Abkürzungen


„Weg mit Engel “ © Andrea Dejon

Irgendwie funktioniert unsere technologisierte Welt auf einem Verkehrtherum-Faktor. Als wären wir Alice im Spiegel und nicht Alice im Wunderland. Der Spiegel ist wichtiger geworden als der Mensch, der davorsteht.

Zudem haben wir uns augenscheinlich für den kürzesten Weg entschieden, um unser Leben zu leben. Energietechnisch ist dies wichtig und effizient, allerdings machen wir gerade dort die teuersten und ausschweifendsten Umwege, die machbar sind. Wir wollen alles und das sofort. Ob das in Beziehungen ist, bei der Ernährung oder beim Anbau unserer Nahrung. Alles soll möglichst schnell gehen, damit wir für andere Dinge sozusagen mehr Zeit haben und wir möglichst nichts verpassen!

Doch was ist wirklich relevant? Die neuesten Modeerscheinungen oder die Dinge, die die Lebewesen auf der Erde schon seit Jahrtausenden, gar Millionen Jahre schon begleiten? Modeerscheinungen wechseln inzwischen beinah schon im Minutentakt, was selbst für eine Eintagsfliege zu rasant wäre. Wir verschwenden in großem Maße die Ressourcen, nur um etwas zu bekommen, wovon wir glauben, dass es besser für uns wäre. Das gilt für das Leben selbst, aber noch mehr für den Tod. Er ist regelrecht aus unserem Gesellschaftssystem fast völlig ausgeklammert worden. Alle sollen jung und fit sein und auch so aussehen. Krankheit, Behinderungen oder gar der Tod, nein, das sind nur unliebsame Randbemerkungen, die viele gar nicht mehr spüren oder sehen wollen.

Selbst das Sterben läuft heute meist so ab, dass es heißt, wir wollen selbstbestimmt sterben: Im Klartext, entweder schneller als in der Natur vorgesehen, oder alles durch Medikamente und Maschinen möglichst lange in die Länge ziehen – vor allem Angehörige neigen dazu, diesen Weg beschreiten zu wollen.

Die Natürlichkeit ist unserem Leben und auch bei unserem Sterben abhandengekommen. Wenn ein Lebewesen nicht durch seinen Jäger gejagt oder von ihm überrascht wurde, dann hat der Körper eigentlich sein ganz eigenes System, um diese Welt zu verlassen. Schrittweise beginnt die Loslösung zurück ins große Netzwerk der Natur. Klar, für den Betroffenen, wenn er nicht gerade unter großen Schmerzen zu leiden hat oder schon jahrelang schwerkrank war, ist dies ein Prozess, der ihm das Loslassen vom Leben erleichtert. Für die Angehörigen kann das aber eine große Last sein. Diese Emotionen auszuhalten, dass der andere sich auf das Weggehen vorbereitet und man selbst verlassen wird, ist nicht gerade leicht.

Da ist es einfacher wegzulaufen – was vor allem in unseren heutigen Beziehungen auffällig ist – oder dieses Gefühl wegzuschieben. Mit Arbeit zu betäuben oder mit anderen Dingen, die unsere Gedanken möglichst weit weg abschweifen lassen. Doch ist das noch Leben, wenn wir gar nicht mehr imstande sind, wirklich zu leben und unsere Gefühle zu spüren? Im Grunde ist das doch nur ein Funktionieren, und die von uns konstruierten Maschinen arbeiten genau auf diese Weise. Sind also Maschinen lebendig, nur weil Strom sie durchfließt und sie tun, wozu sie gebaut oder programmiert wurden?

Wer in den Sterbeprozess eintritt oder gar schon gestorben ist, der wird weit an den Rand unserer Gesellschaft verbannt. So dass wir möglichst nichts davon hören oder mitbekommen. Früher dagegen und auch bei den Naturvölkern war und ist der Tod ein Teil der Rituale des Lebens. Da wird kein Gefühl ausgeklammert, nur weil es vielleicht gerade nicht „in“ ist.

Es ist beinah, als ob wir mit der steigenden Industrialisierung den Tod versucht hätten irgendwie zu beseitigen. Ob Corona uns deshalb so große Angst macht, weil der Virus uns genau diese Problematik vor Augen führt? Wir sind geradezu besessen davon, alles festhalten zu wollen! Doch wer nicht loslassen kann und seine Mitmenschen in der Aktivphase immer nur auf Abstand gehalten hat, wird es sehr schwer haben, wenn die Zeit des Sterbens heranrückt. Ähnlich wie eine Hand, deren Finger sich so lange um etwas geklammert haben, dass die Muskeln zu verkrampft sind, und so dass ein Öffnen nicht mehr möglich ist.

Das Sterben ist keine Einbahnstraße. Es gibt mehr als nur eine Richtung, die in diesem Lebensbereich möglich ist – was natürlich von der körperlichen Kondition des Betroffenen abhängig ist. Das Sterben selbst ist im Grunde nur eine Art Loslösung. Es geht darum, allen Ballast erst mal abzuwerfen und wieder in die Welt eines unschuldigen Kleinkindes abzutauchen. Wieder das Netzwerk zu spüren, das alles durchdringt. In dieser Schwebephase der Leichtigkeit hat der Körper die Chance, wichtige Reparaturen vorzunehmen. Denn nun wird er nicht von Banalitäten und dem Ego gestört und kann in aller Ruhe arbeiten.

