Eingepackt bleiben sie die Bilder


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Bei den meisten Menschen, zu denen sie sich ungern zählt, stapeln sich die Dinge für die man keinen Gebrauch momentan hat, in Kellern und Dachböden. Verstaubt, angegilbt, vergessen bleiben sie dort liegen, weil man sie aus der Erinnerung gelöscht, sie zu alt geworden sind, um sie wieder zu gebrauchen. Rost und Moder sind nicht selten die einzigen, die sich erbarmen, sich der Entledigten anzunehmen, was zur Folge hat, sie sind damit endgültig dazu verdammt, nicht mehr beachtet zu werden.

Nicht so bei Laura, in ihrem Keller steht nur das Fahrrad, das sie regelmäßig benützt, um damit längere Ausflüge zu unternehmen, ein altes Rad, das ihr zu wertvoll, um sich von ihm zu trennen, und deshalb bringt sie es einmal im Jahr zu einem Nachbar, der es ölt, die Reifen wenn nötig wechselt, es auf Vordermann und zum Glänzen bringt und ihr Gesicht zum Strahlen. Ohne weiteres könnte sie ihren Dachboden zu einer Wohnung umbauen lassen, das wären Einnahmen zusätzlich zu ihrer Rente, die Aufwendungen hierfür wären bereits in fünf Jahren wieder durch die Mietzahlungen eingenommen, lehnte sie stets ab. Ihr Dachboden blieb leer, bis auf Staub gab es dort oben nur Luft.

Es hatte sie viel Mühe gekostet, das Haus von all den unnützen Sachen zu befreien, als sie sich entschloß, zurück in das Haus ihrer Kindheit zu ziehen, nachdem die Eltern verstorben und sie gemeinsam mit ihren Geschwistern eigentlich vorhatten, das Haus zum Verkauf einem Makler zu übergeben, samt Inhalt, der nicht zum persönlichen Besitz der Eltern gehörte wie zum Beispiel Photos, Akten. Keiner konnte den Hausrat gebrauchen, alle hatten ihre eigenen vier Wände, die bestens eingerichtet waren, auch sie. Nachdem alles verkauft, verschenkt oder vernichtet worden war, zog sie in ein völlig leeres Haus.

Laura war alleinstehend, wie man so sagt, sie hatte und hat Freunde, Liebhaber, aber nie wäre sie auf die Idee gekommen zu heiraten, bis daß der Tod euch scheidet, und so lösten sich alle Partnerschaften ohne großen Seelenschmerz auf, ihr Leben schien dafür eingerichtet zu sein, nur Männer zu lieben, die wie sie nicht für, bis der Tod euch scheidet, bestimmt waren. Was nicht bedeutet, daß ihre Ex-Männer keinen Kontakt mehr zu ihr pflegten, sie ist Patentante, Tante, alte Freundin, sogar beste Freundin von Hugos Ehefrau, von Leni, mit dem sie vor über fünfzehn Jahren liiert war.

Ein so großer Freundes- und Familienkreis bringt es mit sich, zu gewissen Anlässen mit Geschenken und Nachlässen, denn mittlerweile ist Laura siebzig geworden, beschenkt zu werden. Ihr Haus füllte sich, obwohl sie großzügig viele der Geschenke weiterreichte. Um nicht das Gefühl, ich ersticke an all den Dingen, die mich umgeben, weil einige der Geschenke wertvoll waren, ohne wirklich einen Geldwert zu besitzen, einfach nur deshalb, weil das Erhaltende von jemandem stammte, den sie einst liebte, beließ sie sie in Kartons, Kisten, in dem Geschenkpapier gewickelt, als es ihr überreicht wurde. Nichts davon wanderte in den Keller oder Dachboden. Gestapelt sind sie in der Wohnung verteilt, werden ab und an vom Staub befreit wie ihre Bücher in den Regalen.

Joscha vermachte ihr einen Großteil seiner Bilder, gerade aufgrund dessen, weil er wußte, sie würde sie nicht alle auspacken, aufhängen oder weitergeben. Damals vor etwa fünf Jahren war sie völlig überfordert, als etwa hundert klein- und großformatige in Holz und Spanplatten eingewickelte Bilder bei ihr eintrafen. Wohin damit? Joscha hatte immer die Fähigkeit, sie bis zu Raserei zu reizen, sie aus der Fassung zu bringen, ohne mit der Wimper zu zucken, er mochte ihre Hilflosigkeit, in solchen Momenten verwandelst du dich in eine Meisterin der Worte und Taten.

Fünf der Pakete öffnete sie wahllos, aus der Masse herausgefischt, zwei hing sie im Wohnzimmer auf, jeweils eins schmückt nun die Küche, das Schlafzimmer, den Flur, den sie vergrößern ließ, indem zum Raum, der früher als Waschküche diente, die Wände einreißen worden waren. Ein paar dienen ihr als Möbel, soweit dies möglich war, weil sie sich nicht unbedingt von den Schränken, Tischen trennen wollte, der Rest ist verteilt im Haus. Ihr Küchentisch wurde aus drei Bildpaketen verschraubt, mit einer dicken Glasscheibe, genauso der Tisch im Wohnzimmer, drei Bilder sind nun Spiegel, einige Regale, ein kleines Schränkchen mit zwei Fächern ließ sie bauen, ihren Schreibtisch und ihr Highlight eine Schiebetür vom Wohnzimmer zum Flur, der Rest steht verteilt im gesamten Haus.

Wer auch immer auf die Idee kommt, sie zu fragen, ob es nicht schade wäre um die Bilder, die doch, Joscha sei schließlich kein unbekannter Maler gewesen, es nicht sinnvoller wäre, sie zu verkaufen, der bekam stets zur Antwort: „Warum hätte sich Joscha sonst so viel Mühe damit gemacht, sie mit Holzrahmen und Spanplatten zu verpacken, wenn er gewollt hätte, daß sie für jedermann sichtbar sind. Er wußte, bei mir sind die Bilder, was sie ansonsten nicht sein dürfen, sich selbst. Und was ihn sicherlich am meisten erfreut haben dürfte, das Wissen, irgendwann sind diese Werke wie Wundertüten, die er als Kind so sehr liebte, niemand weiß, was in ihnen steckt.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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