Das geschriebene Wort fesselt den Gedanken – ein Interview mit Susi Kra


Foto Jetzt und Wir – Live @Bernhard Schösser.jpg

Über „Stille Helden“ und die Sängerin von „Jetzt und Wir“

Die Musikbranche tummelt sich bunt, mal leise oder laut, hat es jetzt besonders in Coronavirus-Zeiten auch nicht gerade leicht, das gilt aber letztlich für alle Kulturschaffenden sowie all diejenigen, die mitarbeiten, die Techniker und vielen Helferlein.

Einerseits vermag man für sich allein das Schicksal in die Hand nehmen, um Widrigkeiten zu meistern, was etliche durchaus genauso vollziehen, andererseits suchen einige Wege, sich zu artikulieren, nicht im Stillen zu verharren, sondern nach außen zu gehen, um mit Gleichgesinnten Aufmerksamkeit zu erlangen.

So auch Susi Kra, Musikerin und Partnerin in Crime, dabei unbedingt politisch aktiv, wie sie selbst in ihrer Homepage betont. Bei genauerem Reinschauen fällt der Reiter „Stille Helden“ ins Auge, läßt aufhorchen mit der Beschreibung, den Blickwinkel der Gesellschaft auf Familien mit kranken oder behinderten Kindern zu richten. Grund genug auch für uns, in diesem Interview ihr Schaffen zu vertiefen.

Lotar Martin Kamm: Beim Stöbern auf deiner Seite fällt sofort auf, daß du ziemlich aktiv unterwegs bist als Mutter einer behinderten Tochter, Musikerin und Initiatorin von dem Projekt „Stille Helden“. Magst du berichten, welche Beweggründe dich veranlaßten, so forsch nach außen aktiv zu werden?

Susi Kra: Bis meine Tochter mit einem schweren Genfehler zur Welt kam, hatte ich überhaupt keine Berührungspunkte zu Menschen mit Behinderung. Als sie geboren wurde, machte mich das von jetzt auf gleich zur 24h Pflegekraft. Ich lernte Magensonden zu setzen, Spritzen zu verabreichen, Medikamente abzumischen. Ihr Zustand war schlecht, und wir haben jahrelang nicht mehr als ca. 2 Stunden am Stück geschlafen, weil sie auch nachts medizinisch versorgt werden musste. In der Innsbrucker Kinderklinik waren wir Stammgäste.

Von der ehemals optimistischen und aktiven Frohnatur, die ich war, wurde ich in kurzer Zeit zum seelischen und körperlichen Wrack. Ich erfuhr am eigenen Leib, wie unsichtbar Familien wie die unsere in der Gesellschaft sind, wieviel an Bewusstsein und Unterstützung fehlt und welche furchtbaren Bilder von Behinderung noch immer in den Köpfen der Menschen stecken. Mehr als einmal bekam ich die Frage, warum ich denn nicht abgetrieben hätte. Die Menschen verstehen nicht, dass nicht das Kind oder die Behinderung an sich das Problem sind, sondern die teilweise katastrophal vorsintflutlichen Umstände, die im Bereich “Pflege und Behinderung” herrschen. Ein Beispiel: Statt Eltern bei der Einstellung einer Pflegekraft für die häusliche Versorgung ihres Kindes zu unterstützen, wird ihnen in Tirol lediglich ein Heimplatz finanziert. Das muss man sich vorstellen: Statt mir die Pflege daheim zu ermöglichen, wird mein kleines, krankes Kind (wir reden hier von Kleinkindern) in ein Heim abgeschoben!

Als dann im März dieses Jahres in Österreich der erste Lockdown beschlossen wurde, nahm – wen wunderts? – niemand Rücksicht auf Familien mit behinderten Kindern. Wochenlang fielen ihnen wichtige Therapie- und Betreuungsmöglichkeiten alternativlos einfach weg. Das sind keine Freizeitbeschäftigungen, sondern grundlegende Notwendigkeiten, um die Kinder körperlich und geistig schmerzlos und aktiv zu halten. Eltern, zumeist Mütter, mussten von jetzt auf gleich Homeoffice, Homeschooling mit den Geschwistern und 24h Pflege für ihr krankes Kind zuhause unter einen Hut bringen. Sie kamen schnell weit über die Grenzen des Belastbaren, doch das interessierte niemanden. Denn, wie gesagt, selbst in Nichtkrisenzeiten ist die Unterstützung für solche Familien durch die öffentliche Hand beschämend restriktiv.

