Interview mit dem unsichtbaren Feind


© Andrea Dejon

Vollkommen in Schutzkleidung eingehüllt und mit einer Atemmaske im Gesicht wage ich mich ins zentrale Herrschaftsgebiet der neuen Regenten der Welt. Mein Herz schlägt heftig. Unsicher schaue ich mich um. Es ist schon unheimlich, wenn man sein Gegenüber nicht sehen kann.

Einen Thron oder so etwas ähnliches, wie wir Menschen es gerne als Präsentation der Macht nutzen, kann ich nicht erkennen. Eigentlich ist nichts hier, was man sonst von einem Königssaal erwarten würde. Seit meinem letzten Interview mit dem mächtigsten Wesen der Unterwelt hat mich die Redaktion erneut ausgewählt, um eine Befragung durchzuführen. Ich soll einen Artikel über den Monarchen verfassen und versuchen heraus zu bekommen, wie viel Staaten diese Wesen noch beanspruchen wollen und ob sie sich womöglich mit Gold und Geld irgendwie besänftigen lassen.

Neugierig schaue ich mich weiter um. Vor wie vielen Jahren war dieser Raum wohl das, was wir Menschen als prunkvoll und stattlich bezeichnen würden? Dem Zustand der Mauern nach könnte man glauben, es wäre gar hunderte von Jahren her. An manchen Stellen sind die Wände nicht nur stark beschädigt, sondern bereits unter ihrer Last zusammengebrochen. Dahinter kann ich Bäume erkennen. Sie reihen sich dicht an dicht hintereinander. Selbst Rankenpflanzen haben sich schon an die Arbeit gemacht, um mit ihrem glanzvollen Grün die schäbigen Mauerreste zu überdecken. Eine Decke oder ein Dach gibt es auch nicht mehr. Ich kann den blauen Himmel sehen – so schön und klar habe ich ihn lange nicht mehr wahrgenommen.

„Ihr habt noch immer große Angst vor uns?!“, tönt eine körperlose Stimme.
Ich zucke zusammen. Mein Kopf wendet sich heftig von einer Seite zur anderen. Weiter zu gehen wage ich mich nicht, also bleibe ich stehen.
„Man hat mich geschickt, um euch einige Fragen zu stellen. Wir Menschen wollen mehr über euch wissen!“
„Ach?“, die Stimme klingt sarkastisch. „Wir dachten, ihr habt schon lange ein Urteil über uns gefällt.“
„Wie kommt ihr denn darauf?“
„Nun, wir waren es schließlich nicht, die einen Krieg heraufbeschworen haben.“
Ich muss kurz nachdenken: „Krieg also. Soweit ist es schon gekommen. Nun ja, man könnte es schon so sehen.“
„Ihr Menschen versucht schon so lange unser Volk zu töten. Gnadenlos geht ihr dabei vor!“
„Wir? Nein, wir versuchen uns nur gegen euch zu verteidigen.“
Es ist nicht so einfach für mich die Ruhe zu bewahren. Bevor ich erneut spreche, zähle ich bis zehn und atme dabei ruhig ein und aus. Dennoch rutscht mir der Satz regelrecht heraus: „Wenn ich bedenke, wie ihr ohne Vorwarnung eingefallen seid und unzählige Menschenleben nach dem anderen gefordert habt.“
„Das war eher ein Versehen!“, erklärt die Stimme kühl.
„Ein Versehen?“, ereifere ich mich und spüre, wie Wut in meiner Kehle hoch kriecht. „All die Toten und vielen Kranken, die an Beatmungsgeräten in den Klinken liegen, waren ein Versehen?“
„Natürlich! Wir mögen zwar unsichtbar für eure Augen sein, aber Gedanken lesen können wir genauso wenig wie ihr. Gemäß dem Vertrag, den wir mit diesem Planeten schon vor Jahrmilliarden gemacht hatten, haben wir nur unsre Arbeit getan. Und so etwas müsstet ihr Menschen doch verstehen können. Ihr habt doch auch Verträge und legt zudem unglaublich viel Wert auf Bürokratie und Papierkram.“
Das bringt mich auf eine Idee.
„Apropos Verträge. Wäre es denn irgendwie möglich, mit euch einen anderen Vertrag auszuhandeln? Die Welt hat sich seit den Anfängen schon sehr verändert, wäre es da nicht vielleicht an der Zeit, auch die Rahmenbedingungen anders zu setzen?“

