Bahnhof Eibenfeld


 

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Bild von Bernhard Renner auf Pixabay

Kürzlich, vielleicht erst vor ein, zwei Tagen wurde der Boden mit Bohnerwachs behandelt, viel sieht man nicht mehr davon, das Wachs kann ich dennoch riechen. Es klebt nicht nur am Fußboden, es klebt überall hier in der Halle. Wäre nicht der viele Schnee, die Feuchtigkeit, die jeder hier mit seinen Schuhen und den nassen Koffern und Taschen hereinträgt, könnte ich womöglich fast auf die Stunde genau sagen, wann das Wachs aufgetragen wurde.

Heute ist Donnerstag, Dienstag, hundertprozentig Dienstag, so gegen zehn Uhr vormittags ist dieser Holzboden frisch gewachst worden. Eigentlich bin ich allergisch gegen diesen Geruch, nicht daß ich davon Pusteln oder Atemnot bekomme, aber er war solange ich denken kann ein Mittel, schnell das nächste Klo aufzusuchen. Es fing zu Schulbeginn an, sobald ich das Schulgebäude betrat und dieses billige Bohnerwachs roch, trieb es mich auf die Toilette. Aufs Klo, es war ein Klo, außerhalb des Schulgebäudes. Ein kleiner Bau, der schon von weitem Pisse, Pisse, nicht Urin, Pisse ausdünstete. Übel dieser Gestank, genauso übel wie das Bohnerwachs und unfaßbar das beste Mittel gleich in die Hose zu pinkeln, obwohl man zu Hause gerade das stille Örtchen besetzt hielt, und vor der Türe ein Gezeter der Geschwister über sich ergehen ließ, weil man das Bedürfnis hatte, möglichst gründlich zu pinkeln.

Ein Wunder, ich bin standhaft, renne nicht hinaus in das Häuschen neben dem Bahnhof, daß hinter Büschen versteckt, alleine durch seine Duftmarke den Platz zur Erlösung des Harndrangs anzeigt; irgendwie trifft man diese mit Urin und Scheiße getränkten kleinen Häuschen an jedem Bahnhof landauf, landab und an fast jeder Schule; geh durch ein Dorf, und du wirst die Kuhscheiße als angenehmer empfinden als den Gestank, der sind neben dem Bahnhof und der Schule festgeklebt hat, dich davon abhält, überhaupt an Pinkeln zu denken, bis du die Schule oder den Bahnhof betrittst, den noch penetranteren Geruch des Bohnerwachses riechst, dann ist es plötzlich völlig egal, und du rennst in die mit Pisse getauchten Steinwände, wenn du Glück hast findest du an den einst graugelb gestrichenen Wänden Figuren, die dich wegträumen lassen. Neuerdings besteht sogar die Möglichkeit, dich durch eine Unmenge von Sprüchen, die nicht jugendfrei sind, zu informieren, was die Erwachsenenwelt so alles an Unsittlichem bereithält.

Die Stunden, die ich hier offiziell noch absitze, sind überschaubar, laut Plan, der hinter einer schmierigen Glasscheibe angeheftet ist, fährt mein Zug um 16 Uhr 38, Gleis 2. Bis dahin bin ich längst wieder über alle Berge. Will mich nur ein wenig aufwärmen. Wirklich, das funktioniert. Sobald die Mütze, die Handschuhe, der Schal ausgezogen, die Jacke geöffnet entfleucht der nasse Schweiß; möglicherweise denkt er, seine blöden Fingerzeichen seien eine adrette Anmachmasche, und die kühle Raumluft beginnt zu wärmen. Jedenfalls ein bißchen, es fahren von hier nicht viele Züge, und die wenigen Fahrgäste, die von hier in die weite Welt oder wenigstens ins nächste Dorf fahren, kann man an fünf Fingern abzählen. Er, mein Gegenüber auf der anderen langen Holzbank, war im angrenzenden Raum, dort ist gewärmt, dort sitzt ein Bahnler hinter einer Scheibe und verkauft die Fahrkarten, wenn er nicht damit beschäftigt ist, den einfahrenden oder den wegfahrenden Zug mit seinem Signalstab, oder wie immer der heißen mag, so zog für kurze Zeit eine mit Kohle gemengte Luft in die Halle.