Irgendwann kommt dann die Phase, da sich der Sterbende entscheidet. Will er noch mehr Leichtigkeit spüren oder zurück in die Mühsal des Lebens? Seine Entscheidung ist wieder von verschiedenen Faktoren abhängig. Wie weit kann er wirklich das Leben und seine Lieben  loslassen, und wie stark binden die Angehörigen den Sterbenden an ihr Leben, weil sie die betreffende Person einfach nicht gehen lassen wollen?

Beim Sterbesakrament des Christentums geht es bei der „Letzten Ölung“ eigentlich genau um dieses: sich von Altlasten zu befreien. Und oftmals war es auch vorgekommen, dass nach dieser Ölung der Todgeweihte wie durch ein Wunder wieder genesen ist. Mit Hilfe dieses Rituals hatte der Betreffende es dann geschafft, loszulassen und so seinem Körper die notwendige Ruhe verschafft.

Der Abschnitt des Sterbens und der Tod machen uns allerdings inzwischen große Angst, so große, dass wir gar versuchen, jede Krankheit zu meiden, notfalls eben aus der Gesellschaft ausblenden. Wir halten an Menschen und Ritualen fest, die einengen und im Grunde verhindern, dass wir wirklich unser Leben zu leben beginnen.

Doch was nützt es, sich hinter Mauern und Masken zu verstecken, wenn wir das Wesentliche aus den Augen verlieren? Wir haben sowieso schon den größten Teil aus unserem Leben herausgenommen, der für ein biologisches Lebewesen wichtig ist. Wie viel elementares wollen wir noch aus unserem Leben streichen? Und damit meine ich nicht, dass wir auf unser unverzichtbares demokratisches Recht der Freiheit pochen sollten. Denn diese Freiheit gilt für alle Lebewesen auf diesem Planeten und nicht nur für uns Menschen. Es geht darum, seine Umwelt zu spüren und nicht in Massen zu konsumieren oder gar als Schatz anzuhäufen, der womöglich am Ende nur als Stolperstein wirkt.

Vieles im Leben ist im Grunde ein regelmäßiges Sterben und neu geboren werden. Ohne diesen Zyklus gäbe es nur den ewigen Stillstand. Nichts würde sich verändern, und wenn wir das physikalisch betrachten, würden die Elektronen und Protonen keine Materie mehr bilden. Denn die Materie entsteht nur dadurch, dass sich die Elektronen um ein Proton bewegen!

Selbst die Liebe ist eine Art Sterben, weil wir hier altes loslassen müssen, damit ein neues Leben  möglich wird. Haben wir so viel Angst vor dem Loslassen, weil wir glauben, dass dieser Verlust mit nichts aufzuwiegen wäre? Fürchten wir uns so sehr, etwas zu verlieren, das im Grunde nie wirklich ein Teil unseres Körpers war, so dass wir andere erst gar nicht näher an uns heranlassen? Nicht mal dieses machtvolle Gefühl der wahrhaftigen Liebe wirklich zulassen können?

Teils vergessen wir sogar zu leben, und so bemerken wir gar nicht mehr, wann diese Phase des Loslassens in unser Leben tritt. Der Tod steht so plötzlich vor der Tür, dass er uns erschreckt. Wichtig, um loslassen zu können, ist, dass wir uns sicher und gut aufgehoben fühlen! Haben wir hingegen das Gefühl, allein zu sein, gar allein gelassen zu werden, befinden wir uns in einem Schwebezustand, der in dieser Lebensphase etwas Erschreckendes hat. Denn unser Körper weiß, er braucht jetzt noch das Gefühl, einen anderen Menschen zu spüren – Nähe ist im Grunde überlebenswichtig für einen Organismus wie den unseren.

Doch leider gibt es immer weniger echte Nähe, stattdessen immer mehr – ich muss mich schützen, und das nicht nur seit Corona. Und ein Smartphone oder Tablett ist nun mal kein echter Ersatz für einen lebendigen Menschen! Ein Teufelskreis hat sich schon seit längerem entwickelt, der uns immer mehr in uns selbst einsperrt. Je weniger wir etwas zulassen können, desto größer wird die Angst und umso mehr distanzieren wir uns vor anderen und vor unseren eigenen Gefühlen. Also wird meist ein Schlussstrich gezogen, bevor es so weit ist.

So wird aus der Abkürzung ein stetig immer größer werdender Umweg, der irgendwann kein Ziel mehr zu haben scheint. Und wirkliche Zielhäfen gibt es immer weniger. Immer mehr Menschen irren regelrecht herum, weil sie durch die vielen Abkürzungen ihren Weg verloren haben und nicht mehr wissen, was sie wirklich wollen – denn dieses Wollen gehört ja auch zu den Emotionen, die wir Menschen schon so lange auszublenden versuchen.

Wenn wir wieder lernen zu leben, die Lebendigkeit in und um uns zu spüren, stärken wir unseren Körper, so dass er weniger krankheitsanfälliger wird. Und wenn wir gar unsere Furcht vor dem Sterben verlieren, hat der Tod im Grunde keine Macht mehr über uns. Denn dann sind wir es wirklich, die darüber entscheiden, wenn es ums Loslassen geht, wohin unser Pfad uns führen wird.

© Andrea Dejon

Kategorie: Quergedachtes

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