Ein Lachen wird laut. Es klingt etwas sonderbar, was auch kein Wunder ist. Diesen Wesen fehlt der Resonanzkörper des Brustkorbes.
„Wenn wir nicht schon einiges verändert hätten, würdest du Mensch hier gar nicht stehen und mit uns reden können.“
„Aha“, erkläre ich gedehnt. „Und das heißt?“
„Schon lange waren wir darüber verwirrt, dass ihr ständig neue Gifte erschaffen habt, um eure eigenen Körper zu vergiften. Zur Zeit der großen Pharaonen hat das schon begonnen und hat schließlich immer mehr um sich gegriffen und immer extremere Formen erreicht. Im letzten Jahrhundert gab es sogar noch eine Steigerung: Ihr habt angefangen, Waffen zu erschaffen, um uns aus dem Weg räumen zu können. Doch selbst dann dachten wir noch – okay, der Mensch hat ja einen freien Willen bekommen. Er will also Spielchen spielen, vornehmlich um den Preis des Todes. Dann spielen wir einfach mit. Obwohl wir nicht verstehen können, was an einem Sterben durch Giftstoffe so toll sein soll. Und das war einer der Gründe, weswegen wir uns entschlossen haben, den Wind als Stimme nutzbar zu machen.“
„Wir Menschen wollen nicht sterben! Da habt ihr was falsch verstanden.“
„Nein!“, ruft die Stimme gedehnt. „Es war ganz klar und deutlich zu erkennen: Ihr habt euch aus dem Netzwerk der Natur herausgezogen, weil ihr freier sein wolltet. Und freiwillig habt ihr über eure Kräfte hinaus Tunnel in die Erde gegraben und andere Arbeiten gemacht, die eure Körper in einem fort überlastet und zerstört haben. Dazu habt ihr immer mehr zu Stoffen gegriffen, die schädlich für einen Organismus wie den euren sind. Ihr habt sie sogar extra neu erfunden und produziert. Doch damit nicht genug. Ihr wolltet nicht nur das Spiel von Krankheit und Tod mit eurer eigenen Spezies spielen. Ihr habt dieses Gift immer weiter verteilt. Ihr habt mit voller Absicht den qualvollen Tod an Pflanzen und Tieren weiter gegeben.“

In meinem Bauch brodelt es. Wie können diese Wesen nur so arrogant sein und alles, was wir Menschen bisher geleistet haben, so in den Dreck ziehen! Meine Stimme klingt schrill und laut: „Die haben uns keine andere Wahl gelassen! Wir mussten unsere Ernten gegen sie verteidigen. Schließlich gilt auf diesem Planeten das Gesetz der Stärkeren! Nur die Starken überleben. Und wer stark werden will, braucht ausreichend Nahrung und Raum.“

Stille. Keine Reaktion, keine Antwort. Mich fröstelt irgendwie. Eine Gänsehaut macht sich auf meinem Körper breit. Ich weiß nicht, ob ich wieder allein bin, oder ob diese Wesen noch da sind. Ob ich sie verärgert habe? – Das wäre nicht gut. Dann wäre meine Mission schon gescheitert. Schuldbewusst beiß‘ ich mir auf die Unterlippe. Einen Herrscher sollte man nicht verärgern, so viel hat Geschichte uns schon gelehrt. Ein guter Unterhändler hat die Contenance zu wahren und zielstrebig sein Angebot zu unterbreiten. Und das möglichst so, dass sich das Gegenüber groß und mächtig fühlen kann. Macht, genau das war es! Ich sollte herausfinden, wie hoch der Preis ist, damit wir uns endlich freikaufen können.

Ich schlucke meinen Ärger hinunter und setze leise an: „Ähm, wie viel wollt ihr?“
„Wie viele Menschen wir wollen? Keine natürlich! Schließlich sind wir keine Menschenfresser.“
„Nein. Es geht um den Preis, den wir zahlen müssen, damit ihr verschwindet und uns in Ruhe lasst. Wollt ihr Euro oder Dollar oder vielleicht sogar Gold oder Edelsteine? – Wollt ihr vielleicht Land? Die Schürfrechte für Edelmetall-Minen oder gar Öl?“
„Ja, ein Preisgeld wäre gar nicht so schlecht.“ Die Stimme hat einen merkwürdigen Klang bekommen. Sie klingt irgendwie belustigt, hat aber durchaus einen bedrohlichen Unterton.

