer hauptsächlich bei mir. Aber ich bin gewachsen an dem Projekt. Aus einer kleinen Hilfslieferung wurde mein Herzensprojekt, und nun möchte ich eine NGO gründen, denn ich habe gemerkt, dass es meine Berufung ist, Menschen in Notsituationen zu helfen und ihnen Hoffnung auf eine bessere Welt zu geben. Für viele Menschen in den Lagern bin ich zu einer Art Hoffnungsträgerin geworden.

Lotar Martin Kamm: Ich bedanke mich auch im Namen des gesamten Teams für das interessante Interview und wünsche dir und dem Projekt noch viel Erfolg.

Ina Felina: Auch ich bedanke mich herzlich bei dir und wünsche eine wundervolle Vorweihnachtszeit. Liebe Grüße!

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