Haltestelle


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Ob es förderlich erschien auf Grund der Annahme, vielmehr weil das Bedürfnis mehr Bestand hatte, melodisch würden drei Silben entschieden besser die Gefühle widerspiegeln als es zwei Silben möglich wäre und einer Silbe schon gar nicht, verlegte sie ihre Eindrücke der Bushaltestelle auf den September.

Es entspricht absolut nicht der Wahrheit, damit andeuten zu wollen, die herannahende herbstliche Stimmung dieses Monats hätte sie dazu beeinflußt, denn Tatsache ist, vielmehr der April oder sogar der Mai waren im Bereich des Möglichen, doch die Entscheidung keinen dieser beiden Monate in Erwägung zu ziehen, lag einzig allein darin, daß ihre Silbenanzahl nicht die Entsprechung aufweist, um in dieser Rückschau allein durch ihren Namen eine Präsenz zu bieten wie eben der dreisilbige September.

Somit erhielt die Haltestelle ihren endgültigen Platz an der Landstraße auf ewig im September, zumal inzwischen keinerlei Spuren mehr zu erkennen sind, die ihre Anwesenheit für lange Jahre oder überhaupt ihre reale Existenz beweisen. Es ist vollkommen ausreichend, daß sie im September an der Landstraße stand, um Menschen von diesem Ort zu einem anderen Ort oder von einem anderen Ort zu diesem Ort als Start und Ziel der Orientierung dienen. Denn, die meistens jedenfalls flatternden grauwirkenden Gardinen im dritten Stock links, schräg gegenüber bei Frau Zillich, geschiedene Brandtner, würden nicht ausreichen als Positionsbestimmung, genauso wenig wie die Uhr an der Kirche die richtige Abfahrts- oder Ankunftszeit anzeigen kann, weil sie ständig in einer Auseinandersetzung mit dem Herrn Küster Barthel verstrickt ist, der partout nicht einsehen vermag, auch Uhren haben ihren eigenen Zeitrhythmus und deshalb in unerklärlicher Abfolge die Zeiger viertel vor acht anzeigen, anstatt zehn vor acht oder es zwölf schlägt, obwohl die Barthel‘sche Uhr erst fünf vor zwölf anzeigt.

Und überhaupt wer möchte schon seine eigene Ausstrahlung durch Frau Zillich, geschiedene Brandtner, unterstreichen, deren Fenster nur deshalb geöffnet ist, damit die umliegenden Fenster sich schnellstens schließen, weil sie den lieben langen Tag irgendetwas in der Küche anbrät und kocht für ihren neuen Liebhaber, den Dorfpolizisten Schrammel, der zwecks Protesten aus der Nachbarschaft über die fortwährende Geruchsbelästigung von Braten, Leberkäs, Schaschlik, Kohlgerichten, Bratkartoffeln, manchmal mehrmals am Tag bei ihr vorbeischaut oder durch die Kirchturmuhr, die ihren Herrschaftsanspruch über alle anderen Töne in der Umgebung jede Stunde durch das Bimmeln der Kirchturmglocken unter Beweis stellt und dabei es nicht einmal genau nimmt, ob nun eine Stunde vergangen oder eine Stunde und etliche Minuten oder erst fünfzig Minuten.

Es sollte genügen, diese beiden als Auswahl für ihre nicht in fragekommenden Standorteingrenzung anzuführen, denn sie sind gegenüber dem Gasthaus, Zum alten Torkel, dessen Schild sicher einige Jahre an der Hauswand hervorragt, wenn das Haus bereits in sich zusammengefallen ist, dem Haus Nummer 34, das Eckhaus an der Landstraße bewohnt von Familie Huber, die überall eifrig erzählen, in dem Anwesen, denn das ist es schon allein deshalb, weil sich hinter der zweistöckigen Villa ein riesiger Park mit Springbrunnen, Teichen, Pavillons, ja, Pavillons, es ist die Rede von mindestens zwei, Laubengängen, Bäumen, Büschen bis hin zum nächsten Ort erstrecken soll, Geister ihr Unwesen treiben und kein Interessent sich einfindet, der das Eckgebäude erwerben will und deshalb die Bank weiterhin auf die Kreditabzahlung von Huber, ehemals Angestellter eben dieser, verzichten muß und das fehlende Geld durch Zinsanhebung bei anderen Kunden eintreibt, und sicherlich wäre es fürchterlich unpassend, den Krämerladen Schmidt & Sohn zu erwähnen, die ihre Waren auf der Waage mittels Daumen oder sogar der gesamten Handfläche zu größerem Gewicht verhelfen, das ihnen wiederum zu mehr Gewinn verhilft oder dem Friseursalon Hauptmann, dessen gesamtes Personal einschließlich Hauptmann selbst die schnellsten Verbreiter aller Geschehnisse innerhalb und außerhalb des Ortes sind, egal ob wahr oder Lüge.

Die im September stehende Haltestelle hat überall dieses und jenes Stillschweigen gewahrt, hat Weinende, Trauernde, Gehässige, Lachende, fröhliche Zecher, bepackte Einkäufer vom Wochenmarkt, singende Kindergartenkinder, Verliebte, Eingebildete, Hilflose, Verletzte, Liebreizende, Vertrauenserweckende ihren Platz zur Verfügung gestellt als Ausgangpunkt sowie als Ankunftsstelle. Unter all diesen Menschen befand sie sich, sie, die nach einer langen Fahrt die Beine vertreten wollte und für ein, zwei Stunden hier Rast machte, bevor sie den nächsten Bus bestieg und niemals mehr zurückkam.

Es ließ sich damals nicht erahnen, daß sie es einmal sein sollte, die die Haltestelle in stetiger Erinnerung hielt, nicht weil sie in dem Ort etwas sehr persönliches erlebt hätte, das erwähnenswert gewesen wäre, um es der Nachwelt zu hinterlassen. Die Landschaft war die Landschaft, die sich überall Landschaft nennen kann, Bäume, Sträucher, Straßen, Häuser, Menschen, nichts was in irgendeiner Form herausragend zu nennen wäre.

Auch sind die gesamten Ausschmückungen über die Menschen des Ortes im Nachhinein nicht unbedingt der Wahrheit entsprechend wiedergegeben, die Haltestelle war ein Schild, krumm gebogen, abgeblättert der einstmalige Lack, verwittert der Schriftzug, stand sie in einer Zeit an einem Ort, der melodisch zu den drei Silben des Septembers paßt, obwohl sie niemals in einem September mit einem Bus gefahren, geschweige dort einen Zwischenstop gemacht hatte, weder in einem April noch in einem Mai, noch sonst in irgendeinem Monat des Jahres oder überhaupt in irgendeinem Jahr, und dennoch ist die Septemberhaltestelle der Ort, von dem aus sie ihre Reisen unternimmt und sich erfreut, wenn sie kurz hinter der Biegung im fahlen Licht des Abends, in der gleißenden Hitze des Mittags oder hinter den milchigen Nebelschwaden der Morgensonne, die zur Unkenntlichkeit verblasste Stelle erkennt, die sie, kaum dort angekommen, wieder auf die nächste Reise begleiten wird.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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