Kilians Weg


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„Bin gleich wieder da“, rief Kilian durch den Flur, kurz bevor die Haustür hinter ihm ins Schloß fiel. Damit konnte er sicher sein, egal was seine Mutter ihm nachrufen wird, er kann es nicht hören. Weder ihre Mahnung, aber der Zug fährt doch gleich, noch kann sie Markus hinter ihm herschicken mit dem Auftrag, ihn zu bedrängen, wieder ins Haus zurückzukommen, bis sie selbst Kilian eingeholt hat, um ihn, quasi am Schlafittchen nach Hause zu schleifen, weil sie befürchtet, er könne den Zug verpassen, der ihn für eine lange Zeit von ihr trennen wird.

Diese letzten Minuten wollte sie mit ihm verbringen, obwohl alles gesagt, besprochen, Tränen zu genüge geflossen sind, Umarmungen nicht mehr aufhören wollten, und die letzten Tage durchsetzt waren mit geschäftigem Treiben des Kofferpackens, aus dem nun zwei Koffer geworden sind, zusätzlich mit seinem Rucksack und der Tragetasche, in der seine Mutter den gesamten Vormittag immer ein neues Plätzchen findet, sie mit Lebensmittel zu füllen.

Für Kilian gab es einen Platz hoch über dem See, dem er einen Besuch abstatten wollte, bevor er für Monate nicht mehr Gelegenheit dafür haben würde, das würde seine Mutter, weder sein Bruder verstehen, wahrscheinlich gehen sie davon aus, daß Kilian seine Freundin, was heißt Freundin Celeste war für ihn eher eine Kameradin, eine Schwester, und sie hatten bereits letzte Woche Adieu gesagt, sie mit Tränen in den Augen, weil sie ihn sicher vermissen würde, aber auch aus Freude über Kilians Chance, bei der Arbeitsstelle in Frankfurt die Option erhalten zu haben, seinen Meister in diesem Betrieb zu machen, so eine Chance hätte er hier nie bekommen. Wahrscheinlich werden sie bei Celeste anrufen, ihr ausrichten, Kilian möge so schnell als möglich nach Hause kommen, sonst würde er den Zug verpassen, und wenn sie keinen Rückanruf bekämen, könnte es sein, sie rufen sämtliche Freunde an, mit dem Ergebnis, alle in Unruhe zu versetzen, wo ist Kilian, er verpaßt den Zug, hoffentlich ist ihm nichts passiert, wo könnte er hingegangen sein.

Kilian schmunzelte kurz, er wußte, dies war nun wirklich nicht angebracht, aber es war das Schmunzeln über die Fähigkeit seiner Mutter, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und nicht über die Vorstellung der Sorgen, die sie durch ihre Anrufe verursachen würde. Durch Zufall hatte er letztes Jahr beim Durchstreifen des Waldes, als er kurzzeitig die Orientierung verloren hatte, den kleinen Platz entdeckt, der kurz vor einem Abhang einen Blick auf die Stelle des Sees freigab, an der Toni ums Leben kam. Gesucht hatten sie ihn, mit Ausnahme von Kleinkindern und nicht mehr rüstigen Alten war das gesamte Dorf daran beteiligt, durch Büsche sind sie gekrochen, auf Bäume geklettert, Scheunen durchforstet, Stroh gewendet, Keller durchsucht, durch Wasserrohre gewatet, im Sumpfgebiet mit Flachbooten und Stangen jeden Halm gebogen, Toni war nicht zu finden. Reporter waren vor Ort, befragten und belästigten die Dörfler, der Pfarrer und Rektor der Schule köpften sich vermeintliche Feinde Tonis vor, im Streit erschlagen, sie sollten gestehen, ihre Lügen würden sowieso irgendwann ans Licht kommen. Tonis Vater wurde verdächtigt, mit dem Verschwinden etwas zu tun zu haben, die Eltern lebten in Scheidung, er hatte vor kurzem gedroht, daß würde seine Frau noch bereuen, und obwohl er ein Alibi hatte, müßte er fast eine Woche im Gefängnis bleiben. Frau Markwart wurde hinter der Hand vorgeworfen, Toni in den Selbstmord getrieben zu haben, der Junge, er sei schließlich erst neun, wäre im Gewissenskonflikt, den sie schüren würde, weil er doch seinen Vater abgöttisch liebte und nicht verstehen könnte, daß sie die Scheidung wollte, wo doch der Vater nur am Wochenende trinken und nur ab und an alkoholisiert seine Frau schlagen würde.

