Buddelbaum oder warum es nachts Tränen regnet


Sie war nicht das einzige Anhängsel, daß an diesem Nachmittag von den älteren Geschwistern beaufsichtigt werden sollte, wie ihr eigener Augapfel, das so viel bedeutete, rühr‘ dich nicht von der Stelle, sind gleich wieder da, sonst nehmen wir dich nie wieder mit. Da sie mitgenommen werden wollte, anstatt bei Mutter zu Hause zu bleiben, bis die Geschwister wieder greifbar sein würden, um sie für sich zu vereinnahmen, blieb sie brav auf der Decke sitzen und gehorchte, auch wenn es ihr nicht paßte. Rings um sie herum sprangen Kinder allen Alters von ihren Plätzen ins Wasser oder kamen triefend naß kurz zurück, um nach dem Rechten zu sehen, sprich nach den alleingelassenen Geschwistern, die wie Frederike still dem Treiben zusahen, mitunter dadurch so beschäftigt, daß sie im Nachhinein nicht hätten sagen können, ob überhaupt die Geschwister wirklich zwischendurch anwesend waren.

Zwei Decken neben ihr schniefte ein rotblondes Mädchen leise vor sich hin. Frederike schielte immer wieder zu ihr herüber. Die Geschwister, zwei Jungs, etwa so groß wie ihre Schwester Gisela, sind ständig abwechselnd bei ihr und setzen ihr immer wieder eine rote Mütze mit welligen Rand auf, die das Mädchen, sobald sie sich unbeobachtet fühlt, abzieht und von der Decke wirft. Frederike hätte sich liebend gern diese Mütze, genau diese rote Mütze mit welligem Rand, aufgesetzt. Nur kurz. Kurz hätte ausgereicht, zu wissen, ich fühle mich mit dieser roten Mütze mit welligem Rand wohl, das spürte Frederike, weil sie in Gedanken schon mehrmals mit der Mütze durch den Garten lief, die Katzen vor ihr davonliefen, und wie Benny sie schwanzwedelnd begrüßte, um sofort danach den Katzen hinterherzujagen.

Sie robbte, vielmehr setzte sich Stück um Stück näher an die Wurfstelle der Mütze, ließ sich dafür viel Zeit, schließlich galt es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, an dem eine ihrer Schwestern hier waren, alles in Ordnung vorfand und dem neuerlichen Wurf des Mädchens. Und als ob es lange einstudiert geworden wäre, saß sie punktgenau an der Stelle, an dem die rote Mütze mit dem welligen Rand auf ihren Schoß fiel. Sie mußte die Mütze nur noch aufsetzen. Anstatt des erwarteten Gefühls des absoluten perfekten Wohlergehens und der erträumten Freude mit der Mütze im Garten zu toben, empfand sie die rote Mütze mit dem gewellten Rand, als hätte ihr jemand eine schwere Holzkiste auf den Kopf gesetzt, das lag nicht an der roten Mütze mit dem welligen Rand oder ihrer Fehleinschätzung, es war das Lächeln des Mädchens, das ihr den erwünschten Augenblick verdarb.

„Buddelbaum! Buddelbaum!“, fast klang es wie der Refrain eines Liedes, dennoch schien es eher eine Aufforderung zu sein, denn das Mädchen bewegte mit jeder Silbe des Wortes ihre Handgelenke, würde sie die Hände aneinander halten, anstatt von ihrem Körper entfernt, könnte man meinen, sie stricke Socken wie Tante Resi, wenn sie zum Kaffeeplausch kam, und weil sie so viel zu erzählen hat, immer, darf ich nur kurz am Küchentisch sitzenbleiben, bis Mama uns nach draußen oder nach oben schickt, und wehe ich erwisch‘ euch beim Lauschen, Frederike schüttelte den Kopf über diese für sie ungerechte Behandlung seitens ihrer Mutter und verzog das Gesicht, schließlich war sie gerade traurig, und zu allem Übel war das Mädchen zu ihr gekommen und legte ihr die rote Mütze mit dem welligen Rand auf den Kopf. Buddelbaum, Buddelbaum.

