Antoni Gaudis verspielte Architektur


Grenzen der Statik überwinden

Sämtliche Städte, die sich sehr weit von ihrer Natur entfernt haben, brauchen Sauerstoffoasen zum besseren Atmen und um die Seele wieder baumeln zu lassen. Zwar gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht den motorisierten Verkehrslärm, wie er uns heute belastet, dennoch erkannten schon damals Kulturinteressierte die Wichtigkeit solcher Anlagen.

Kein anderer, als der Industrielle Eusebi Güell i Bacigalupi, der Graf von Güell, mit dem Antoni Gaudi schon seit langem befreundet war, hatte die Idee für einen Park, den er den katalanischen Bürgern von Barçelona gönnen wollte. Er erteilte Gaudi im Jahre 1900 den Auftrag. Nach anfänglich weitläufigen Planungen mußten Güell und Gaudi sich den restriktiven Bauverordnungen und Verwaltungsvorschriften beugen, sie stießen somit um wenig Gegenliebe des Bürgertums, welches damals viel zu beschäftigt war, im Eixample-Viertel Stadtpaläste zu errichten.

Allerdings begeisterten sich Vereine und Gruppen, um dort Treffen und Veranstaltungen im Freien abzuhalten. Insgesamt verblieben nur noch 17 ha (das sind 170.000 m²), um den Park zu gestalten. Wenn man sich den Grundriß betrachtet, sieht man unweigerlich schon die unverkennbareVerspieltheit des Jugendstils. Zunächst entstand am Parkeingang der dorische Tempel, der auch als Marktplatz bezeichnet wurde. In der bepflanzten Mittelachse der Freitreppe wurde ein mehrfarbiger Leguan erschaffen, ganz im Kachelmosaikstil, wie dieser sich im gesamten Gelände fortsetzte. Die gesamte Landschaftsgestaltung, die Antoni Gaudi liebevoll umsetzte, zeugte von seinen botanischen Kenntnissen, denn während seines Architekturstudiums belegte er als Nebenfach noch Naturwissenschaften.

Dabei hatte er das Glück, für Josep Fontseré i Mestres zu arbeiten, dessen Aufgabe es war, die Ciutadella, den ersten städtischen Park Barçelonas zu realisieren. Nun konnte aber Gaudi bei der Park-Güell-Gestaltung seine bisherigen Erfahrungen einfließen lassen, wie die Gartenentwürfe für Wohnhäuser, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt, sowie den entstandenen Jardins Artigas in Las Pobla de Lillet. Dort, wo keine Areale bebaut waren, wurden diese mit Pinien, Eichen, Johannisbrotbäumen, Palmen bepflanzt; Rosmarin, Jasmin, Thymian und Glyzinien ließ er frei wuchern.

Bei der Weggestaltung ließ er sein gesamtes, statisches Können zum Ausdruck bringen, insbesondere durch die Säulengänge, deren schräge Stützen scheinbar wegzubrechen drohten, aber dennoch ein Meisterwerk statischer Berechnung waren und bis heute auch sind. Die Parkwege haben sogar teilweise zwei Ebenen, deren Formen von grob behauenen Steinen bestimmt werden. Die Länge aller Wege des Parks beträgt immerhin 30 km. 1906 wurden der dorische Tempel und das 17 Meter höher gelegene griechische Theater vollendet. Die sich um den Platz des griechischen Theaters schlängelnde Parkbank war 1914, wie auch der gesamte Park selbst, fertiggestellt. Diese sehr lange Parkbank wurde vollständig mit Keramikscherben verkleidet, und an der Fertigstellung war maßgeblich ein Mitarbeiter Gaudis, der Architekt Josep Maria Jujol, beteiligt. Auch wurden Nischen für kleinere Gruppen als Rastplatz im sich schlängelnden Verlauf integriert. Gerade diese Bank veranlaßte Künstler wie Picasso, Miró und Braque dazu, ihre Vorwegnahme expressiver Ausdrucksform zu rühmen.

Das Tor des Parks war anfangs eine einfache Holzkonstruktion, wurde allerdings 1965 durch ein schmiedeeisernes Gitter mit den Palmenmotiven Casa Vicens ersetzt. Der Park Güell wurde mit einer 3,8 m hohen Umfassungsmauer versehen, in deren unteren Hälfte unregelmäßige, leicht konkav auslaufende Steine verarbeitet wurden, beim oberen Teil wurde eine Schicht roh behauener, spitzer Blöcke und ein keilförmiges, ca. einen Meter hohes Dach errichtet. Dieses erhielt ebenso gebrochene Keramikfliesen als Verkleidung.

Selbstverständlich ließ Gaudi auch Brunnen anlegen, die das unterirdisch herabfließende Wasser an die Oberfläche bringen sollten. Das untere Becken gleicht einem japanischen Garten en miniature. Ein katalanisches Wappen, welches in ein Medaillon eingefügt ist, schmückt den mittleren Brunnen, wobei ein geheimnisvolles Reptil hervorschaut. Den dritten Brunnen beherrscht ein wasserspuckender Leguan, ein Python, der den Wächter der unterirdischen Gewässer darstellen soll. Ein von Säulen und mächtigen Bögen getragener Bau, der immerhin 1.200 Kubikmeter Wasser faßt, dient hier als unterirdischer Speicher.

Wer einmal nach Barçelona kommen sollte, darf sich natürlich diesen Park nicht entgehen lassen. Er gehört übrigens seit 1984 neben weiteren Werken Antoni Gaudis zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kulturelles

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