Alles nur Zufall?


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Bild von Kaijee auf Pixabay

Nachmittags in irgendeinem Industriegebiet

Prasselnder Regen erscheint manchmal völlig unerwartet die Gedanken in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen. Gerade mal noch alles weiß überzogen die Kälte des Winters den sehnsuchtsvoll erwarteten Frühling in weite Ferne verbannte, rückten milde Vorboten heran, um mit diesem Wolkenbruch einen Vorgeschmack lauer Tage zu liefern.

Ein blechern klingendes Geräusch gesellte sich zunächst kaum vernehmbar hinzu. Bei genauerem Hinsehen wurde schnell klar, wieso die Assoziation des Sounds dermaßen deutlich keinen anderen Grund zuließ. Eine Blechdose, gänzlich ohne Inhalt, das Etikett, welches mal einen Hinweis über ihn selbst lieferte, aufgeweicht ins Unleserliche nur am Bodenrand noch lose hing. Unweit der tristen Szene saßen zwei Obdachlose unter einem großzügigen Dachvorsprung einer Lagerhalle auf alten Matratzen, der eine in Gedanken versunken halb im Delirium vor sich hinsummend, der andere richtete sich just auf, verneigte sich und begann eine ernsthafte Rede vor imaginärem Publikum, welches tatsächlich außer der Blechdose nur noch aus ein paar eiligst davonhuschenden Mäusen bestand, die im nahen Gebüsch verschwanden.

„Meine sehr verehrten Damen und hochgeschätzten Herren, wie Sie allesamt sicherlich wissen“, verkündete er sichtlich bewegt, ein ganz klein wenig unmerklich schwankend, „überstürzten die Ereignisse der letzten Tage sich unaufhaltsam. Niemand hatte auch nur ansatzweise damit gerechnet, oder? Ob die plötzliche Amtsniederlegung des Heiligen Vaters, Pferdefleisch in Lasagne, in Pizzen oder sonst wo, die Gefahr aus dem All durch Meteoriten wie jetzt im Ural, Light-Limonade doch alles andere als gesund, um nur mal ein paar hier aufzuzählen, verdeutlichen sie uns etwas, dürfen wir als Hinweis werten, oder?“

Während der hagere, aber breitschultrige Mittvierziger kurzfristig innehielt, um sich umständlich eine schmale Flasche aus der grauen, langen Manteltasche hervorzukramen, streckte sein Kumpel sich der Länge nach hin, applaudierte heftig ohne bestimmte Rhythmik, sondern vielmehr unkoordiniert halbherzig, lachte kurz auf und drehte sich weg vom Geschehen. Angesichts der geringen Resonanz ob seiner Ansprache-Eröffnung, fühlte der selbsterkorene Redner sich aufgefordert, erst recht mit Nachdruck Argumente zu liefern.

„Was glauben Sie wohl, meine Herrschaften, was sich dahinter verbirgt? Haben Sie wirklich gedacht, daß alles sei purer Zufall oder geschehe einfach so? Nein, mitnichten!“, fuhr er sichtlich entrüstet fort, „man braucht nur eins und eins zusammenzählen, und schon haben wir nicht etwa zwei, sondern einen Zusammenhang, wer ihn denn sehen will. Die einen bezeichnen es als Sodom und Gomorrha, andere wiederum als Vorsehung, Wink des Schicksals, der uns jetzt sämtlich erreicht, einige haben schon immer den Weltenuntergang prophezeit, denken wir an die Zeugen Jehovas, die nunmehr ihre Stunde wähnen, und so weiter. Na, klingelt’s bei Ihnen? Nein, nicht?“

Der Regen ließ genauso plötzlich nach wie er gekommen. Die gereinigte Luft nutzte ein kleiner Schwarm Spatzen, um sich zwitschernd ganz in der Nähe des Mäusegebüschs niederzulassen. Der Liegende schnarchte längst im Tiefschlaf versunken, was den Hageren nicht davon abhielt, seinen Redefluß zu beenden.

„Also gut, ich verrate es Ihnen!“, verkündete er sich etwas vorbeugend, seine Stimme senkend, als ob dort die erste Reihe des vermeintlichen Publikums ganz besonders konzentrierte Neugier ihm bescheinigen würde, „Sie müssen das in einem weitläufigen Kontext betrachten, sowie interpretieren und wie ein Puzzle zusammensetzen. Davor geschah schon allerhand, oder? Denken wir an 9/11, den weltweiten fortsetzenden Sozialabbau, die aus dem Hut gezauberten Krisen, die alles andere als echt waren, die steigende Arbeitslosigkeit, die daraus schneller wachsende Armut selbst im ach so reichen Westen, und so weiter. Immer noch alles purer Zufall?! Na, sicher doch, es passiert immer was, lassen wir es doch einfach geschehen. Daß mein Kumpel und ich hier sind, daran sind wir doch selber schuld, sagen die Leute, die uns begegnen, ohne auch nur einmal ernsthaft uns zu fragen: wieso?! Ne ne, laßt man, ich habe schon verstanden. Wenn Sie nicht wollen, dann nur zu, einfach stets konsumieren, den Lauf der Zeit kritiklos hinnehmen, kann eh niemand ändern, hat bestimmt seine Richtigkeit.“

Ohne einen weiteren Kommentar sank er etwas in sich zusammen, schaffte gerade noch die paar wenigen Schritte zurück zum Matratzenlager und setzte sich im Schneidersitz neben seinen schnarchenden Kumpel. Die Spatzenschar fühlte sich nunmehr angegriffen und flog aufgeregt von dannen. Nur die Sonne zeigte ganz weit hinten am Horizont, daß der Nachmittag längst in den Abend überging. Wirklich ruhig war es nicht hier am Rande des zerfallenden Industriegebietes, irgendwo in der Ferne hörte man das Rauschen schnell fahrender Fahrzeuge.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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