Die ganz eigene Welt der Gerüche


https://pixabay.com/de/photos/lavendel-natur-lila-blume-kraut-1497179/

Bild von Shad0wfall auf Pixabay

Zwischen betörenden Düften und Höllengestank

Die olfaktorische Wahrnehmung, aus dem Lateinischen olfactus, das Riechen, der Geruch, mag in unserer technisierten Zeit des Lärmes, der visuellen Reizüberflutung immer mehr in den Hintergrund geraten sein, dennoch sollten wir sie nicht unterschätzen, was sie noch alles in uns auslöst, mitzuteilen hat.

In der Tierwelt würde das Ausbleiben dieses wichtigen Sinnes oftmals den Tod bedeuten. Vergessen auch wir Menschen nicht, wie wichtig die Unterscheidung der Riech- oder Duftstoffe sein können, ob wir es mit guter oder verdorbener Nahrung zu tun haben, von der Buttersäure als Anzeichen von Fäulnis, Schwefelwasserstoff aus Fäkalien oder gar Aasgeruch. Dabei hilft uns Menschen die Riechschleimhaut in der oberen Nasenhöhle, die wiederum die verschiedenen Geruchsmoleküle löst. Ungefähr 400 unterschiedliche Rezeptortypen haben wir zur Verfügung, wobei wir immerhin 10.000 Gerüche unterscheiden können.

Wir assoziieren dabei mit bestimmten persönlichen Erfahrungen, oftmals an Orte gebunden oder Ereignisse (episodisch-autobiographisches Gedächtnis). Die Riechschleimhaut selbst hat beim Homo sapiens die Größe einer Ein-Euro-Münze, hingegen die des Hundes zum Beispiel rund 40 Mal größer ist. Als große Schutzfunktion dient der Geruchssinn auch bei Atmungsorganen, so vor schädlichen Gasen, kann dann Brechreiz auslösen, regt bei guten Nahrungsmitteln und deren angenehmen Gerüchen den Speichelfluß an.

Das Bild des Waschbrettes erscheint plötzlich aus dem Nichts

Dabei sogar in Verbindung mit Mutter, die sich mühevoll der Arbeit der Wäsche hingibt, die Seifenlauge schäumt, es spritzt das Schmutzwasser aus der Wanne. Der Geruch der Kernseife hat diese Rückerinnerung ausgelöst, obwohl sie eigentlich geruchlos ist. Die Mischung ganz bestimmter Parfüme gibt ihr das bekannte Geruchsmuster. Und so setzen sich in unserem Alltagsleben die assoziierten Geruchserlebnisse fort, selbst die geläufige, redensartliche Formulierung, „Ich kann ihn/sie nicht riechen“, darf ruhig wortwörtlich genommen werden. Jeder Mensch hat ebenso seinen speziellen Geruch, der nicht nur mit Schweiß etwas zu tun haben muß – manchmal paßt es dann halt nicht.

Unser Gehirn hat ein riesiges Duft-Archiv parat, auf welches wir meist unbewußt zurückgreifen in allen möglichen- und unmöglichen Lebenssituationen. Die Rezeptoren in der Nase werden beim Riechen zunächst gereizt, wobei diese Signale anschließend über die Nervenbahnen ins Gehirn gelangen, Geruchserinnerungen werden im Langzeitgedächtnis abgespeichert, gleichzeitig werden aber auch die Duftsignale im Gefühlszentrum abgelegt, was wiederum ganz unterschiedliche Verhaltensreaktionen auslösen kann. Unsere circa 30 Millionen Riechzellen haben eine Lebensdauer von wenigen Wochen.

Versuchen Sie mal, einen Geruch zu beschreiben

Das ist eine Herausforderung der besonderen Art. Vergessen wir nicht, daß der Geruchssinn an Bedeutung verloren hat innerhalb unserer Entwicklung, ist nicht mehr überlebenswichtig. Da die Geruchsreize überwiegend im nonverbalen Teil der rechten Hirnhälfte abgelegt werden, besteht auch keine unmittelbare Nähe zu unserem Sprachzentrum.

Genau deshalb stellt dies zum Beispiel bei der Parfüm-Industrie sowie der Werbebranche ein Problem dar, sie können ihre Produkte kaum oder besser gar nicht präzise beschreiben. Bei Naomi Campbells Cat Deluxe können wir in der Produktbeschreibung lesen, es gebe „ein kraftvolles, blumig-fruchtiges Duft-Statement“ ab, welches „ebenso trendy wie verführerisch“ sei oder aber „ein Akkord aus Freesien und Kardamom dem Duft eine vibrierende Helligkeit“ verleihe. Mal ganz im Ernst, liebe Leser, mit diesem sicherlich gutgemeinten, kreativen Versuch, die Kunden zu überzeugen, kaufen würden Sie es aber nicht gleich aufgrund der Beschreibung, oder?

Sie werden sich schon selbst davon überzeugen wollen und erst mal eine Geruchsprobe sich genehmigen, die dann allerdings zu gänzlich anderen Ergebnissen kommen mag, als Werbung uns versucht aufzutischen. Und genau weil dies so richtig schwierig sich verhält, Gerüche zu beschreiben, hilft auch hier der Trick mit den bildlichen Reizen, dem TV, der Welt des Klanges, um Verbraucher zu umgarnen. Ist nicht weiter tragisch, wenn man’s weiß. Verlassen Sie sich lieber auf Ihre Nase, was wir im Übrigen durchaus trainieren können, unseren Geruchssinn wieder besser zu aktivieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.