Nach einer kurzen Pause sprechen die Wesen wieder.
„Was sollten wir mit Illusionen und Steinen anfangen? – Das ist eine der anderen Fragen, die wir uns ebenfalls schon gestellt hatten. Wieso sind Menschen so scharf auf wertlose Dinge?“ Ich wage keinen Antwort darauf zu geben, glaube, es sei nur eine rhetorische Frage. Denn jedes Kind weiß ja schließlich wie überlebenswichtig Geld ist. Nur dank dem Mammon können wir alles kaufen, was wir brauchen. Es hat unsere Zivilisation erst ermöglicht.

Erneut erhebt sich die Stimme: „Für den Planeten selbst sind Metalle, Steine und Öl wichtig. Sie sind ein Teil von ihm, ermöglichen die Speicherung von Daten, um wichtige Geschehnisse aus der Vergangenheit nicht zu vergessen und um Informationen von einem Ort an einen anderen weiter zu geben. Aber für ein Lebewesen auf Kohlenstoffbasis, welches im Grunde nur ein Nachfahr von uns ist, haben solche Sachen doch gar keinen direkten Nutzen! – Aber vielleicht stimmt es ja, irgendwann vergessen die Kinder und Kindeskinder das Wissen der Ahnen.“

Ich schnappe nach Luft! Was bilden sich diese Wesen da denn ein? Wir sollen die Nachfahren der Viren sein? Die These von Darwin war ja schon recht ungehörig, aber es scheint durchaus so zu sein, dass wir von einem affenähnlichen Wesen abstammen. Aber von Viren? Diese Blasiertheit ist wirklich nicht zu überbieten.

Nach einigen Minuten des Nachdenkens, beschließe ich, mich dazu zu äußern.
„Viren sind schon seit Ewigkeiten die Feinde aller höheren Lebensformen. Und Menschen und Viren sind keinesfalls miteinander verwandt.“
„Das haben wir uns auch schon versucht einzureden. Vor allem, nachdem wir gemerkt haben, wie feindlich ihr allem Leben auf diesem Planeten gegenübersteht. Am liebsten hätten wir auch die Abmachungen unseres Vertrages vergessen und hätten einen Gegenangriff gestartet, um die Erde und alle anderen Lebewesen vor euch zu beschützen.“
Ich schlucke meine Bitterkeit hinunter: „Also deshalb letztens der Angriff der Coronaviren?“
„Seid ihr Menschen wirklich so dumm?“ Das letzte Wort hallt regelrecht durch die Mauern.

„Zum wiederholten Male! Das war kein Angriff. Wir wollen auch nicht die Weltherrschaft – uns ist unklar, dass überhaupt jemand so viel Verantwortung haben will. So viele Schicksalsfäden in Händen zu halten, ist doch gar nicht zu schaffen.“ Ein Windzug spült einige lose Blätter in den Raum.
„Wir haben nur unseren Job gemacht! Mehr nicht!“

Eine spannungsgeladene Pause setzt ein. Ich wage kaum zu atmen: „Aber ihr habt euch nicht an die Absprache gehalten“, dröhnt die Stimme nun lauter.
„Und das alles im Namen der Freiheit! Doch, was wisst ihr schon von wahrer Freiheit? – Ist ein rotes Blutkörperchen frei, wenn es aus der Blutbahn ausbricht und den Körper verlässt? Wenn ihr noch Teil des irdischen Netzwerkes wärt, würdet ihr die Stimme des Planeten vermutlich noch hören können. Und dann würdet ihr unsere wahren Beweggründe erkennen.“

