Ist gegenwärtig alles widerwärtig?


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Das Gegenüber abschätzen

Möglicherweise können nicht alle Menschen es verkraften, wenn die Tage ausgeglichen, harmonisch verlaufen, weder für sie noch für andere. Schon gar nicht für andere. Nörgler, Besserwisser, Neider trifft man zu Hauf, wäre nicht weiter schlimm, schlimm an diesen Begegnungen ist der Effekt der Ansteckung ihrer schlechten Laune. Funktioniert natürlich auch beim Zusammentreffen von Menschen mit Witz, Charme und Freude, allerdings scheint diese Energieaufladung nicht so lange vorzuhalten als von den Miesmachern.

Die Lehrkräfte, die sich mittels verschiedener Techniken bemühen, Schüler auf vermeidbare Fehler aufmerksam zu machen, was tun sie, sie nerven.

Seid, das Verb, so merke dir, bezieht sich immer auf ihr.

Seit benutzt du bei Zeit. (seit = Zeit. Das t steht für Tempus oder Time.)

Das s im „das“, es bleibt allein,
passt dieses, jenes, welches rein.

Wenn „wider“ nur „dagegen“ meint
dann ist das „e“ dem „i“ stets Feind.

Wenn „wieder“ nur „noch einmal“ meint
dann sind dort „i“ und „e“ vereint.

Sie nerven, weil sie ständig die gleichen Merksätze wiederholen, mit dem Ergebnis, daß trotzdem ein Großteil der Schüler nach dem Abschluß das Gelernte nicht anwenden kann.

Ist gegenwärtig widerwärtig oder wieder wertig?

gegenwärtig, mittelhochdeutsch gegenwertec, althochdeutsch geginwertig. Synonyme sind aktuell, derzeitig, im Augenblick, zeitgenössisch, jetzt. (Duden)

widerwärtig, mittelhochdeutsch widerwertec, entgegengesetzt, feindlich; unangenehm, abstoßend, althochdeutsch widarwartīg, entgegengesetzt, feindlich, zu mittelhochdeutsch widerwert, althochdeutsch widarwert, entgegen; verkehrt. (Duden) Andere Begriffe sind abscheulich, ekelerregend, unangenehm, scheußlich, unsympathisch, grässlich.

Wer soll verstehen können, wenn gegenwärtig, jetzt, im Augenblick, gleichzeitig mit widerwärtig, ekelerregend, unsympathisch übereinstimmt oder etwa doch nicht?

-wärtig, mittelhochdeutsch -wertec, althochdeutsch -wertig, zu mittelhochdeutsch, althochdeutsch -wert, -wärts (Duden)

-wärts, mittelhochdeutsch, althochdeutsch -wertes, adverbialer Genitiv von mittelhochdeutsch, althochdeutsch -wert, eigentlich, auf etwas hin gewendet oder gerichtet, verwandt mit werden (Duden)

Wie kann –wärtig und –wärts, die beide in Bildungen mit Substantiven ausdrücken, daß es sich um eine bestimmte Richtung handelt, etwas mit –wertig und wert zu tun haben?

wertig. Andere Wörter sind hochwertig, neuwertig, vielwertig (Duden)

wert, mittelhochdeutsch wert, althochdeutsch werd, vielleicht eigentlich, gegen etwas gewendet, dann: einen Gegenwert habend (Duden) Andere Ausdrücke sind, geehrt, geliebt, unentbehrliche, kostbar.

Am einfachsten ist die Erklärung, wenn man die Sprachentwicklung des Wortes „wert“ verinnerlicht. Zuerst wurde es angewandt als Begriff für „gegen etwas gewendet“. Kann bedeuten, ich habe mich gegen etwas zugewendet, meinem Gegenüber zugewendet, meinem Gegenüber abgewendet. Die spätere Aussage „einen Gegenwert habend“ deutet darauf hin, für mein Gegenüber habe ich einen Gegenwert, der mich auf dieselbe Stufe stellt, oder für mein Gegenüber habe ich die gleiche Wertstellung.

Klingt verwirrender, als es ist. Bei jedem Zusammentreffen zweier Wesen, unerheblich ob Mensch, Mensch, oder Mensch, Tier folgt in Sekundenschnelle die Abschätzung, der Wert des Gegenübers. Einteilungen in Bezug auf Stärke, Wissen, Reichtum, Ängste, Gemeinsamkeiten, etc. sind notwendige Werte, um sicherzugehen, ob Gefahr in Verzug oder nicht. Gegenwärtig, jetzt wird entschieden, widerwärtig, entgegengesetzt, feindlich oder nicht.

Vergleichbar mit dem Blick in den Spiegel, der vor allen Dingen morgens manche Menschen das Fürchten vor sich selber lehrt. Im Nachhinein werden diese Menschen sich über sich selbst und ihre Reaktion lustig machen oder sie werden dies zum Anlaß nehmen, sich selbst als häßlich zu empfinden. Die Wertigkeit, die in der Nachschau verbleibt, ergibt das Urteil über die vergangene Gegenwart.

Es ist für manche Zeitgenossen einfacher, im Rückblick, den Schrecken vom morgendlichen Spiegelbild zu verharmlosen, weil es bereits der Vergangenheit angehört. Genauso verhält es sich mit Erinnerungen an früher, auch hier werden die damaligen Schrecken verharmlost, weil man sie überwunden hat oder glaubt, sie überwunden zu haben. Die damalige Gegenwart wird deshalb gerne glorifiziert.

Gegenwärtig ist nicht alles widerwärtig, nur weil einiges verkehrt läuft, was nach persönlicher Ansicht anders sein könnte, einiges fremd und feindlich erscheint, da man Geschehnisse nicht einordnen kann, nicht kennt.

Das Leben im Jetzt ist der Wert schlechthin. Die ständigen Wertbemessungen, welche Richtungsweisungen die richtigen oder falschen sind, sind diejenigen, die nerven, sind dafür verantwortlich, ob man sich wohl fühlt oder nicht. Wer aber weiß, daß er wert, sich seinem Gegenüber zuwendet, denselben Gegenwert hat, der kann nicht nur gegenwärtig, den Widerwärtigen den Wind aus den Segeln nehmen, mit dem sie versuchen entgegengesetzt zu allen Werten, die Richtung zu bestimmen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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