Behinderte gut versorgt und weggesperrt


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Sechs unterschiedliche Schicksale

Schöne heile Welt, die ohnehin gezeichnet von Armut, Kriegen und Zerstörung, die uns da zu Füßen liegt, wobei es noch die „Normalen“ und die als lästig empfundenen Behinderten gibt. Letztere werden irgendwie gut versorgt und einfach weggesperrt, mitten unter uns und doch immer noch benachteiligt.

Was gibt uns das Recht, Menschen dermaßen ausgegrenzt zu behandeln? Welch trügerisches Bild soll da vermittelt und gern vertuscht werden, was sich hinter Mauern in geschlossenen Anstalten traurig Dramatisches abspielt, von dem Nichtbehinderte nichts mitbekommen sollen, damit die normgerechte Gesellschaft ungestört ihrem Treiben nachgehen kann? Wer bestimmt die Grenzen, siebt aus und selektiert?

Die folgenden, hier beschriebenen sechs unterschiedlichen Schicksale haben sich tatsächlich so zugetragen, ihre Namen wurden ganz bewußt zu ihrem Schutz geändert, liegen allerdings der Redaktion von Makadomo vor.

Irgendwo in Großbritannien in einem nichtstaatlichen Heim

Im Gegensatz zu staatlichen Einrichtungen wurde in dem privatfinanzierten Heim versucht, die betroffenen Kinder und Jugendlichen zumindest ohne Psychopharmaka zu behandeln, wobei die ganz schweren Fälle auch hier nicht versorgt wurden. Die einzige Parallele bestand dennoch darin, daß eine Ganztagsversorgung und -betreuung unabdingbar ausgeübt wurde, wobei die Heilpädagogen selbst in der Einrichtung lebten. Dabei wurden stets unterschiedliche Behinderte in kleinen Gruppen betreut, damit ein gewisser Austausch stattfand und eben keine Ausgrenzung.

Der neunjährige Tom litt unter Mikrozephalie und hatte erhebliche Probleme mit den anderen, mochte Nähe so gar nicht, legte also großen Wert auf eine bestimmte Distanz. Auch reagierte er sehr aggressiv, wenn die Stimmung zu laut war oder Hektik aufkam. Gleichzeitig spürte er aufgrund der hohen Sensibilität, wenn andere Probleme hatten, konnte mitunter sprachlich sehr direkt und unverblümt Dinge ansprechen, bestand aber auf seine Außenseiterrolle.

John hingegen, gerade mal acht Jahre alt geworden im Sommer 1976, trumpfte sprachlich sehr gern und vor allem äußerst redegewandt auf, was im Übrigen gar nicht so selten sein soll bei Hydrocephalus-Betroffenen, besser bekannt als Wasserkopf. Und so fühlte er sich in der Gruppe als geistiger Mittelpunkt ganz wohl, lebte stetig auf bei geringsten Erfolgserlebnissen.

Peter hatte im Alter von zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall beide Eltern sowie seine Schwester verloren, wobei er selbst als einziger im Autorwrack überlebte und hier in der Gruppe seine traumatischen Erlebnisse verarbeiten sollte. Körperlich war der Zehnjährige den anderen mit Abstand überlegen, seine Betreuer achteten tunlichst darauf, daß er nicht in plötzlich aufkommenden Wutanfällen sich und andere gefährdete.

Das Schicksal vom neunjährigen Mike hatte es so gar nicht gut mit ihm gemeint. Seine Mutter war für einen Moment unaufmerksam gewesen, so daß ihr Junge mit gerade mal zwei Jahren den Griff des Milchtopfes auf dem Herd erreichte, daran zog und die kochend heiße Milch ihn verbrühte. Der Schock neben den erheblichen Verbrennungen saß extrem tief, seit dem blieb er in seiner Entwicklung stehen, stammelte eher Laute, statt zu sprechen, hob alles auf, was er auf dem Boden robbend finden konnte, um es fortan kreiselförmig zu drehen.

Hingegen der achtjährige Steven unter einer besonders schweren Epilepsie litt, manchmal lang anhaltende Anfälle hatte, folglich man ihn nie allein lassen konnte und obendrein stets auf Zehenspitzen lief. Seine Eltern hatten ihn direkt nach der Geburt zunächst staatlichen Heimen anvertraut, aber schon bald bemerkt, daß jene eher ihm schadeten, statt ihn menschenwürdig zu betreuen.

Fred – Einzelbetreuung als letzte Rettung?

Gewalt- und Ruhigstellung stellt ein unbedingtes Unvermögen dar, ist als eine totale Kapitulation zu werten, wenn staatliche Heime solche Mittel anwenden, um ihre Behinderte dermaßen menschenverachtend zu betreuen. Nicht zufällig entstand der Film „Einer flog übers Kuckucksnest“, der ein Jahr zuvor erschienen war.

Als der neunjährige Fred aus dem Bus ausstieg, rannte er sofort zum Spielplatz, kauerte sich in den Sandkasten und machte sein Geschäft. Sowohl seine Körperhaltung als auch seine Gestik und Mimik glichen viel eher einem Tier, einem wildgewordenen Affen als einem Menschen. Sein Betreuer las mit großer Bestürzung seine Akte. Fred galt als TV-disturbed, die Fernsehbilder begleiteten ihn ständig, am Tag und des Nachts bis tief in seinen Träumen,  wobei er zur Ruhigstellung von seinen Eltern im Alter von zwei Jahren auf eine glühende Herdplatte kurz gesetzt worden war.

Staatliche Heime benötigten vier Pfleger, damit Fred seine Mahlzeiten einnahm: Zwei hielten die Arme, einer die Beine nach hinten sowie den Stuhl, und einer fütterte ihn gewaltsam laut Bericht. Die jetzige Heimleitung beschloß, daß Fred eine Einzelbetreuung als letzte Rettung erhalten, jemand, der mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und einer Riesenportion Geduld ihm helfen sollte. Immerhin gelang dies nach mehreren Wochen mit vielen, ausgiebigen Spaziergängen, behutsamen, anfangs sehr beschränkten Gesprächen. Fred konnte dann wieder selbstständig allein essen, sich anziehen, die Wutanfälle verringerten sich. Sein Betreuer beschrieb Freds Augen wie einen Brunnen. Wer in sie hineinsah, konnte dessen Grund niemals sehen, so tief versteckt verirrte sich dessen Seele im Blick selbst!

Noch ein mühsamer Weg für Behinderte

Einerseits regelt der Artikel 3 des Grundgesetzes seit 1994 den Schutz der Behinderten, in dem sie nicht mehr benachteiligt werden dürfen, dennoch gestaltet sich die Praxis entsprechend eindeutig.

Nach wie vor herrscht Ausgrenzung, allerdings klingen immer mehr Versuche an, Behinderten ein besseres soziales Umfeld zu schaffen, sie zu integrieren, auch bemühen sich mehr Familien um ihre behinderten Angehörige so weit möglich zuhause, ohne sie einfach in Heime abzuschieben. Andererseits sorgt die sozialrassistische Politik für eine deutliche Ausgrenzung all jener, die ohnehin von Armut betroffen, so erst recht für deren Behinderte!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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