Erste Hauptprobe zu „Deutschland – ade!“


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Einen Siegfried Ehrmann aufzuführen, bedeutete für das Stadttheater dieser eher provinziell angehauchten Großstadt eine gewisse Herausforderung, wenn man bedenkt, wie dicht die reale Politik in einem unübersehbaren Konflikt zur absurd-kritischen Politsatire dieses Alt-68ers geriet, was auch in der ersten Hauptprobe zweifelsfrei sämtliche Beteiligte eingestehen mußten.

Nachdem Jahre zuvor schon ein gewisser Till Scharazinn mit seinem Buch „Deutschland schafft an“ viele Politiker in die gefährliche Nähe des Rotlichtmilieus gerückt hatte, fühlte sich Ehrmann berufen, deutschen Bühnen eine entsprechende Antwort mit diesem Stück zu liefern.

Keinem geringeren als Herbert Polaczek bot man die Gelegenheit, als Regisseur das gewisse Etwas dem Ensemble einzuhauchen, damit der Bühnenraum mit Spannung und Leben gefüllt das erwartungsvolle Publikum begeistern sollte. Und nunmehr tauchte das Saallicht den Zuschauerraum ins bekannte Dunkel, während nahezu geräuschlos der schwarze Samtvorhang sich öffnete, mit Blick auf die Bühne die karge Szene sich präsentierte: im Hintergrund auf Operafolie projiziert das Reichtagsgebäude, der Sitz des Deutschen Bundestages. Auf schwarzem Tanzteppich zur Linken angeordnete Stuhlreihen, zur Rechten ein Rednerpult, selbst der phantasieloseste Zuschauer sollte erkennen, daß die Szenerie den Bundestag darstellte.

Im Halbdunkel der ansonsten leeren Bühne, was einen geheimnisvollen Schattenwurf der schwarzen Stühle hervorrief, erklang gleich zu Beginn mit Vorhangöffnung „Ghetto Defendant“ von der Punk-Band The Clash, ein deutlicher Hinweis, daß Politik sich nicht bequem zurücklehnen möge angesichts sozialer Brennpunkte in vielen Städten. „Soap floods oil in water, all churn in the wake, on the great ship of progress”, sang Joe Strummer, als bereits die ersten Akteure sehr forsch und gezielt ihre Plätze aufsuchten. Mit Schlußakkord erschallte im ähnlich schrecklichen Tonfall wie auf Bahnhöfen üblich: „Ich erteile jetzt das Wort der Bundestagsabgeordneten Gudrun Endsinn zum Tagesordnungspunkt 4113 des Themas: Es geht auch ohne Sozialstaat.“

Die Vermeintliche erhob sich und begab sich zum Rednerpult, begleitet von verhaltenem Applaus ihrer Abgeordneten, zwei klatschten, der große Rest der anderen Parteien tuschelte untereinander, spielte mit dem Handy, las Zeitung. Doch bevor Kollegin Gudrun beginnen konnte, stürzte eine Gruppe von vier jungen Demonstranten ins Geschehen, ein riesiges entrolltes Banner aufrecht nach oben haltend, hin- und herdrehend, damit alle, so auch die Fernsehkameras, es sehen konnten. Auf ihm unübersehbar die Worte „Deutschland – ade“ zu lesen. Acht Ordnungskräfte zerrten nach kurzer Rangelei die Störenfriede ins Off. Frau Endsinn konnte nunmehr ungestört ihre Rede halten.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bitte diese kurze Störung keineswegs zu verzeihen, wenn ich könnte, wie ich wollte, wäre ich dabei.“ Weiter kam sie nicht, weil die Abgeordneten ihr sofort ins Wort fielen, was ihr denn einfallen würde, solche Unruhestifter hätten doch die Möglichkeit, im Rahmen demokratischer Mittel sich zu beschweren, wo kämen wir denn dahin, wenn jeder einfach die Ordnung stören würde. Erst die krächzende Lautsprecherstimme, wohl in der Rolle des Bundestagspräsidenten, setzte den Wortprotesten ein Ende, so daß die Abgeordnete der Linken fortfahren konnte.

„Wir sind hier versammelt, weil es doch tatsächlich in Ihren Reihen die tiefe Überzeugung gibt, man könne jetzt den Sozialstaat endgültig abschaffen. Nachdem wir bereits im Jahre zwei der Agenda 2020 eine erhebliche Anzahl von Sozialtoten zu beklagen haben, in einigen Statistiken ist von über 12 Tausend im Lande die Rede, sitzen Sie hier völlig selbstgefällig auf Ihren Plätzen, während da draußen ein Überlebenskampf tobt!“

„Halt, stop, ihr Lieben, so geht das nicht“, unterbrach Herbert Polaczek plötzlich die erste Hauptprobe. Man sah manchen Schauspielern an, daß sie nicht gerade begeistert waren, erneut schon wieder so früh unterbrochen zu werden. Die Lichttechnik fügte das Arbeitslicht hinzu, aus dem Off traten sowohl die Demonstranten hervor als auch jene, die auf ihren baldigen Auftritt gewartet hatten. Eine gewisse Nervosität erfüllte die Bühnenluft, während die bekanntlich cholerische Regiegröße auf ihr Durchsetzungsrecht pochte, was jetzt so kurz vor zweiter Haupt- und Generalprobe man nicht gerade als förderliche Geste interpretieren durfte. Aber das gehörte halt zum Theateralltag dazu, dem sich mehr oder weniger alle unterordneten.

„Wie oft denn noch? Ihr solltet bei der Protestrangelei nicht gestelzt wirken, sonst glauben Euch die Zuschauer das nicht, okay? Und du, liebe Pia, wenn du ans Rednerpult trittst, einfach mal kurz innehalten und nicht gleich losreden!“, forderte er ein und bat um Wiederholung von Beginn an.

An dieser Stelle möchten wir ebenso das Geschehen unterbrechen und einfach vorgreifen. Selbstverständlich verlief die erste Hauptprobe entsprechend lang, so an die vier Stunden, die zweite dagegen nahtlos ohne Unterbrechung. Sowohl die Generalprobe als auch die Premiere im ausverkauften Haus waren ein voller Erfolg. Die Medien überstürzten sich nahezu angesichts der dramatisch frappanten Parallele zur Wirklichkeit.

Als der Urheber und Autor der Politsatire sie verfaßt hatte, boten sich Deutschland noch Möglichkeiten, wenn auch sichtlich in Kritik geraten durch die größte sozialrassistische Gesetzgebung, mit der Agenda 2010 zurückzurudern und die Menschen wieder mitzunehmen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Aber danach fühlten sich neoliberale Kräfte aufgerufen, jetzt erst recht ihren menschenverachtenden Kurs fortzusetzen. Jeder, der noch nicht gänzlich sein Rückgrat verloren hatte, ergriff die Initiative, wenigstens sich zu Wort zu melden. Ob dieses Theaterstück einen europäischen Flächenbrand, vielleicht vielerorts aufgeführt, zu verhindern vermag, bleibt mal dahingestellt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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