Ich brauche keine Karte, denn ich werde meinen Restweg zu Fuß weitergehen. Die Abfahrtszeit, so gegen halb fünf, merke ich mir nur, damit ich nicht weggeschickt werde, wenn ich mich zu lange hier drin aufhalte. Manche der Bahnhofsvorsteher sind regelrechte Säuberungsmaschinen, die den Aufenthalt im Bahnhofsgebäude nur Fahrgästen gestatten. Vermutlich ist die aufgewärmte Milch mit Kakao, die ich heute Morgen als Frühstück mit Brötchen, dazu ein Getränk ihrer Wahl, zu mir genommen habe, Schuld für mein Unwohlsein. Warum kann er nicht aufhören, ständig den Zeigefinger unter seiner Nase hin- und herzureiben und mich dabei anzugrinsen, seine Augen zu rollen und mit dem Kopf Richtung Bahnsteigtür zu nicken? Sicher war die Milch mit Wasser gepanscht, war das Brötchen vom Vortag, und die Wurst wurde vor dem Servieren kurz mit Fett eingepinselt, damit sie frisch aussieht. Wer nicht hören will, muß leiden; so ein unfairer Spruch, so ein Erziehungsmaßnahmespruch, du, du, du, schön artig sein, nicht widersprechen, immer gehorchen.

Und was, wenn man nicht mal sich selber gehorchen kann? Wenn man wider besseres Wissen sich in den Kopf gesetzt hat, im Februar an die fünfzig Kilometer zu laufen, nur um sich mal den Wind um die Nase wehen zulassen? Seit drei Tagen latsche ich nun durch Schnee, Schneematsch, Matschwasser, Wasserpfützen, die Wald- und Wiesenwege kann ich seit gestern nicht mehr gehen, der Schnee ist mittlerweile zu hoch, ich sehe inzwischen aus wie ein Schornsteinfeger, der gerade zur Arbeit aufbricht; das ganze Ausbürsten der Dreckränder umsonst, schmierige schwarzbraune Flecken auf Hose, Schuhen und Jacke, möglicherweise auch im Gesicht.

„Fräulein, entschuldigens“, beugt sich mein Gegenüber mir entgegen, natürlich den Finger wieder unter der Nase streichelnd, „ Sie san do a Fräulein, nicht? Da draußen is a Wasserhahn“, er nickt mit seinem Kopf Richtung Bahnsteigtüre. „Guots Wasser is des, kommt direkt von oben, vom Wald, sganze Dorf trinkt des, des Schild, kein Trinkwasser, is nur für Fremde, damit die nit auf die Idee kommet, sich hier dr Flaschn zu füllen, wenns warten müsset auf dr nächste Zug. Könnens net Billet sich leisten? Sie werdet doch net Tabak schnupfen? Sieht net schö aus, so a brauns Fleck unter dr Nas.“

Warum ich aufstand und ihm meine Hand entgegenhielt, um sie zu schütteln, aus Rührung, aus Übermüdung, aus eigenem Mitleid, das über mich kam, genau weiß ich es nicht mehr. Ich fragte, ob hier ein Telefonhäuschen stände, ich müßte dringend telefonieren, ob sein Zug gleich käme.

„Ich will net fahrn, die Karte is für mei Frau, die reist nächste Woch zu unserer Tochter nach Konschtanz“, erwiderte er. Und setzte hinzu, „ I wußt net, wie ichs Ihnen sollt sagen, aber so a Fräulein läßt mer doch net mit em Dreckbart unter der Nas sitzen“.

Meine Mutter kam natürlich sofort, natürlich nicht, ohne mich am Telefon wissen zu lassen, daß meine Dummheiten irgendwann ein böses Ende nehmen würden, ich gefälligst meine schriftstellerischen Ambitionen als ausreichend gescheitert anzusehen hätte, Phantastereien wären sie, die nur unnötige Sorgen und Probleme bringen würden. Sie kam. Sie fuhr sogar mit mir und Josef Karl Frank ins Hotel „Vier Jahreszeiten“; bei Kaffee und Kuchen, es waren Torten, obwohl mein schwarzer Schnurrbart immer noch, wenn auch abgeschwächt zu sehen war, hatte mit dem Taschentuch kurz drüber gestrichen, und Mutter mit einem bösen Blick davon abgehalten, in das Taschentuch zu spucken, bevor sie es mir reichte, liebend gern hätte sie mir ihre eigene Spucke unter die Nase gerieben.

Josef Karl Frank, dagegen war ihre Art mir mein Gesicht in ihrem Spiegel zu zeigen, angenehmer, wenn ich auch nicht sofort verstanden habe, was sie mir mitteilen wollten. Manchmal bin ich wieder auf Tour, mir die Welt um die Nase wehen zu lassen, sie stinkt an vielen Orten immer noch nach Pisse und Bohnerwachs, aber was soll‘s, sind es nicht die Flecken, die uns inspirieren, vielleicht bessere Welten zu erahnen und sie mit Leidenschaft auszuformen, damit andere auch Gelegenheit bekommen, in den düsteren Wolken, die vorüberziehen, die Einhörner zu erkennen, die im Galopp die Wolken zerstäuben, die uns den Blick auf das Wesentliche versperren?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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