Es dirndelt mal wieder


Wenn Prüderei Ausgang hat

Um es vorweg zu sagen, das Dirndl ist in erster Linie das Mädchen. Das Mädel, die Dirn, das Meitli, und das Mägdelein wird in zweiter Linie zur Dirne, Freudenmädchen, Stichmädchen, Callgirl, Prostituierte, käufliches Mädchen, Liebesdienerin. Eh ich es vergesse, Dirndl ist auch die Kurzform von Dirndlkleid. Jungfrauenkleid, Magdkleid, Gunstgewerblerinnenkleid, Bordsteinschwalbenkleid.

Und wär zeitgemäß gelten will, der marschiert oder tändelt über die herannahenden Volksfeste in Stiefeletten oder hochhackigen Schühchen. Mal eben für ein paar Stunden, Veranstaltung für die Bekleidung, je nach finanziellem und dementsprechend sozialem Stand wird potentiell in den Geldbeutel gegriffen und 40 € oder nach oben offenen Anschaffungspreis ausgegeben. Wobei der Anschaffungspreis nicht unbedingt eine Wertanlage für mehrmaliges Tragen bestimmt. Bei den höher gestellten Flaniererinnen ist es eine Selbstverständlichkeit, niemals das Kleid zweimal beim Schaulaufen vor Publikum zu zeigen. Schließlich hat man es nicht nötig, das Material, das für das Schneidern benötigt wurde, wirklich auszutragen.

Im Gegensatz zur vorigen Generationen (in Teilen nur Halbwahrheit, denn es war in den besten Kreisen ebenso verpönt, die Kleidung für besondere Anlässe mehrmals anzuziehen) war das Dirndl ein Trachtenkleid, das gehegt und gepflegt wurde, eben für besondere Feierlichkeiten. Wer hat’s erfunden, um damit eine gewisse Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klientel zu verdeutlichen?

Zirka seit Mitte des 19. Jahrhunderts gilt diese geschneiderte Form eines Kleides als Tracht, vornehmlich im bayerischen, österreichischen Gebieten. Angelehnt an die höfische Kleiderordnung des 18. Jahrhunderts, enganliegende Taille, großer Ausschnitt, weiter Rock. Die Crème de la Crème der damaligen Zeit wollte seit etwa Ende des 18.Jahrhunderts sich in einer Art Rückbesinnung vom anstrengenden höfischen Leben im ländlichen Raum von der beengenden Etikette befreien. Angeregt durch das Motto „Zurück zur Natur“ von Jean-Jacques Rousseau, (Abkehr von der Scheinhaftigkeit und Vordergründigkeit), suchte man sein Heil in der einfachen Natürlichkeit. Im städtischen Raum wurde das fesche Kleid schnell für die obere Gesellschaft der Inbegriff von unverdorbenen, reinen Lebensart der Landbevölkerung. (entnommen Wikipedia)

Quasi kann man hier von einem Versuch sprechen, mittels Kleidung seine Lebenseinstellung, Charakter in aller Öffentlichkeit kundzutun. Damit ein jeder weiß, daß ich nicht zu den, ja, was denn nun?

Mit kostbaren Stoffen und aufwendigen Nähkünsten sich in der Gesellschaft zeigen und behaupten, unbescholten zu sein, frei von Ansprüchen jeglicher Art, sich dadurch mit der schwer arbeitenden Bevölkerung auf eine Ebene stellen?

Trachtet hier eine Gesellschaft nach Ansehen, der sie nicht gerecht werden kann, weil sie nicht nur nach Äußerlichkeiten den Nächsten bemißt, sondern des weiteren sich mit Federn der Unschuld schmückt, indem sie die Bekleidung nach jungen Mädchen benennt?

Die Sexualisierung junger Frauen, die stattgefunden hat, indem man aus dem Wort „dierne“, althochdeutsch „thiorna“, Mädchen, Magd, Jungfrau, die Bezeichnung Dirne für Hure abgeleitet hat, verdeutlicht die moralische Scheinheiligkeit allzu gut. Bis heute wird diese „gepflegt“ und wieder gefördert, erschreckenderweise sogar auch von Personen, denen man zugetraut hat, immun gegen diese Art Heuchelei zu sein.

Photos in Lederhosen, Wams, Dirndl, Schürze pflastern sämtliche Zeitschriften, Onlinemedien zu. Aber wehe, Frau zeigt sich beim Stillen in der Öffentlichkeit, gibt es einen Aufschrei, die Sitte ist in Gefahr. Vielleicht wird es Zeit, diese Art der Natürlichkeit als Tracht zu deklarieren. Ach, ich vergaß, stillende Frauen sind ja keine Jungfrauen mehr, aus Dirndl wurde Dirne.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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