Charlottes Reise durch die Unendlichkeit – Teil 1


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Bild von (El Caminante) auf Pixabay

Wer noch genug Kind in sich, möge staunend blicken

„Bitte halte mich fest, trage die Gedanken ganz weit weg in eine Welt voller friedlich denkender Wesen, die Gefühle als das zuzulassen, für was sie ein Leben gestalten mögen, anstatt nur zerstörerisch unterwegs zu sein. Bleibe noch eine lange Weile hier, lenke uns ab, bevor der Alltag zurückkehrt, der so schwer erträglich“, waren Charlottes Worte.

Anschließend versank sie in einen tiefen Schlaf, der zunächst nur für eine leere Stille sorgte, ein sorgenfreies Dunkel im unendlichen Raum ewiglichem Nichts. Wer kennt ihn nicht? Ein kurzes Aufflackern wirrer Ahnungen folgte irgendwann, noch war das Bild verschwommen, somit ziemlich  unscharf. Eindringlich bemühten sich die forschend neugierigen Stimmen, die im Kopf sich plötzlich meldeten. Was war geschehen, wo befand sie sich?

Zaghaft und äußerst verunsichert öffnete die 24-Jährige ihre Augen, hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand. Jedwedes Zeitgefühl war komplett ausgeschaltet, sämtliche Erinnerungen an ihr Leben waren wie erloschen. Einzige Ausnahme, daß sie noch wußte, wie sie hieß. Was hatte Charlotte bloß bisherig durchlebt, wo war sie aufgewachsen, wer ihre Familie? Viele Fragen schossen ihr durch den Kopf, sie staunte, ob ihrer Kleidung, die sie trug. Irgendwie meinte sie zu wissen, diese hätte mit ihr selbst nichts gemein. Zu mehr reichte ihre Intuition nicht aus.

Dann erst registrierte sie ihre nähere Umgebung. Langsam richtete sie sich auf, hatte wohl im Moos geschlafen, wunderte sich über die Eiskristalle, spürte plötzlich die Kälte, die sie umgab, welche vorher ihr wohl keinerlei Beschwerden zugefügt hatte. ‚Wo bin ich nur hingeraten, und vor allem, warum liege ich hier draußen in der freien Natur, mutterseelenallein‘, fragte sich die Schwarzhaarige, strich ein paar Erdpartikel vom violettfarbenen Overall. Gerade wollte Charlotte aufstehen und die Umgebung betrachten, als sie in Ohnmacht sank.

Diesmal flackerte ein Restfunken Bewußtsein auf, gerade soviel, um zu bemerken, was geschah. Sie flog in unvorstellbarer Geschwindigkeit durch einen Raum, den sie keinesfalls einzuordnen vermochte, zumal die Landschaft um sie herum mehr aus grell aufblitzenden Farben bestand, verschwommen dahinsauste. Gleichzeitig fiel ihr eine bestimmte Enge auf, die sie dennoch nicht bestimmen konnte. Befand sie sich in einer Art Fahrzeug, war ihr Körper aufgelöst und nur ihr Geist empfand die Eindrücke?

Charlotte überkam eine gewisse Ratlosigkeit zusammen mit einem kindlichen Erstaunen, welches es hervorragend verstand, eine wachsende Unsicherheit nahezu spielerisch auszugleichen. Das half ihr ungemein, dem Geschehen sich gelassener hinzugeben. ‚Na und, dann ist das halt jetzt so, einfach als Film betrachten, dann kann ich es wohl besser verkraften‘, entschied sie für sich und lehnte sich zurück. Im selben Moment fiel sie ins Bodenlose.

Zeit ist alles andere als relativ

Aber warum nur bodenlos? ‚Ich brauche Halt, wieso spüre ich keinen direkten Kontakt mit irgend etwas Festem? Ich kann doch gar nicht fliegen, und überhaupt, wo bin ich nur, kann nichts sehen?‘, fragte sich Charlotte, um im nächsten Moment offenen Mundes nur noch zu staunen, was ihr da urplötzlich begegnete.

Dabei fiel ihr gleichzeitig ein, so oft schon in Berichten gelesen hatte von Menschen, bei denen sich während des Ablebens ein Teil des eigenen Lebens wie ein Film in Sekundenschnelle vor deren geistigen Augen vorbeiraste. Aber sie lebte doch, es bestand keinerlei Anlaß, der einen herannahenden Tod rechtfertigte, außer diesem Gefühl des bodenlosen Fallens.

Viel länger vermochte sie auch nicht mehr darüber zu grübeln, weil die vorbeiziehenden Ereignisse ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchten. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, daß das Geschehen letztlich eine Art Botschaft bedeuten könnte. Krampfhaft bemühte sich Charlotte, parallel möglichst viel an Einzelheiten im Kopf zu speichern, zwecks Abrufs zu einem späteren Zeitpunkt. Apropos Zeit, die schien hierbei keinerlei Bedeutung zu haben, weil die unterschiedlichen Sprünge ohnehin ihr viel eher näherbrachten, daß Mensch klein-geistig befangen war in seinem Wirken auf Erden.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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