Verunsichert sah sich Frederike um, keiner der Badegäste, die sich auf ihren Decken und Liegen in der Sonne räkelten, interessierte sich für sie und das Mädchen, kein Blick streifte sie. Aus den Augenwinkeln meinte sie Dorothea zu erkennen, die gerade lustlos aus dem Wasser stieg, um ihrer Pflicht nachzukommen, die kleine Schwester zu bewachen. Frederike ergriff die Hand des Mädchens, das immer noch von Buddelbaum redete und lief mit ihr hinter die Hecke, die die beiden Tischtennisplatten umsäumten, dort duckten sie sich, wie untereinander abgesprochen, verschwörerisch lachten sie sich an.

Der Mann, der auf dem Bahnhofsvorplatz auf einer Decke saß, vor sich einen Plastikbecher mit einigen Münzen darin, neben ihm eine wißbegierige Hündin, Ella war auf einem Schild an ihrem Halsband zu lesen, blickte jetzt weniger verwundert und skeptisch, seit Leonore anfing, von ihrem Schreibblock abzulesen, er schien anzufangen, sich zu amüsieren, um seine Mundwinkel und Augen bildeten sich Lachfältchen. Frederike hat sich nicht getäuscht, da war Leonore jetzt sicher, reichte ihr den Block, hörte ihrer Freundin zu und las im Gesicht des Mannes auch ihre Erinnerung.

Ob aus schlechtem Gewissen, weil sie ihren Platz verlassen hatte oder weil sie sich mit dem Kind hinter den Büschen versteckt hielt, jedenfalls war Frederike plötzlich klar, sie hatte etwas falsch gemacht, anstatt sich aber der Schwester zu zeigen, zog sie das Mädchen zum Eingangsbereich, gab ihr Zeichen, nichts zu sagen, indem sie ihre freie Hand an den Mund hielt, und beide entwischten aus dem Freibad, sie bückten unter dem Kassiererfenster nach draußen. Zuerst noch geschützt durch das Gebäude schlichen sie hinter abgestellten Fahrrädern und weiter an den geparkten Autos vorbei, ohne wirkliches Ziel vor Augen.

Etwas abseits der Strecke zum Freibad, das wußte Frederike, lagen Gärten, die gepachtet werden konnten, Ihre Eltern sprachen oft davon, hofften sie doch, daß so eine Gartenparzelle irgendwann, wenn die Kinder noch klein sind, selbst beackern zu können. Daran erinnerte sich Frederike und daran, daß dort jetzt in der Sommerhitze niemand sein würde, sie also ungestört überlegen könnte, und vielleicht könnten sie auch ein paar Himbeeren, Erdbeeren essen, die noch nicht abgeerntet worden waren.

„Hast du Hunger, Durst?“, fragte sie das Mädchen, deren Name sie nicht wußte, ihr fiel ein, bis jetzt nur Buddelbaum von ihr gehört zu haben. „Wie heißt du? Ich bin Frederike“, lächelte sie und sah in ein ernstes, scheues Gesicht, das sich sofort wieder abdrehte und auf einen Mann stierte, der hinter einem Holzzaun sich gerade aufrichtete.

„Ja, wen haben wir denn da? Wollt ihr ein paar von diesen leckeren Beeren“, er streckte ihnen über den Zaun eine Hand hin, in der rote Johannisbeeren leuchteten.

Tränen rannen über seine Wangen, und Ella kroch näher an ihr Herrchen heran.

„Ich hätte das nicht machen sollen“, unterbrach er mit erstickter Stimme die vorlesende Frederike.

