Ansteckung durch Wortschleudermenschen


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Grundsätzlich lausche ich nicht. Ich verabscheue es, meine Gedanken- und Gefühlswelt mit anderer Leute Problemen, Ansichten, sogar mit deren Freuden vermischen zu lassen. Es gibt da so eine Spezies, die es direkt darauf anlegt, scheinbar unbeabsichtigt, jeden erreichbaren Menschen mit ihren Gesprächen zu umspülen. Das Wort Redeschwall ist noch eine harmlose Variante dieser Sturmflut aus wissen, ahnen, verstehen, nachempfinden, das in einer Unaufhörlichkeit durch Gehörgänge sich quetscht, in der Absicht einer Infiltration, besser einer feindlichen Übernahme, all jene Naivlinge erreichen soll, um in deren Kopf Zwietracht, Zweifel, Narreteien, Spinnereien zu entfachen.

Mit mir nicht, ich bin geimpft gegen diese unlauteren Zwangsverbrüderlichungen. Und natürlich Verschwesterlichungen. Obwohl, daß muß zugegeben werden, Männer sind weniger penetrant als Frauen in dieser Hinsicht. Dagegen sind Frauen ehrlicher, lauter, direkter, offener halt, mit weniger Hemmungen, wenn sie etwas weitervermitteln wollen, tun sie es einfach. Männer agieren versteckter, nicht hinterhältig, eher verschämt, zierlich, mit weniger Traute, außer sie sind in einer Gruppe. Möglicherweise rührt das aus Zeiten, als sie gemeinsam jagten.

Auf mich macht dieses Jagdgetue keinen Eindruck mehr, ich ignoriere diese Trophäenjäger und Jägerinnen, selbst wenn ich neben ihnen stehe. Dazu brauche ich keine Ohrstöpsel durch die Musik, oder das Gequatsche von einem Radiosender dringt. Ich stolziere ganz relaxt in meinen Gedankengarten, grabe bisweilen ein wenig, zupfe dort ein Wortkraut, gieße in aller Seelenruhe meine Satzpflänzchen und siehe da, ich erinnere mich an Geschichten, Situationen, die ich selbst gesät und gesetzt habe. Zugegeben, manchmal gelange ich auf diese Weise auch in den Keller, weil ich dort Blumentöpfe lagere, die im Gartenhaus keinen Platz oder den Winter draußen nicht überstehen würden, nicht alle sind winterfest und müssen deshalb vor Frost geschützt werden, dort befindet sich eine Sammlung von Ungehörlichkeiten, die sich bei eingenistet hatten, um größeren Schaden von mir fernzuhalten, fristen sie hier in Gläsern, Kartons ihr jämmerliches Dasein.

Öffentliche Verkehrsmittel sind regelrecht Minengebiete, sehr gefährlich, dort werden Textbomben nur so durch die Luft geschleudert oder gefischt, allerdings schon lange nicht mehr mit Netzen, seit es Smartphones gibt, plündern sie unverhohlen mit Dynamit nach Zuhörern. Zugedröhnt wird man, regelrecht eingekesselt. Dazu kommt die Abart der Mitfahrenden, die aufgeschnappten Sätze für ihre Zwecke zu benützen und sie echohaft von der hintersten Sitzreihe bis ganz vorne zum Fahrer, die gottlob darin ebenso geschult zu sein scheinen wie ich, diese Angriffe auf ihr Denken abwehren zu können. Deshalb zwinkere ich ihnen mit meinem schönsten Lächeln stets zu und ernte oftmals ein verschwörerisches Grinsen, eine Tarnung, ein Code, die nur wir verstehen, die wir diese aufdringlichen Worte nicht in unsere Gedanken fluten lassen.

Apropos lesen, ein zuweilen nützliches Instrument, kann aber den Effekt auslösen, die tatsächlichen Inhalte des Romans mit den Geschichtserzählungen der Wortschleudermenschen ineinander zu verweben.

