Corona sei Dank – Peers Rückblick


 

 

 

Dunkelheit breitete sich unaufhörlich aus, bis hinein in die hinterste Ecke des riesigen Saales, während gleichzeitig ein äußerst unangenehmer Geruch, fast schon beißend in die Augen kroch, die Nase tropfend, sich ekelnd rümpfte, ein Niesanfall folgte, was Peer veranlaßte, hektisch in seine linke Jackettinnentasche zu greifen, um ein Papiertaschentuch herauszuzerren. Drei fielen lautlos zu Boden, eins diente im letzten Moment, den Nasenschleim aufzufangen, der bereits von der Oberlippe fließend in den geöffneten Mund gelangen wollte. ‚Corona sei Dank, konnte ich das gerade noch verhindern‘, schoß es dem jungen Mann durch den Kopf.

Wenn die Nacht urplötzlich des Mittags hereinbricht, geht irgendetwas nicht mit rechten Dingen zu, zumal man solche Szenarien eher aus billig zusammengeschusterten B-Movie-Filmen kennt, mitnichten nur einen Hauch von Realitätsnähe beinhalten. Peer fuhr zusammen, als er sich vorsichtig nach vorne tastend in die Mitte des Saales wagte, weil er auf etwas weiches stieß, was er in Sekundenschnelle als ein Frauenbein identifizierte, zugleich entrüstet aufschrie, nicht das Bein, sondern Mary, die Bedienung.

»Was soll das denn, du Rüpel«, entglitt es der kühlen verunsicherten Kellnerin, »kannst du nicht aufpassen?!«

Peer entschuldigte sich im nächsten Moment, strich ihr beruhigend über deren linke Schulter und begab sich plötzlich ziemlich zielsicher zum Ausgang, weil im selben Moment die Saalbeleuchtung aufflackerte, ein dampfender Rinnsal erleuchtete, der somit auch erklärte, woher der komische Geruch wohl herrührte. Mary hatte wohl den Service-Wagen mit den Suppenterrinen umgeschmissen, der ihren Weg kreuzte, als die Beleuchtung vorhin aus unerfindlichen Gründen ihren Dienst quittierte, jedwedes Licht verschwand. Unsicherheit obsiegte, andere stolperten auch, manch Aufschrei unterstrich das Malheur, Chaos und Panik bestimmten für wenige Sekunden das Geschehen im Saal. Doch der Spuk fand nun ein abruptes Ende.

Vielleicht sollten die Umstände ein wenig genauer erläutert werden, die dem aufmerksamen Leser bestimmt nicht entgangen sein mögen, da ein Wörtchen gleich zu Beginn des Geschehens fiel. Na, klingelt’s, schon bemerkt, um welches es sich handelt? Genau, Corona. Besonders der Kontext mit gleichzeitiger Erleichterung könnte aufschlußreich Erkenntnisse liefern, wenn man so will, oder? Wieso folgte im Gedankengang des jungen Mannes die Redewendung „sei Dank“?  Eine Parallele zu verarbeiteten Erfahrungswerten, die bereits im Wortschatz sich verankerten? Ein Schlüssel zur Identifizierung, in welcher zeitlichen Epoche die Szenerie stattfand?

Das könnte man ohne weiteres daraus schließen, Sie befinden sich im Jahre fünf nach der größten Pandemiekrise der Neuzeit, folglich im Jahr 2025. Längst hat die Menschheit Mittel und Wege gefunden, mit SARS-CoV-2 klarzukommen, welches man aufgrund etlicher Folgeformen schlichtweg SC-2 bezeichnete, die jeweils höhere Folgezahl diente dazu, die grausame Entwicklung zu bezeichnen, vor zwei Monaten, im April 2025 entdeckte man in Indonesien SC-14, wahrscheinlich die letzte Form, so zumindest nach jüngsten Erkenntnissen.

Was war geschehen, daß Mensch doch noch die Pandemie in den Griff bekam? Mary traute ihren Augen nicht, im Herbst 2023, nachdem bereits weltweit 43,5 Millionen Menschen verstorben waren, SC-9 hatte für etliche Chaoswellen gesorgt, konnte ein Virenteam ausgerechnet in Teheran ein moderates, äußerst wirksames Impfmittel entwickeln, direkt in Irans Hauptstadt ohne bürokratisches Prozedere den Menschen verabreichen.

Die Todesrate kam augenblicklich zum Stillstand, die Menschheit jubelte vor Erleichterung. Vergessen jegliche Feindschaft, zum ersten Mal saßen die USA und Russland wieder am Verhandlungstisch, Erinnerungen an 1990 flackerten auf, nur mit dem Unterschied, diesmal die historische Chance nicht erneut nutzlos verstreichen lassen zu wollen. Corona hatte somit zu einer entscheidenden Wende beigetragen. Sehr viele Millionen Menschen ließen ihr Leben, aber auch dafür, daß der Weltfrieden in realistische Nähe rückte, Corona sei Dank.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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