Habe dauernde Welle


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Ab und an, wirklich nur manchmal, manchmal auch ein wenig öfter, aber im Grund nicht, ich bin nicht nachtragend. Warum sollte ich jemanden die dreckige Wäsche, die er hinterließ, aufbewahren oder auf meine Kosten hinterhersenden, weg damit, ab in den Müll. Und was habe ich schon alles entsorgt, Wäschesäcke voll. Natürlich habe ich sie nicht gewaschen, so weit kommt es noch, es war Abfall, nicht mehr zu gebrauchen, ausgefranst, zerfetzt, versetzt mit stinkender Scheiße. Sorry, oder doch nicht. Das sorry, mein ich. Über das Vernichten gibt es keinen Zweifel, nicht den kleinsten. Man verwahrt doch keine gebrauchte Windel auf!

Und ich werde zudem nie richtig wütend, diese Funktion ist ausgeschaltet, manchmal flackert zwar das kleine Lichtchen auf dem Schalter, trotzdem ist zu wenig Energie vorhanden, die es der Wut ermöglichen würde, sich in ihrer Pracht zu zeigen. Ich gebe es zu, nicht sehr vorteilhaft bei etlichen Situationen, aber was soll ich machen, ein Gewalttraining absolvieren, wie lerne ich wütend zu sein, die Sau rauslassen, auf den Putz hauen, selbst wenn es dieses Angebot gäbe, möglicherweise würde ich gnädigerweise des guten Willens halber eine Teilnahmebestätigung ausgehändigt bekommen, so daß ich nicht das Gefühl hätte, mein Geld komplett verschleudert zu haben. Die Urkunde mein Trostpflästerchen, du hast dich ja bemüht.

Im weitesten Sinne bin ich eine coole Socke. Ja, ehrlich. Zumindest meinen das Personen, die mich kennen, und auch solche, die von mir gehört, oder vielleicht ein Photo gesehen haben, weil sie denken, so eine ist so was von ständig abgekühlt, nicht explizit gemünzt auf meine Entsorgungsart der hinterlassenden Wäsche, auf die Idee, den Dreck einzufrieren, wer käme denn auf so was, auch nicht weil ich so gar nicht richtig in Rage zu bringen bin, sondern weil ich für mich etwas habe, das alles haben, in ein „ich hab“ bündelt.

Kein außergewöhnliches Ereignis hat stattgefunden, als ich im Herbst, es war kein Altsommerwetter, das allgemeinhin als Herbst assoziiert wird, Ende Oktober, die ersten Stürme fegten über das Land, der See aufgewühlt von zackigen Wellen, die sich über das moorige Ufer warfen und den kleinen Weg längst den Schilf überspülten, deren Rhythmus ich spielend auswich und nachfolgte. Da sie nicht bereit waren, mich als Sieger anzuerkennen, weil ich ihnen immer wieder entwischte, änderten wir den Takt, zuerst büßte ich meine nassen Schuhe und Socken ein, ausziehen, die Hose gleich mit, war eh schon naßgespritzt, die Jacke, Pulli und Mütze legte ich etwas später ab, da mir warm wurde vom ständigen Hüpfen. schließlich legte ich mich ans Ufer und überließ mich den Wellen, die nicht aufhören wollten zu spielen und mich abwechselnd überrollten und sich zurückzogen. Das war’s, nicht mehr, nicht weniger.

Meine Mittlere Reife abgeschlossen, Lehre beendet, Liebe begegnet, geheiratet, Kinder, alles weder hot noch cool und jeden Tag zum Wellenspiel, mit kleinen Ausnahmen, Urlaub und so. Was sich geändert hat, ich bin selten alleine, seit der Weg mit Holzplanken befestigt, seit dort ein kleines Häuschen steht zum Umziehen und außen eine Leiste angebracht wurde, um daran Kleider aufhängen, seit das Gequatsche im Dorf ein Zeitungsartikel wert war, Frau Baumann nimmt jeden Tag ein Bad im See, seit ein Professor Doktor in einer Illustrierten die medizinischen Vorteile des ganzjährigen Badens in Freiluft als wertvoll für die Gesundheit gepriesen, seit von einem Hobby-Philosophen, das Wasserbad als Reinigung für sämtliche Streßfaktoren empfohlen wurde, seit auf der Dorfhomepage die großartige Möglichkeit, mit Wegbeschreibung, Übernachtungsmöglichkeiten, mehreren Photos des einstmals verwunschen Plätzchens mit wechselnden Jahreszeiten und nicht zu vergessen ein Video mit lachenden „die Glücklichen“ eine extra Seite erstellt wurde, seither tummle ich mich mit einer etwas unterkühlten Miene zwischen Gleichgesinnten, die mich für eine obercoole Socke halten.

Wie gesagt, ich bin nicht nachtragend, noch leicht in Wut zu versetzen, die Häme, die mir als junger Mensch entgegengebracht wurde, vergessen, das mehrmalige Klauen meiner Kleidung, Mumpitz, man kann auch mit Klamotten ins Wasser, der Vorwurf der Verschrobenheit, Angeberei, der Vernachlässigung durch meine Eltern, bin ich halt vor der Schule ins Wasser gestiegen, das Gerede, ich würde meine ungeborenen Kinder gefährden, lachhaft, denn ich habe Welle. Laß mich treiben vom Wind, mach doch mein eigenes Ding, Energie treibt vor und zurück, entwickle eigene Kraft, ein Haben, ein Geben und Nehmen, das ist das, was ich, ich hab.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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