Ich frage mich, ob dieser ominöse Vertrag wirklich existiert und nicht nur eine Ausflucht ist. Schon viel zu oft, haben die Sieger die Geschichte so umgeschrieben, dass die Besiegten als Bösewichte dagestanden waren. Und wir Menschen sind gewiss nicht die Bösen! Nicht bei all dem, was wir schon erreicht haben!
„Okay, ich wurde von meiner Redaktion geschickt, um mehr heraus zu bekommen. Ich höre! Also wie lautet denn jener Vertrag, dessen Richtlinien wir vergessen haben?“
„Ihr wollt es also tatsächlich hören?“

Einige Minuten ist Stille. Mein Herz schlägt schneller. Dieses Mal aber nicht, weil ich nervös wäre, sondern weil von Außerhalb eine Schwingung auf meinen Körper trifft. Kommt diese Vibration vom Erdboden oder trägt der Wind sie mit sich? Eine mächtige Kraft scheint zu sprechen, aber ich kann mit meinen Ohren nichts hören. Dennoch scheint mein Körper auf gewisse Art und Weise sie zu verstehen. Ehrfurcht erfüllt mich. Da ist wirklich etwas zugegen. Eine gewaltige Präsenz, die alles in den Schatten stellt.

Dann beginnt die Stimme wieder zu sprechen. „Wir sollen euch Menschen folgendes sagen: Leben bedeutet Achtsamkeit. Im gleichmäßigen Fluss der Bewegung zu sein. Sein Umfeld zu spüren und den eigenen Körper wie einen heiligen Tempel vor allem Schmutz zu bewahren. Dazu gehört das Wissen, an welchem Platz man gebraucht wird und wo man hin gehört. Auch die Zeit spielt hier eine große Rolle. Mal geht es darum, sich mit anderen zu verbinden – völlig vorurteilsfrei, was die Art der Verbindung angeht. Und mal geht es darum, in sich zu gehen. Die eigenen Kräfte zu spüren und zu regenerieren oder sich fortzupflanzen.“

Mir wird immer sonderbarer zumute. Mein Körper will sich verselbstständigen. Der inneren Stimme folgen, die ich immer noch nicht hören kann. Der Drang ist so mächtig, dass ich es einfach nicht mehr ertragen kann, diesen Schutzanzug auf meinem Körper zu spüren. Selbst die Atemmaske reiße ich mir vom Gesicht. Im selben Moment, als meine Lungen die klare Waldluft einatmen, spüre ich ein Zittern. Mir wird heiß und kalt. Ich stehe hier, im selben Raum mit den mächtigen Coronaviren, ganz ohne Schutz! Bedeutet das für mich etwa den Tod?

Erneut atme ich ein. Dieses Mal gebietet mir der Körper selbst, die Ruhe zu bewahren und alles, was mich belastet endlich loszulassen. Genauso wie ich das mit diesem Schutzmantel getan habe. In diesem Moment wird mir klar: Wir Menschen haben uns dafür entschieden, zu lange an etwas festzuhalten. So lange, bis sich etwas Gutes im Grunde zu Gift gewandelt hat. Damit haben wir unserem Körper geschadet. Mehr noch, wir haben dies auch allen anderen Lebewesen zugemutet. Es ihnen geradezu aufgezwungen. Wir sind es, die nicht nach dem anderen gefragt haben, und beständig nur versucht haben, einen bestmöglichen Vorrat anzulegen, der sich schädlich für den Rest der Welt auswirkt. Dabei haben wir ein so großes Gehirn, und doch nutzen wir es nicht, um uns selbst oder den anderen zu verstehen. Wir sind blind geworden für das wahre Miteinander und haben alle, die sich diesem Denken nicht beugen wollen, zum Feind degradiert.

Langsam sinke ich in die Knie und beginne zu beten. Ich fühle, wie ich immer kleiner und kleiner werde. Der Wind streicht dabei zärtlich um meine Schultern.

© Andrea Dejon

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Interview mit dem unsichtbaren Feind

  1. Ronald Schubert schreibt:

    Man geht an das Virus ganz falsch ran, denn man muss das Virus nicht bekämpfen, sondern integrieren und kennen lernen. Wenn es klingelt, sollte man es reinlassen und es verpflegen, eine Flasche Wein öffnen, denn so baut man Vertrauen auf. Wenn man mit ihm geredet hat, erfährt man von den Schwächen des Virus, wo es sich warum wohlfühlt, wo nicht und da setzt man dann an. 🤪

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