Ich war zornig, dachte mir aber, ich will diese ganze Energie nicht in bloßer Wut verpuffen lassen, sondern nutzen. Deshalb gründete ich das Kunstprojekt “Stille Helden”, schrieb und nahm den gleichnamigen Song als Aufhänger mit MusikerInnen aus der ganzen Welt auf, baute eine Homepage, eröffnete eine Facebookgruppe. Alles mit dem Ziel, Familien mit kranken und behinderten Kindern eine Stimme und eine Plattform zu geben, um sie sichtbarer zu machen.

Lotar Martin Kamm: Wie muß man sich das vorstellen mit der Genmutation? Besteht da Hoffnung, daß sich für deine Tochter später manches verbessert?

Susi Kra: Die Genmutation betrifft verschiedene Bereiche ihres Körpers, aber im Besonderen ihr Herz und ihre Leber. Der Gesundheitszustand meiner Kleinen wurde vor ein paar Jahren so schlecht, dass sie eine Lebertransplantation benötigte – ein riesen Unterfangen, denn sie war sehr klein und die 12-stündige Operation mit vielen Risken behaftet. Auch die medizinische Vor- und Nachbetreuung ist nicht ohne. Doch wir hatten unbeschreibliches Glück, weil wir einen der führenden Spezialisten auf diesem Gebiet und eine hervorragende Betreuung in der Klinik in Innsbruck haben. Unsere Tochter hat alles gut überstanden und heute, einige Jahre mit vielen ups and downs später, geht es ihr gut. Sie wird zwar ihr Leben lang in ein paar Bereichen eingeschränkt sein, bzw. muss viele Medikamente nehmen und immunsupprimiert werden – weshalb sie auch zur Risikogruppe gehört -, aber es geht bergauf. Sonst hätte ich mich auch nicht erholen können und keine Kraft für meine jetzigen Projekte.

Lotar Martin Kamm: Von wegen banales, deine Formulierung „Das geschriebene Wort fesselt den Gedanken“ war offensichtlich die Initialzündung für dich, die eigene Lebensperspektive zu hinterfragen, zu ändern, oder?

Susi Kra: Ja. Bevor das alles passiert ist, in meinem früheren Leben quasi, war ich in vielen Bereichen sehr kreativ unterwegs, hab Musik gemacht, getextet, designt, genäht, fotografiert. Weniger als Ventil, sondern aus dem inneren Bedürfnis heraus, die Ideen, die in meinem Kopf wuchsen, Wahrheit werden zu lassen.

Als meine Tochter zur Welt kam, änderte sich mein Leben in jedem Winkel. Man kann sich nur schwer vorstellen, was so etwas mit dem Körper und der Seele einer Mutter macht, bis man es selbst erlebt. Nachdem ich auf die harte Tour gelernt hatte, was es bedeutet, dem Leben ausgeliefert zu sein, war ich verwundet, verbittert und hatte Angst. Als ich eines Tages völlig erschöpft am Boden in meinem Badezimmer saß und noch schnell einen Termin am Handy eintragen wollte, fiel mir auf, dass alles, was ich schreibe, ja dort in sicherem Abstand gefangen war. Mehr reflexartig als aktiv gewollt, setzte ich dem Gedanken, der so allein dastand, einen Reim als Begleiter darunter und erkannte damit eine essentielle Wahrheit: Ich kann Tatsachen in einer Form festhalten, die mir die nötige Sicherheit verschafft, um zu entscheiden, wie ich sie wahrnehme. Dieser Blickwinkel gab mir eine neue Richtung und motivierte mich. Ich schrieb mir die ganze harte Realität in meine selbst erschaffenen, verrückt-verkehrten Gedankenwelten, in denen ich die Möglichkeit habe, mein Leben liebevoll wahrzunehmen. So wurde ich Ballast los und konnte wieder aktiv werden.

Lotar Martin Kamm: Gibt es bereits erste Erfolge? Und inwiefern reagiert die Politik selbst, wenn du Mißstände ansprichst?

Susi Kra: Mehrere Medien, darunter auch die Tiroler Tageszeitung und die ORF Abendnachrichten “Tirol Heute” haben bereits über das Projekt berichtet. Ich fand Kooperationspartner und hatte Gespräche mit VertreterInnen des Sozialministeriums und anderen politischen EntscheidungsträgerInnen in Tirol. Einige fühlen sich natürlich auf die Füße getreten, aber die meisten sind kooperativ und gesprächsbereit. Mein momentanes Ziel ist es, gemeinsam mit dem Verein “Integration Tirol”, die Unterstützung in der häuslichen Pflege kranker Kinder durch die Finanzierung von Pflegepersonal in Tirol auf die Beine zu stellen. Es wurde bereits im Tiroler Landtag angesprochen, und auch im Hintergrund bewegt sich etwas. Aber es ist noch Einiges zu tun.

