Alles im Griff?


© Andrea Dejon

Wo ist nur die Zeit und Muße geblieben, die für die Entwicklung von Kindern am wichtigsten ist?

Der Cyborg schien damals 1989 wie eine Utopie, die unmöglich Realität werden könnte, und wenn dann würde der Mensch niemals freiwillig einwilligen, nur ein Stück einer kontrollierenden Technik zu sein und erst recht nicht, wenn es um unsere Kinder geht.

Aber die Zeiten ändern sich, vor allem die letzten Jahre ging der technische Wandel unglaublich rasant vorwärts. Unser Gehirn beginnt sich anzupassen, wie es das schon immer getan hat. Nur, dass es diesmal viel schneller geht – nun ja, wenn ein System abbauen soll, geht das eben schneller und einfacher, als ein System aufzubauen oder anzubauen.

Es ist geradezu selbstverständlich geworden, dass nicht unsere körpereigenen Sinne befragt werden, sondern ein Stück Technik. Es wird nicht einmal mehr darüber nachgedacht! So scheint es mir, dass der Cyborg des 21. Jahrhunderts im Grunde nur ein Kontrollsystem ist, mit dem Geld gemacht werden soll! Mehr noch! Mit Ängsten, die extra geschürt werden, wird Kasse gemacht. Zudem lassen sich verängstigte Menschen auch recht gut lenken. Sie neigen dazu, alles zu befolgen, was ein selbst ernannter Guru aus der Technikwelt ihnen einflüstert.

Da werden Daten zusammengetragen und Hypothesen aufgestellt, die Wahrheiten verbiegen und nur dazu dienen, die Rendite der Industrie zu erhöhen. Es wird vorgegaukelt, dass ein moderner Mensch eben alles im Griff haben muss und wie eine gut geölte Maschine im Netzwerk der Technik funktionieren müsse – nur dann wäre ein wirklicher Wohlstand und wahre Gesundheit möglich. Herausgekommen sind unter anderem die sogenannten Helikopter-Eltern. Sie sind es, die einen Industriezweig in den letzten Jahren zum machtvollen Erblühen gebracht haben – zum Leidwesen vieler Lehrer und Erzieher und erst recht der Kinder!

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie viel diese Industrie so an den Ängsten von Eltern verdient? Damit sind nicht nur die gewöhnlichen Ängste gemeint, die aus der Unsicherheit entspringen. Nein, es geht darum, dass systematisch neue Ängste kreiert werden, um noch ein weiteres Produkt auf den Markt werfen zu können. Ein Produkt, das im Grunde nur dazu dient, Eltern und Kind regelrecht zu entzweien.

Erinnern Sie sich noch, wie es früher war, wenn man einen anderen kennengelernt hat? Noch ganz frei von Technik, sozusagen hautnah in der Natur? Da waren vor allem unsere Sinne gefragt. Und unser Körper hat schon einen ganz tollen Computer am Netz. Er kann so viele Feinheiten erkennen, die eine Maschine nicht wirklich zu deuten vermag. Allerdings muss man diese internen und körpereigenen Programme auch nutzen, sonst verkümmern sie. Genauso wie bestimmte Hormonausschüttungen, die dazu dienen, dass wir uns mit einem anderen Menschen verbunden fühlen können. Jede Berührung, jeder Duft und Blick knüpft ein wichtiges Band. Vor allem zwischen Eltern und Kind!

Wogegen das Band von heute eher mit dem Smartphone verknüpft wird. Denn all das technische Spielzeug, welches bessere Kontrolle über den Nachwuchs garantieren soll, misst und beobachtet und sendet dies der Einfachheit halber als SMS-Info an die Eltern. Der Blick fällt anstatt auf das Kind, auf das kleine handliche Gerät, das meist in der Hosentasche mit sich geführt wird. Dazu werden noch weitere Daten gemischt, die Vergleiche anstellen und somit den Eltern suggerieren: Willst du eine gute Mama oder ein guter Papa sein, dann nutze unser Wissen, damit dein Kind sich schneller und besser entwickeln kann.

Je schneller es diese Tretmühle des Lebens betreten könne, desto größer sei später der berufliche Erfolg. Aber das Stresshormon Adrenalin blockiert mehr das Gehirn, als es nützlich ist. Es sei denn, wir wären gerade im Dschungel unterwegs und müssten vor einem Raubtier fliehen, dann wäre dieser Zustand der bestmögliche, um Überleben zu können.

Und mit diesen SMS und Zusatzinformationen via Smartphone werden nicht nur Ängste geschürt, auch die Unsicherheit bei den Eltern wächst. Mach ich denn alles richtig? Dabei sind es gerade die Leerräume innerhalb des Zeitgeschehens und gewissen Unsicherheiten, die unserem Gehirn wichtige Dinge beibringen können. Die uns anspornen, neues zu entdecken und einfach mal was auszuprobieren.

Es geht nicht darum, immer möglichst effizient zu sein und alles im Griff zu haben. Unter Druck arbeitet das Gehirn nur bedingt gut. Und warum sollte eine einzelne Person eigentlich alles im Griff haben? Und dafür sorgen, nichts zu verpassen?

Nirgends in der Natur findet sich solch ein System. Wäre auch nicht sinnvoll. Denn dann würde es so viel Energie verbrauchen, dass es im Grunde nicht lebensfähig wäre. Und unser ganzer Technikkomplex verbraucht Unmengen an Ressourcen! Unser System beweist schon seit Jahrzehnten, dass es eigentlich nicht überlebensfähig ist. Dennoch wird weitergemacht! Draußen in der Natur und in unserer Gesellschaft sinkt die Artenvielfalt.

Doch Artenvielfalt ist für das Überleben einzig relevant. Außerdem: Wer ist denn diese Technik, dass sie es sich erlauben kann, über das eigene Kind zu sagen, es sei nicht normal, nur weil es vielleicht langsamer wächst, etwas verträumter ist… und dann soll gleich dagegen gesteuert werden?

Dabei ist jedes Kind ganz verschieden, was für das eine gut ist, ist es nicht unbedingt für das andere. Wo ist nur die Zeit und Muße geblieben, die für die Entwicklung von Kindern am wichtigsten ist?

Und wer glaubt, diese technischen Hilfsmittel nicht nur den menschlichen Beziehungen schaden, der vergisst, dass es dabei noch um einiges mehr geht. Zusätzlich werden Ressourcen vergeudet, bei deren Produktion oder Land Grabbing Menschen irgendwo anders auf der Welt schwer erkranken oder gar getötet werden. Es gibt wohl Tausende, wenn nicht Hunderttausende, die die Schattenseite der technischen Geld- und Machtgier zu tragen haben!

Natürlich gibt es auch viele Bereiche, bei denen einiges dieser Technik sinnvoll und nützlich ist. Es ist ähnlich dem Stoff, der im Fingerhut zu finden ist. Eine winzige Menge stärkt das Herz und kann es heilen. Aber mehr davon ist absolut tödlich! Wie heißt der alte Apothekenspruch so schön? Die Dosis macht das Gift!

Andrea Dejon

Kategorie: Gesellschaft

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