Der verschluckte Kater


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Müßig, müßig, immer diese gleichen Fanfaren, ohne die sich kaum mehr einer aus dem Haus traut. Aus seiner Haut schon gar nicht. Versperren sich selbst die Aussicht. Wie können sie hinter diesen Gitterstäben einen unverstellten Blick nach außen, geschweige denn, anderen auf sich ermöglichen? Katalogisiert, Längsstreben, Querstreben, eingeteilt, jedem sein Fach, sein freies Feld, ein Stück, ein Stück, ein Puzzle, wenn es fertig ist, gekrisselte Menschen.

Nett, daß du mich erinnerst, mit Parfümwolken funktioniert das auch. Jedem seine Vorliebe, nach Moschus, Vanille, dem gefeierten Star, Fußballer, dessen Geliebter, das Model, das schauspielert, die Création, wenn einem nichts einfällt, benützt man irgendeine Nummer, eine Ziffer, eine Zahl, mystisch, vielleicht die Anfangszahl ihrer Telefonnummer, oder doch ein Hinweis auf die Hausnummer, möglicherweise die Anzahl der Geliebten oder wieviel Hunde und Katzen mit in der Wohnung leben.

„Tschuldigung, Guten Abend, gerade sehe ich meine Freunde stehen vorne in der Schlange, würde es Ihnen etwas ausmachen, mich vorbei zu lassen?“, nuschle ich ein wenig hastig, unsicher, das hinterläßt immer einen unbedarften Eindruck, der zur Hilfeleistung verführt.

„Oh, von mir aus gerne, viel Glück, daß sie es nach vorne schaffen.“ Eine mit Zucker panierte Stimme, entgegen ihrer mit Glanz überdeckten Miene, die so perfekt poliert ist wie der Lack eines Porsches, Ferrari, Ferrari klingt besser, klingt nach Schnelligkeit, nach Sieg, also wie der Lack eines Ferraris, der gerade die ersten Meter seines Motorlebens auf dem Firmenhof fährt, auf dem Fahrersitz, die polierte Dame, die trunken von der Gier mit dem Wettlauf entgegen der Zeit, sich vor dem Sieg bereits eingesprüht hat mit der Création „immer schön lächeln“, bei manchen hilft sicher nicht mal das, wenn die drei Wörter auf die Handfläche geschrieben stehen, säuselt mir ihre verständnisvolle Zustimmung entgegen, so daß ich angetrieben durch die Nebelduftwolken keine Schwierigkeit habe, mich die nächsten fünf Meter meinem Ziel, der Abendkasse des Kinos, näher zu kommen.

War irgendwie klar, daß ich hier lande, vom parfümierten Regen in die Festrede einer Schiffstaufe, besser kann man die nächste mit Emblemen und Fanartikeln ausgestatteten Menschen nicht beschreiben, einer quasselt ständig von seinen Erfolgen, Erkenntnissen, Erlebnissen, drei Wörter, die mit „er“ beginnen, sind möglicherweise schon aussagekräftig genug, aber ich will nicht so sein, schließlich reihen sich auch Frauen in stammtischmäßige Gesprächsrunden ein, um ihre vermeintliche Nacktheit mit Hermelinmänteln zu bekleiden, in dem sie eigentlich Banales zu einem Alptraum oder einem Glücksmoment hochstilisieren, damit sie ihrer Wenigkeit den Hauch des Besondern anheften können, Orden, Abzeichen und schon ist sie geschwellt die Brust der Heroen und Heroinen. Um was geht es hier überhaupt?

Das Pärchen, er mit den ausgefranzten Locken, sie mit dem streng nach hinten gekämmten Pferdeschwanz haben doch tatsächlich auf ihrem Flug, letztes Jahr zu Ostern, Wochenendtrip, im Flugzeug den Schauspieler getroffen, er saß hinter ihnen, angelächelt wurden sie, nein, kein Autogramm, wollten doch nicht aufdringlich wirken, komisches Gefühl, wenn sich andere Fluggäste den Hals verrenken und ständig in seine Richtung sehen und dabei uns angestarrt haben, als ob wir ihn näher kennen würden, der jetzt in dem Thriller die Hauptrolle spielt, obwohl, er soll die Figur nicht so wirklich gut rüberbringen, wie, wie hieß er nochmal, der den verrückten Wissenschaftler in „die Zähne der Möwen“ gespielt hat.

„Sorry, mein Freund wartet an der Kasse auf mich, habe mich verspätet, der hat bestimmt schon seine Krise, weil ich wieder zu spät, aber das Duschwasser war kalt, weil der Typ in meiner WG stundenlang duscht, bevor er das Haus verläßt, und ich kann dann ewig warten bis das Wasser …“, dränge ich mich in das aufgebauschte Erlebte hinein, in der Hoffnung durch die Schilderung einer Situation, die sicherlich tausendmal täglich vorkommt, also jedem bekannt sein dürfte, genügend Verständnis zu erreichen, um die letzten Meter bis zur Kasse vorgelassen zu werden.

„Ach, du Arme, das kenne ich noch aus meiner Studienzeit, immer die gleichen Typen, die meinen, die ganze Wohnung gehöre nur ihnen und dann essen sie noch den Kühlschrank leer“, dozierte die junge Frau mit der strengen Frisur und mit absolut wissender Miene winkten mich alle um sie herumstehenden Zuhörer weiter.

Ich nickte nach Atem ringend und mit leicht feuchten Augen, kann ich schon seit meiner frühesten Kindheit, wenn es darum ging, meine Strafe abzumildern, die meine überfürsorglichen Eltern für mich ausgedacht hatten, aber schließlich überzeugt wurden, daß die erste Fürsorge darin besteht, mein Leid nicht zu unerträglich zu machen.

Hinter dem kleinen Guckloch, das auf Höhe des Bauchnabels angebracht wurde und eher einer Ausflugschneise für Brieftauben ähnelt als an die Ausgabestelle für Kinokarten, so daß man buckeln muß vor den Kassierern, die hinter diesem Ausguck sitzen, obwohl man die zahlungskräftige Klientel ist, die dafür sorgt, daß überhaupt das Geld vorhanden ist, um diesen auf zwei Quadratmetern umbauten Vogelkäfig aufzusuchen.

„Welchen Film?“
„Der verschluckte Kater.“
„Der läuft bei uns nicht.“
„Wie sollte er das auch können, wenn er verschluckt wurde!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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