Lotar Martin Kamm: Jetzt haben wir vieles über die Stillen Helden erfahren dürfen. Als Sängerin Eurer Band „Jetzt und Wir“ schreibst du die Texte, wie du berichtest, „gießt du die Verse in deutschsprachigen Poesierock“. Wie kamst du zur Musik, habt Ihr Euch gefunden?

Susi Kra: Ich habe erst spät – mit 30 Jahren aktiv zur Musik gefunden, davor war ich ausschließlich als begeisterter Fan auf Konzerten und Festivals im Publikum. Aber eines Tages traf ich einen besonderen Mann mit seiner Akustikgitarre in einem Reisebus. Auch so ein Tag, der mein Leben komplett veränderte. Er brachte mich zur Musik, animierte mich zum Singen, Texten, Komponieren und wurde auch privat mein Partner und Vater meiner Kinder.

Nachdem es unserer Tochter besser ging, unterstützte er mich, als ich meine Band “Jetzt und Wir” gründete. Er spielt bei uns Bass, macht die komplette Technik und komponiert. Meinen Gitarristen Mr. Torres, der aus Spanien kommt und diesen wunderbaren, atmosphärischen Rock à la “Heroes del Silencio” drauf hat, kenne ich von einer Coverband, bei der wir beide zufällig am gleichen Tag ein- und wenig später auch wieder ausgestiegen sind. Markus, unser magisch panischer Pianist, lief mir in Innsbruck zufällig in einem Restaurant über den Weg. Da unser Schlagzeuger vor kurzem selbst Papa geworden ist, sind wir derzeit ohne fixen Schießbudenmeister unterwegs.

Ich habe großes Glück mit meinen Jungs, weil sie nicht nur hervorragende Musiker sind, sondern empathisch und gewissermaßen auch leidensfähig. Mit mir zu arbeiten, ist nicht immer einfach, weil ich genaue Vorstellungen habe und sehr detailverliebt bin. Doch bei uns herrscht einerseits genug Ernsthaftigkeit und andererseits genug Humor, um nicht wahnsinnig zu werden. Wir sind eine kuriose Einheit.

Lotar Martin Kamm: Du schreibst ebenso für andere Bands oder Musiker?

Susi Kra: Ja, aus meiner Feder stammen Titel und Text von “Mia san Österreich” – ein Austropop Allstar Projekt von Klaus Schubert mit Größen der österreichischen Musikszene wie Wolfgang Ambros, Opus, der STS Legende Schiffkowitz, den Schürzenjägern und vielen mehr. Es ist ein Song für Vielfalt und Zusammenhalt aller, die in Österreich leben, der die Liebe zu unserem Land offen und ohne diesen konservativen Heimatbegriff feiert.

Zurzeit arbeite ich auch mit einer Singer-Songwriterin aus Hamburg an einem Song für ihre EP, die nächstes Jahr veröffentlicht wird.

Lotar Martin Kamm: Am Ende des Interviews möchte ich dir noch gern die Gelegenheit geben, das zu schildern, was dir noch auf dem Herzen liegt.

Susi Kra: Ich kann nur allen ans Herz legen, ihre eigenen Vorstellungen über Menschen, die nicht der Norm entsprechen, zu hinterfragen, bevor sie sich eine Meinung dazu bilden. Es ist sehr schwer, eine Situation zu beurteilen, in der man nicht selbst steckt, und es ist vollkommen logisch, nicht über alles Bescheid zu wissen. Wenn euch das nächste Mal jemand mit einer Behinderung begegnet, starrt ihn nicht einfach an, sondern geht auf ihn zu, zeigt Interesse und fragt nach. Es ist verständlich, dass wir Unbekanntem skeptisch und unsicher gegenüberstehen, aber wenn wir den Mut aufbringen, uns damit zu beschäftigen, schaffen wir eine Verbindung und damit Sicherheit auf beiden Seiten.

Lotar Martin Kamm: Im Namen des gesamtes Teams bedanke ich mich recht herzlich und wünsche allen Stillen Helden und deren Familien viel Hilfe und Zuspruch, daß die Politik entsprechend aufmerksamer agiert und deiner Band alles Liebe und Gute.

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