Wer einen Künstler ermordet, tötet dessen versöhnliche Brückenschläge


In Erinnerung zum Tod von Juliano Mer-Chamis

Juliano Mer-Chamis wurde am 04. April 2011 vor den Augen seines sechsjährigen Sohnes am Eingang seines Theaters von einem maskierten Täter angeschossen. Bei der Ankunft im Krankenhaus in Dschenin konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Wer war Juliano Mer-Chamis, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen? Geboren am 29. Mai 1958 in Nazaret wurde er ganz besonders von seinem Elternhaus geprägt, welches gegensätzlicher kaum sein konnte. Seine Mutter, Arna Mer, war eine jüdische Aktivistin, die sich aber für die Rechte der Palästinenser einsetzte und sein Vater, Saliba Chamis, ein arabisch-christlicher Israeli, einer der  Führer der israelischen Kommunistischen Partei in den 1950er Jahren. Während seiner Jugend begab er sich in den Dienst der israelischen Armee bei den Fallschirmjägern. Eine Äußerung in einem Interview aus  dem Jahre 2009 im israelischen Militär-Rundfunk verdeutlichte seine innere Haltung: „Ich bin zu 100 Prozent Palästinenser und zu 100 Prozent Jude.“

Können Brückenschläge vieler Künstler einen Friedensprozeß vorantreiben?

Diese berechtigte Frage ist unbedingt zu bejahen, aber auch nur, wenn man sie denn zuläßt und nicht einfach mal so mordet, wie  dies hier leider geschah! Zusammen mit Zakaria Zubeidi, Jonatan Stanczak und Dror Feiler gründete Juliano Mer-Chamis 2006 das Freedom Theater und eine Schauspielschule in Dschenin, setzte somit das Werk seiner Mutter fort.

Ganz besonders betonte er die politische Herausforderung, die allein schon wegen des Standortes selbst vorgegeben wurde: Dschenin. Diese palästinensische Stadt im israelisch besetzten Norden des West-Jordanlandes wurde zum ersten Mal um 2000 v. Chr. erwähnt, hatte Bedeutung aufgrund vieler Wasserquellen. Trotz mehrerer Anschläge gegen das Theater und etlichen Morddrohungen setzte er unbeeindruckt seine Arbeit fort, verteidigte die Universalität der Menschenrechte, das kritische Denken gegen Mehrheitsmeinungen, war die Verkörperung als Brückenschlag zwischen Juden und Palästinensern. Als völlig unerschrockener Vorkämpfer für den gerechten  Frieden zwischen Israel und Palästina kritisierte er die israelische Kriegs- und Besatzungspolitik aufs Schärfste, bemängelte aber im gleichen Atemzug den politischen Irrwitz und die Rückwärtsgewandtheit einer vermeintlichen palästinensischen Selbstbehauptung.

Angesichts seines Elternhauses war es daher nicht weiter verwunderlich, daß er mit all seinen Kräften sich religiösen, ethischen und politischen Zuschreibungen verweigerte, die dem Einzelnen keine freie Entscheidung und eine eigene politische Haltung mehr überlassen würden. Noch im Jahre 2009 der Tournee des Freedom Theaters in Deutschland bemerkte er, daß er auf einer Mauer säße, ein Bild des Selbstbewußtseins und der Freiheit. Dabei sollte auch betont werden, daß das Freedom Theater sich insbesondere für Kinder und  Jugendliche des Flüchtlingslagers einsetzt, um ihr Selbstvertrauen und ihre Talente zu fördern.

Jeder Mord ist aufs Schärfste mit Nachdruck zu verurteilen, ganz gleich welche Motive vorliegen. Und wer einen Künstler ermordet, tötet gleich mit ihm kulturelle Errungenschaften, insbesondere wenn diese einen entscheidenden Beitrag zu Friedensprozessen leisten. Es wäre bestimmt nicht im Sinne Juliano Mer-Chamis, als Märtyrer hingestellt zu werden, aber ganz gewiß hat die Nachwelt alles Menschenmögliche zu unternehmen, diesen uralten Konflikt zu beenden, der schon so vielen Menschen den Tod brachte.

Dabei kann und wird Makadomo bestimmt nicht seine Aufgabe darin sehen, die feindlichen Verstrickungen zwischen den Palästinensern und den Israelis zu entwirren. Dies haben schon viele versucht und sind dennoch zu keinem befriedigenden Ergebnis gelangt. Viel zu hoch ist die Gefahr einseitiger Stellungnahmen, die stets die eine oder andere „Seite“ für sich „interpretieren“ wird. Ein neutrales Verhalten sei hier der beste Ratgeber. Mögen noch viele Menschen wie Juliano Mer-Chamis mit all ihrem Wissen, ihrer Kraft sich für den Frieden einsetzen, der oberstes Gebot sein sollte.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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