Der König der purpurnen Stadt – eine Rezension


Ein gut geschriebener historischer Roman von Rebecca Gablé

Es ist stets ein ziemlich erfrischendes Erlebnis, ein Lesegenuß auf höchstem Niveau, Bücher von Rebecca Gablé zu lesen, so auch den historischen Roman Der König der purpurnen Stadt. Die Autorin, Jahrgang 1964, die heute in einer ländlichen Kleinstadt am Niederrhein lebt, studierte Sprachgeschichte und Mediävistik (das ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter), sowie Literaturwissenschaft in Düsseldorf und arbeitete dort nach dem Studium als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur. Und genau dieses umfassende Wissen setzt sie geschickt ein in ihren Romanen.

Selbstverständlich möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, keine inhaltlichen Einzelheiten hier wiedergeben. Der Roman hat seinen Beginn im Jahr 1330 in London, wobei der achtzehnjährige Tuchhändlerlehrling Jonah seinem Meister und Cousin zunächst ausgeliefert ist. Durch glückliche Fügung begegnet er König Edward und Königin Philippa, die sein Schicksal weitreichend verändert bis hin zur Revolutionierung der englischen Tuchproduktion, wobei er aufsteigt zu einer der reichsten Männer der Stadt. Daß dabei Neider mit heimtückischen Intrigen aufwarten, ist wohl nur einer der Aspekte dieses Romans.

Rebecca Gablé betont selbst, es sei in der Natur der Sache, bei historischer Fiktion Historie und Fiktion manchmal im Widerstreit liegen würden, und dies genau den Reiz ausmache, einen historischen Roman zu schreiben.

Sie versucht hierbei, möglichst viel authentisches zu verarbeiten, so auch fast alles, was sie über London in dieser Zeit beschreibt, die Zünfte, die Gilden und mittelalterliche Stadtverwaltung. Ganz besonders deutlich wird sie, wenn es darum geht, die abgesegnete Gewalt der Kirche gegen Frauen und Kinder anzuprangern. So ist im Roman die geschilderte sexuelle Gewalt quer durch alle Schichten auch ein deutliches Thema. Sie läßt es sich daher auch nicht nehmen, über die sexuellen Nötigungen seitens König Edward zu berichten, selbst wenn diese unbewiesen sind.

So ist die Autorin vom Wesen der Königin Philippa fasziniert. Die zwölffache Königinmutter hatte es wohl erzieherisch verstanden, daß selbst nach ihrem Tod die Söhne keine erwähnenswerte Machtkämpfe austrugen. Außerdem revolutionierte sie die Tuchproduktion, indem sie weltberühmte Handwerker aus ihrer Heimat, also Frankreich, nach England ansiedeln ließ und großzügig entlohnte. Hinzu kam ihr zweites wirtschaftliches Steckenpferd: der Kohleabbau und –export.

Der König der purpurnen Stadt ist sehr leidenschaftlich geschrieben, wobei die Charaktere der Hauptpersonen gut ausgefeilt sind, die Leser tauchen unweigerlich in das mittelalterliche Geschehen ein, leiden und lieben mit der tragenden Figur Jonah Durham. Daß dieser frei erfunden wurde, spielt dabei keine Rolle, weil das Leben selbst in dieser Zeit durchaus sich hätte so zutragen können.

Mit anderen Worten, Rebecca Gablé zähle ich zu den großen Autorinnen und Autoren, die es mittels all ihres schriftstellerischen Könnens verstehen, nicht nur „Bilder zu malen“, sondern ganze „Filme“ beim Lesen zu erschaffen. Ich kann Ihnen somit nur diesen aufregend gut geschriebenen, historischen Roman weiterempfehlen, es lohnt sich in jeder Hinsicht, ihn zu lesen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Rezensionen

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