Eine Woche nach seinem Verschwinden schrie eine junge Frau hysterisch im Zug, der auf der Strecke zwischen Brackhofen und Tunsdorf fuhr, die Strecke verläuft etwas oberhalb des Seeufers. „Tod, Tote“, und zog die Notbremse. Verbissen und zitternd marschierte sie in Begleitung des Schaffners und einigen Passagieren an dem schlüpfrigen Ufer entlang, das an dieser Stelle aus losen großen Steinen bestand, es hatte die Nacht über in Strömen gegossen. Tonis Pulli hatte sich im Geäst eines Busches verfangen, dessen Zweige bei hohem Wasserstand ins Wasser hineinreichten. Die junge Frau mußte von ihrem Ansinnen, ins kalte Wasser zu gehen, dessen Tiefe niemand der Umstehenden kannte, abgehalten werden. Laut den Berichten in den Zeitungen fiel sie, nachdem Rettungskräfte vor Ort eintrafen und Toni geborgen hatten, in Ohnmacht.

Kilian war ein Meister der Leichtfüßigkeit, nur er besaß die nötige Körperbeherrschung, auf der Uferbefestigung entlang zu gehen, tänzeln wäre der bessere Ausdruck. Es war im Dorf bekannt, daß er von einer ganzen Schar Kindern bewundert wurde. Längs des Ufers waren teilweise begehbare Mauern gezogen, bei einigen Teilstücken waren die bröckelnden Stellen mit losen Steinen aufgefüllt. Auf diesen losen Steinen zu balancieren, sogar wenn sie mit glitschigem Moos behaftet waren, konnte nur Kilian, ohne auch nur einmal ins Wasser abzurutschen. Laut Obduktionsbericht war Toni bewußtlos, als er ins Wasser fiel, mehrere Kopfwunden deuteten darauf hin, er ist aus größerer Höhe abgestürzt und dabei mehrmals mit dem Kopf gegen Mauersteine geprallt. Der einzige Platz, der dafür in Frage kam, war die Stelle außerhalb des Dorfes, die gleichzeitig einen Steilhang abstützte. Strömungen haben ihn von dieser Stelle etwa einen Kilometer weit abgetrieben. Es wurde von Glück gesprochen, ihn gefunden zu haben, dem vielen Wasser, das die Nacht vor seinem Auffinden in der Gegend herabregnete, dankten sie, genauso dem Wind.

Warum nur kam er auf die absurde Idee, gerade an der gefährlichsten Stelle auf den Steinen entlangzugehen? Kilian zerbrach sich lange den Kopf, war er Schuld am Tod von Toni? Sie kannten sich nur vom Sehen, in der Schule war Toni vier Klassen unter ihm. War er für Toni der große Meister, dem er nacheifern wollte, um gefeiert zu werden, um aus der Rolle des Bemitleidenden zu entfliehen? Ein Unfall, der verhindert hätte werden können, wenn Kilian nicht selbst mächtig stolz auf sein Können, seine Mauerbegehungen kein Gesprächsthema während der Pausen gewesen wäre? Kilian kannte diesen Blick zum Seeufer mit dem Busch, der bei Hochwasser seine Äste ins Wasser taucht, wie sein eigenes Gesicht, er wird diesen Blick mitnehmen, wohin er auch geht. Sehnsuchtsvoll und ermahnend in ihm erkennen zu wollen, was er nicht weiß. Wie Mutter, dachte er.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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