Der einsame Wolf und das Mädchen Lia


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In der Ruhe liegt die Kraft

Mitten im Sommer, wenn das Grün der Bäume bereits uns dunkler erscheint, die Hundstage ihrem Ende zusteuern und mit ihnen die heißen Tage, morgendliche Herbstdüfte die Nasenflügel umwehen, eine gewisse Wehmut verbreiten, weil noch vieles erlebt werden wollte, genau dann erschien Lia mit einem Mal ihr ein gänzlich unbekanntes Wesen: ein einsamer Wolf.

Dieser trat nicht mit stolz geschwollener Brust vor sie hin, als sie Rotkäppchen gleich des Weges ging, vielmehr entdeckte Lia ihn weit entfernt zwischen zwei mächtigen Rotbuchen ruhend, sie beobachtend. Das neunjährige Mädchen war just im Begriff, sich ihre Laufschuhe zu binden, beim Joggen hatte sich ein Schnürsenkel geöffnet, und sah unvermittelt das grau-braune Tier. Instinktiv schaute der Wolf ebenso auf, ihre Blicke trafen sich.

Eine Welle der Entspannung durchfuhr Lia, sie vermochte sich kaum zu bewegen, nicht etwa aus Angst, sondern eher aus Ehrfurcht und der Entdeckung, daß er zu ihr sprach. Jedoch nicht wortwörtlich, eine angenehme Stimme erklang in ihrem Kopf.

‚In diesem Wald hab ich mich hier kurz zur Ruhe gelegt, bin schon viele Kilometer lang unterwegs, ohne zu wissen, wohin es mich treibt. Hab keine Furcht, Lia, wundere dich nicht, woher ich deinen Namen weiß, meine Kontakte erlauben mir, vieles bereits zu kennen. Nenn mich einfach Stolja, wenn du magst ‚, vernahm das Mädchen.

Lia schaute sich unsicher um, konnte ihn nicht mehr sehen und erschrak fast zu Tode, weil er einfach plötzlich neben ihr stand. Seine Größe irritierte sie, er war höher wie jeder Schäferhund, auch länger und hatte wunderschöne, hoch aufgestellte Ohren und einen buschigen Schwanz.

„Wieso hast du kein Ziel, Stolja?“, fragte sie ihn, „und überhaupt, wo befindet sich deine Familie, dein Rudel? Ihr Wölfe lebt doch meist nicht allein.“ Ziemlich aufgeregt schaute sie ihn an, wagte sogar, ihn vorsichtig zu streicheln.

Der einsame Wolf gab ihr zu verstehen, daß er seine Nächsten verlassen mußte, das gesamte Rudel sich auf der Flucht befand, weil die Menschen wieder einmal meinten, Wölfe seien gefährlich, würden nur andere Tiere reißen und wildern. Einige mußten bereits ihr Leben lassen, wurden kaltblütig erschossen. Lia wußte aus Büchern und Erzählungen ihrer Oma, wie die Mär vom bösen Wolf entstanden, obwohl gerade Wolf und Mensch durchaus eine gemeinsame Entwicklung vollzogen hatten, es gar innige Freundschaften gab.

Dies alles erzählte sie Stolja, bat ihm zutiefst um Verzeihung, was ihre Spezies seinem Rudel angetan. Der einsame Wolf bedankte sich herzlichst, wünschte ihr alles erdenklich Gute, betonte, sie möge sich nicht weiter sorgen, er wisse jetzt, was seine Aufgabe. Ein fragender Blick ihrerseits entlockte ihm die Antwort: zurück gen Osten, das Rudel finden und den Weg der Distanz zum Menschen wieder einschlagen, weil dieser noch längst nicht so weit sei, in friedlicher Koexistenz mit ihm zu leben. Ausnahmen wie sie würden die Regel bestätigen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Erschienen im Buch Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)
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