Als die Welt in Flammen stand – Teil 1


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Bild von Enrique Meseguer auf Pixabay

Giseles Versuche einer aussichtslosen Flucht

Langsam lösten sich die ersten Gedanken in willkommene Erinnerungen an lieblichere Zeiten auf, überschlugen sich förmlich angesichts des rasant herannahenden Ereignisses, welches zunächst ziemlich überraschend eintrat. Niemand hatte mit einer dermaßen schnellen Entwicklung gerechnet, obwohl eigentlich genügend klare Indizien vorhanden waren, aber die meisten diese einfach verdrängt hatten, sie nicht wahrhaben wollten.

Nunmehr befanden sie sich mitten im Geschehen. Die nähere Umgebung erzitterte wie eine lodernd heiße Flamme, unsichtbar flackernd und dennoch gerade so mit dem bloßen Auge wahrnehmbar, ähnlich wie wir alle es kennen vom Lagerfeuer. Nur, daß diese undefinierbare Erscheinung bei den meisten eine gewisse Schockstarre hervorrief, sie nahezu bewegungslos kaum in der Lage waren, sich vom Fleck weg zu bewegen.

Die ersten unter ihnen sackten bereits zusammen, als Gisele nur noch eines kannte: weglaufen, so schnell wie möglich, sofortigst! Im Handumdrehen war die 23-Jährige Rothaarige aufgesprungen, warf noch einen entsetzten Blick zurück auf die gespenstische Szenerie und verschwand leicht geduckt laufend hinter einer Reihe geparkter Autos an  jenem Mittwochnachmittag im Juli 2015. Überall registrierte sie hektisches Treiben, Glas zersplitterte, Detonationen waren nicht zu überhören, instinktiv hielt Gisele sich beide Ohren zu, stolperte kurz über eine weiße Katze, die mit weit aufgerissenen Augen in ihren Eingeweiden lag.

Dieses grauenhafte Bild hatte keine Chance, sich in ihrem jungen Gedächtnis einzunisten, zu viele heftige Eindrücke prasselten auf sie ein, entführten sie in eine gänzlich andere Welt als alles bis hierher Geschehene. Ihr wurde schlagartig bewußt, der Unterschied zwischen „geschönt manipulierte Fernsehberichte“ über Kampfhandlungen sowie Katastrophen und der sich jetzt abzeichnenden Realität. Die ließ sich aber nicht einfach per Fernbedienung ausschalten, sondern bedrohte ihr augenblickliches Leben. Was tun, fragte sie sich ständig verzweifelt, versuchte nicht die Orientierung zu verlieren trotz aufkommender Angst, die aber noch weit entfernt sie nicht unmittelbar berührte.

Lag genau darin eine Gelegenheit, rechtzeitig noch den Überblick für sich zu wahren, bevor sie  in unvermittelte Fallen tappte oder Gefahren übersah? Gisele wußte im selben Moment, daß sie besser all ihre geistige Gegenwart aufbringen mußte. Das tat sie relativ bestimmt und erfolgreich. Ein verzweifelter Polizist meinte, er müsse sich an ihr festklammern, weil eine Horde wutentbrannter Rocker ihm hinterherrannte, doch Gisele drehte sich geschickt mit einer 90-Grad-Bewegung, ließ sehr kurz ihr rechtes Knie nach vorne schnellen, traf dessen Gemächt heftigst, so daß der Uniformierte zusammensackend von ihr abließ, sie weiterlaufen konnte. Sie hörte noch die jubelnden Rocker und kümmerte sich nicht weiter drum.

Plötzlich bemerkte sie eine ganz andere Gefahr, die um ein vielfaches bedrohlicher ihr entgegentrat: eine Rotte wildgewordene Hunde, mindestens neun oder ein Dutzend, wie sie gerade noch erkennen konnte, ein Alpha-Rüde sie bereits zähnefletschend besprang. Mit einem gezielten Schlag auf dessen empfindliche Nase schickte sie ihn ins Reich der Träume, aus diesem er wohl nie wieder erwachen würde, weil das Stahl des Schlagrings den gesamten Oberkiefer zertrümmert hatte, der Anführer der Rotte röchelnd am Boden liegend erstickte. Wimmernd und reißausnehmend ergriffen die anderen die Flucht, mit einer solchen Gegenwehr hatten sie wohl nicht gerechnet.

Wer jetzt glaubte, eine personifizierte Lara Croft würde sich mal locker ebenso der entflammten Welt entgegenstellen, befand sich im Irrtum. Gisele hatte lediglich wenigstens gelernt, sich mit einfachen, aber wirkungsvollen Kampftechniken zu wehren, bevor ein feindliches Gegenüber ihr Böses anzutun vermochte. Das schützte sie in diesen Momenten.

Doch da warteten noch manche jener gefährlichen Momente auf Gisele, die Umgebung erzitterte unaufhörlich, überall herrschte Chaos, schreiende Menschen liefen wirr durch die Gegend, schier grenzenlose Panik vermischte sich mit abgrundtiefem Haß, niemand konnte mehr dem anderen trauen, in Sekundenbruchteilen entschied Sympathie und Antipathie über das Leben des vermeintlichen Feindes.

Hatte sie sich noch nachmittags vor einer Rotte Hunde in Sicherheit bringen können, eskalierten inzwischen die offensichtlichen Gewaltszenen. Dabei versuchte sie dennoch, die letzten Tage zuvor zu reflektieren, erkannte plötzlich den Zusammenhang zwischen jenen Ereignissen und den zurückliegenden der letzten Jahre. Stets verlautete die Botschaft bei kritischen Querdenkern, daß  die Regierungen sich längst von ihren Völkern abgewandt hatten, gemeinsam mit geldgierigen Konzernen der Pharma-, Rüstungs- und Ölindustrie, um nur die drei Mal zu erwähnen, aber auch selbst mit kriminellen Elementen der Prostitution und dem Drogenmilieu sich arrangierten.

Fortsetzung folgt

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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