Charlottes Reise durch die Unendlichkeit – Teil 2


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Bild von (El Caminante) auf Pixabay

Eine Sightseeing-Tour quer durch unsere Epochen, vom Altertum ins Mittelalter, von Zeiten, als es noch keine Homo sapiens gab, bis hin weit in eine schrecklich düster-leere Zukunft, stellte sie staunend fest. Vor allem, wieso sah sie dennoch sich selbst nicht im Geringsten, weder ihren Körper noch irgend etwas materielles, sondern lediglich Filmabläufe, die verblüffend der Fernsehwelt ähnelten, nur daß Gerüche, Regen, Schnee oder Geräusche täuschend echt wirkten?

Ratlos schloß sie ihre imaginären Augen, was ihr Geist, der zumindest präsent war, keineswegs duldete, sie war den Ereignissen um sich herum trotzdem ausgesetzt, konnte sich nicht einfach entziehen. Auf einmal schien sie für eine Weile länger an einem Ort gebannt, so daß ihrer Aufmerksamkeit mehr Einzelheiten haften blieben. Erneut konnte sie nur erahnen, wo und in welcher Zeit sie sich wohl befand. Dabei stellte sie abermals fest, wie unwichtig dies eigentlich war, daß Mensch ständig sich krampfhaft an ihr „festhielt“.

Lauter Fels umgab sie, was nicht weiter störend wirkte, weil direkter Kontakt nicht vorhanden war, so auch nicht mögliche Gefahren irgendwo hinter dem nächsten Stein auflauern könnten. Andererseits spürte sie nur zu deutlich, eben nicht allein hier zu sein, viel mehr noch andere Wesen ganz in der Nähe verweilten, die sich halt bloß nicht zu erkennen geben wollten. Ganz zaghaft, aber dennoch frohen Mutes, wagte sie einen Versuch.

„Wer auch immer hier sein möge, bitte gib dich zu erkennen. Kannst du oder könnt ihr mich sehen?“, fragte Charlotte ganz ruhig mit fester Stimme.

Am Ende zählt nur, im Einklang in allem zu sein

Was daraufhin folgte, verschlug ihr zunächst die Sprache, zu irrational erschien ihr die Reaktion. Gleichzeitig erhoben mehrere Personen die Stimme, obwohl sie niemand sehen konnte, auch kein Lautsprecher oder ähnliches vorhanden war. Charlotte drehte sich mehrmals um sich, schaute hektisch mit bohrenden Blicken die Umgebung ab – nichts. Und doch erklangen die Stimmen ziemlich präsent, ganz nah.

Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was da ihr begegnete, sie gar Satzfragmente zu unterscheiden vermochte.

„Lauter kleine Kinder laufen mir hinterher… Wieso hat uns das Jüngste Gericht dermaßen brutal bestraft? Bitte, verschont doch die alten, kranken Menschen, sie haben Euch doch nichts getan… Meine Mutter spuckt Blut, wer kann ihr helfen?… Hilfe!“, und meist ähnlich schreckliches drang an ihre Ohren.

Trotzdem stand sie völlig perplex und mit der Zeit erstarrt nur noch sehr steif, hellwach, jedoch einer Ohnmacht nahe in der Landschaft, realisierte die Tragweite ihrer Hilflosigkeit. Tränen liefen ihr Gesicht hinunter, von einem tiefen Schluchzen begleitet. Mit all ihrem Mut raffte sie sich auf und schrie ihnen allen entgegen: „Aufhören, sofort, ich kann sowieso nicht helfen. Wieso beklagt Ihr Euch vor mir, die ich hier ohnehin nichts ausrichten kann, Euch nicht einmal sehe?“

Keinerlei Antwort erfolgte, sondern vielmehr ein plötzliches Verstummen, im nächsten Moment befand sich Charlotte erneut auf Sight-Seeing-Tour durch die Menschheitsgeschichte, nahm es wesentlich gelassener, genoß förmlich jenes vertraute Gefühl einer gewissen Geborgenheit. Gleichzeitig wurde ihr jetzt mit Abstand zu den unruhigen Stimmen bewußt, daß sie jede einzelne eigentlich kannte bzw. zumindest erkennbar wußte, was es auf sich hatte mit ihnen. Mit diesen neuen klaren Gedanken schloß sich für sie ein innerer Kreis etlicher Fragen, die mit einmal dadurch beantwortet zu sein schienen.

Na, klar doch, es waren sowohl ihre Vorfahren als auch die in der Zukunft sich befindenden Nachfahren, denen sie an jenem Ort begegnete. Mit einer fast lässigen Handbewegung fuhr sie sich übers Gesicht, wischte die Tränenspuren weg, um ziemlich scharf eine wunderbare weiße Feder vor sich im Gras liegend zu beobachten. Kein Lüftchen störte dieses Bild, allerdings bemerkte sie zwei kleine Wassertropfen am Federflaum, die kurz davor waren, ins Grün zu fallen.

Lotar Martin Kamm

Charlottes Reise durch die Unendlichkeit – Teil 1

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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