„Nein, nein, nun ja, daß du die rote Mütze in den See geworfen hast, weil sie durchsuppt war von dem Beerensaft, das hättest du, ich darf doch wieder du zu dir sagen, das war nicht ganz richtig, das hat denen einen noch riesigeren Schrecken eingejagt. Irgendwie haben Frederike und ich immer gehofft, dich wieder zu sehen, als sie mich vor zwei Tagen anrief und meinte, sie hätte dich gefunden, diesmal tausendprozentig sicher, du kannst dir nicht vorstellen, wen wir schon alles verdächtigt haben, Ludwig zu sein, der Ludwig, der uns, weil es spät geworden war, zu seinem Nachtlager mitnahm, uns Geschichten erzählte…“ Leonore umarmte den alten Mann vorsichtig, denn Ella warf ihr einen „Wage nicht, ihm weh zu tun-Blick“ zu.

„Von der fliegenden Katze, die nur pinkeln konnte, wenn sie über Bäume flog, dem verschnupften Rotkehlchen, das in Wirklichkeit ein Papierkügelchen in der Nase hatte, der schwimmenden Sau, die ständig die Enten auf der Flußinsel besucht, vom Elefanten, der es liebte, einen Hügel runter zu rutschen, über die Streitigkeiten der Sterne, weil eine heller als die andere strahlen wollte, deshalb fing die Nacht Wolken ein, damit sie im Dunkeln die Sterne bedecken, deshalb regnet es nachts Tränen, statt Wassertropfen, fand ich am schönsten, als wir in eine warme Decke gehüllt mit dir den Nachthimmel erleben durften. Wir erzählten uns die Geschichten immer wieder, nichts davon wollten wir je vergessen. Du warst unser Zimmermann auf Wanderschaft“, fuhr Frederike fort.

„Geselle, habe das Wandern irgendwann zu meinem Beruf gemacht, wie ihr seht. Aber es war falsch, euch beide nicht sofort nach Hause gebracht zu haben, das werfe ich mir bis heute vor“, Ludwigs Gesicht war feucht vom vielen Tränen und ständigen Abwischen mit seinem Jackenärmel.

„Ja, schon, dennoch…“, Leonore suchte nach Worten.

„Wir hätten ja auch schreien können, schließlich hörten wir in der Ferne, daß nach uns gerufen wurde“, kam ihr Frederike zu Hilfe.

„Das Ganze ist mehr als zwanzig Jahre her, oder? Ich hätte euch niemals mehr wieder erkannt. Dachte lange Zeit, irgendwann schnappen sie mich, wegen Kindesraub. Nie hat aber auch nur einer mich mit der Sache in Verbindung gebracht. In den Zeitungen stand, es war ein alter kleiner Mann mit Glatze, der zwei Mädchen entführt hatte“.

„Wir waren uns einig zu lügen, noch bevor du uns am nächsten Morgen in der Nähe der Polizeiwache aufgefordert hast, dort reinzugehen.“

„Frederike war immer überzeugt, irgendwann und irgendwie würden wir dich treffen und voilà, hier sind wir. Und ich habe jetzt fürchterlichen Durst.“

„Gibt es hier irgendwo ein Café oder Restaurant, wir laden dich ein, Ludwig.“

„In der Fußgängerzone ist ein Eiscafé, gleich zu Beginn. Sag mal, kennt ihr euch hier nicht aus, wohnt nicht hier?“

„Frederike ist ständig auf Achse, recherchiert für ihre Bücher, schreibt über Städte, Hotels, etc., ich wohne immer noch in Hagspüren, hab Mann und ein kleines Baby.“

„Leonore ist Heimchen am Herd, übt immer noch Buddelbaum.“

„Hör auf mich zu foppen!“

„Wenn‘s doch wahr ist, du kannst es immer noch nicht.“

„Ich trag deine Tasche. Muß Ella an die Leine?“

„Du kannst immer noch keinen Purzelbaum?“

„Nicht so richtig und schon gar nicht, wenn ich dabei die Mütze nicht verlieren soll.“

„Ihre Brüder haben ihr das vor langer Zeit nachgesehen, seit sie bemerkt haben, eine kleine Schwester zu haben, ist vorteilhaft, wenn man Mädchen kennenlernen will.“

„Buddelbaum mit Mütze, sowas kann nur Kindern einfallen“, murmelte Ludwig.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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