Theater der Unterdrückten


Kommunikation ganz nah am Menschen

Das ganze Leben kann man durchaus als Theater bezeichnen, wobei es ohne Zuschauer, Gagen, Beifall und der künstlerischen Auseinandersetzung stattfindet, eben gekennzeichnet ist von den Problematiken des Alltags. Nein, ganz so einfach sollten wir den Begriff des Theaters nicht benutzen, auch wenn es verlockend erscheint, auf diese Weise einiges sich zu erklären.

Eines hat sich der brasilianische Regisseur, Theaterautor- und Theoretiker, Augusto Boal, schon dabei gedacht, als er vier andere Theaterformen entwickelte: Theater der Unterdrückten, Unsichtbares Theater, Forumtheater und Legislatives Theater. Sicherlich haben dabei seine Vorbilder Bertold Brecht und Konstantin Stanislawski mit dazu beigetragen, auf solch naheliegende Veränderungen in der sonst üblichen Theaterwelt hinzuwirken. Soziale Probleme und politische Kritik standen im Vordergrund der Überlegungen. Im Laufe der 1950er Jahre entwickelte er bereits seine erste neue Theaterform, das Theater der Unterdrückten am Núcleo do Teatro de Arena in São Paulo.

Dabei kehrte er die sonst übliche Form am Theater radikal um: Hierbei soll der Zuschauer die Handlung aktiv mitgestalten wie im Forumtheater, wobei das Ende einer schlechten Szene durch einen ersonnenen „Joker“ zu einem anderen, besseren Ende gebracht werden soll, der Zuschauer aktiv beteiligt wird, sich mit einzubringen. Ein Fragewort- und Antwortspiel entsteht, ein Prozeß wird in Gang gesetzt, das Forumtheater stellt somit auch eine Hilfe dar, brisante Konfliktsituationen in der Alltagspraxis besser meistern zu können, da man sie ja bereits „gespielt“ hat.

Das aus dem Forumtheater weiterentwickelte Legislative Theater geht sogar so weit, das Publikum zu benutzen, in dem diesem gesetzgebende Rollen verpaßt werden, z.B. als Senatoren oder Stadtrat sich zu versuchen. Hierbei dürfte durchaus interessant sein, inwieweit der ein oder andere Zuschauer sich nicht nur wiedererkennt, sondern in der Autoritätsrolle seine ureigenen Stärken und Schwächen ausloten kann.

Na, schon mal erlebt, live und hautnah? Da beginnen urplötzlich Menschen einen Streit in der U-Bahn, es eskaliert, Unbeteiligte trauen sich sogar, sich verbal einzumischen, doch am Ende stellt sich heraus, es war ein Experiment, so vielfach geschehen  z.B. in Berlin. Diese Methode, die eigentlich ihren Ursprung in der nachrevolutionären Sowjetunion der 1920er Jahre hatte, übernahm Boal und schuf somit das „unsichtbare Theater“.

In der Öffentlichkeit spielen Schauspieler tatsächlich Theaterszenen, ohne daß ein Publikum darüber in Kenntnis gesetzt wird. Der Überraschungsmoment ist dadurch gegeben, wobei er für alle eine gewisse Herausforderung darstellt, der Gesellschaft wird auch klar vor Augen geführt, welche Formen der Unterdrückungen existieren, eben weil dies vorher abgesprochen inszeniert wesentlich schärfer dargestellt werden kann, im „kontrollierten Rahmen“, aber dennoch sehr nah an der Alltagswirklichkeit. Straßentheater haben dabei ganz ähnliche Berührungen zum Publikum, nur daß dieses vorher weiß, es findet Theater statt.

Neues Projekt im Theater der Unterdrückten in Wien

Die LGBTQIAN*Theatergruppe wurde für alle queeren Menschen ins Leben gerufen,  wie auf der Homepage des TdU Wien beschrieben wird. Die Homophobie ist immer noch weit verbreitet und verzweigt in der Bevölkerung präsent, sollte genau so wenig unterschätzt werden wie Rassismus. Immer dann, wenn bestimmte Menschen keiner Norm entsprechen in den Augen einer intoleranten Gesellschaft, neigen Verunsicherte gern dazu, einfach ihr Unwissen in Repressalien den „Abnormalen“ gegenüber verpassen zu müssen, anstatt sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen. Insofern sind solche Projekte äußerst hilfreich und auch begrüßenswert.

Inzwischen wird das Theater der Unterdrückten weltweit in rund 70 Ländern eingesetzt, in Deutschland entstand es schon in der 1970er Jahren. Das Grips-Ensemble hat z.B. ganz ähnliche Aufführungen inszeniert.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kulturelles

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