Wegen einem einzigen infizierten Gedanken durchforste ich Bibliotheken und meine Grabungsfelder, ja, ich habe sogar Brunnenschächte ausgehoben, die gesamten Inhalte meiner Sammlungen auf den Kellerregalen durchstöbert, in der Hoffnung endlich in Erfahrung zu bringen, warum Gregor, da bin ich mir sicher, er hieß Gregor, warum Gregor seit seiner Kindheit sich weigerte, sich richtig, so wie wir alle, auf einen Stuhl zu setzen. Ich weiß, daß er sogar für die Schule von einem Professor der Psychologie ein Attest ausgestellt bekam, auf seinem Stuhl sich so zu setzen, wie es ihm möglich war, ohne in Panik zu geraten. Stets saß Gregor bei allen Sitzmöbeln, die hinten eine Lehne hatten, andersrum. Die Lehne diente ihm als Stütze für seine Arme, niemals durfte die Lehne hinter seinem Rücken sein. Breitbeinig saß er so, selbst in Restaurants, denn er führte das Attest mit sich, den der Herr Professor bereitwillig, Jahr um Jahr ausstellte.

Obwohl der Grund für das Attest hauptsächlich für den Herrn Professor darin bestand, dem Direktor der Schule, den er einst als Lehrer in Deutsch hatte, eins auszuwischen, durch seine Position entgegen der Schulregeln zu handeln und die Schule damit in die Knie zu zwingen, war ihm ein tieferes Bedürfnis, als Gregor in seinem Spleen zu unterstützen. So verwies er eindringlich darauf hin, Gregors Verhalten sei für seine Entwicklung von äußerster Wichtigkeit. In Wirklichkeit lag nach des Professors Ansicht keine Begründung vor, und er vermutete eine vorkindliche Trotzreaktion, die sich Gregor zunutze machte, um seinen Willen durchzusetzen.

Ich brauche nicht zu erwähnen, daß Gregor für gewisse Veranstaltungen seinen eigens für ihn hergestellten Vornelehnenstuhl, klappbar, mit sich führte, im Fußballstadion genauso wie bei Zugfahrten. Das Ganze geht mich eigentlich einen feuchten Kehricht an, denn ich kenne Gregor nicht. Wäre ich nicht vor etwa einem Jahr unfreiwillig, wie immer bei diesen Wortbombardements in der Straßenbahn vor einer Gruppe gesessen, als ich ein Kurzgeschichtenbuch in dem auch Erzählungen über Heirat und Hochzeiten vorkamen, die sich ständig Anekdoten hin- und herschmissen, in denen Gregors Vornelehnenstuhl und seine Sitzhaltung im Mittelpunkt standen. Genau in dem Moment als eine der Personen über Gregors Hochzeit zu erzählen begann, verließen sie unter Lachsalven die Bahn.

Weiter nicht schlimm, hätte ich das Buch noch, aber ich habe es wahrscheinlich verlegt, ausgeliehen, verloren, kann mich an den Titel nicht mehr erinnern und bezweifle zuweilen, daß es das Buch gibt, und ich mir eine Infektion damals eingefangen habe, die jetzt durch ein Stichpunktwort vor ein paar Tagen in der Straßenbahn jetzt erst richtig ausbricht.

Gerade hatte ich einen Sitzplatz ergattert, als vor mir zwei junge Damen kichernd aufstanden, ich den Satz vernahm: „Und seither hockt sie nur noch auf einem Hocker wie Gregor, sogar auf ihrer Hochzeit.“

Ehe ich meine Gedankenmaschinerie zum Sortieren des Satzes eingestellt, waren diese Geschichtenwerfer aus der Bahn gestiegen, seither wurmt es mich schrecklich, diese Ungewißheit. Gibt es Gregor, seinen Stuhl wirklich, hat er geheiratet und seine Frau saß wie er auf einem Vornelehnenstuhl, oder ist alles nur ein Hirngespinst, eine Mischung aus Realität und diesem verdammten Buch, in das ich mich flüchten wollte, um mich vor diesen Erzählschleudern zu retten?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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