Anstand durchaus mit fragwürdigem Hintergrund


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Weg vom anrüchigem Geschmäckle?

Wer im süddeutschen Raum aufgewachsen ist, wird sicher bei dem einen oder anderen Begriff, den er in seine Sätze mit einbezieht, vom Gegenüber mit einem Schmunzeln oder Kopfschütteln bedacht. Natürlich ist so ein „Begriffswirrwarr“ auch zwischen Personen, die im Norden, Osten oder Westen aufgewachsen sind, nicht vermeidbar, wenn sie Ausdrücke, Wörter benützen, die in anderen Landstrichen so nicht im Gebrauch oder bekannt sind.

Sicher denkt jeder, das Wort Anstand ist überall gleich in der Bedeutung – und doch ist so ein „einfaches Wort“, dessen Herkunft vermeintlich auch ganz easy zu erklären ist, nicht so simpel zu dem gestrickt worden, wie man es heutzutage benützt.

Anstand, so wie es allgemein gedeutet und als Ausdruck angewendet wird, steht für gutes Benehmen, Geschmack, Sitte. Bezeugt demnach charakterliche Eigenschaften, die wohlwollend von der Gesellschaft zur Kenntnis genommen werden.

Erzählt ihnen nun der Arbeitskollege, daß die Nachbarn keinen Anstand genommen haben an dem Krach, den die Kinder bei dem Kindergeburtstag veranstaltet haben, so bedeutet es nicht, daß diese Nachbarn keinen Anstand, kein gutes Benehmen besitzen, sondern sie sich nicht über den Lärm beschwert haben, und sie können sicher sein, ihr Gegenüber stammt aus dem süddeutschen Raum oder hat längere Zeit dort gelebt.

Das Wort hat sich aus dem Jagdwesen in die alltägliche Sprache entwickelt. Anstand, mittelhochdeutsch anstand, von an(e)stān, Waffenstillstand, Aufschub, zum Stehen kommen, sich gehören (Duden) Es bezog sich auf das Warten des Jägers an einem günstigen Ort bis ihm das Wild quasi vor die Füße läuft. Heute sitzen Jäger allgemein bequem auf ihren Hochsitzen und verweilen dort, bis ihnen das vor die Flinte läuft, das ihr Begehr.

Zu dieser Bedeutung kam im übertragenen Sinne dazu, der Aufschub eines Geschäftes, dasjenige was einen „Anstand“ in der letztgenannten Bedeutung verursacht, nämlich Zweifel oder Bedenken. Aus den beiden letztgenannten Bedeutungen haben sich im Deutschen bis heute die Wörter beanstanden und anstandslos erhalten.

Im 18. Jahrhundert entstand unabhängig von der Vorbedeutung das Verb „anstehen“. Es bedeutete „(jemandem) zu Gesichte stehen“ bzw. „gemäß sein“, und zwar im Hinblick auf Kleidungsstücke und Handlungen. Der Ausdruck „anständig“ bezeichnet bei Adelung noch in erster Linie eine Kongruenz, Übereinstimmung („Das ist einer fürstlichen Person anständig“), und erst in zweiter Linie, im weiter übertragenen Sinne ein Werturteil („Er weiß von einer jeden Sache sehr geschickt und anständig zu urtheilen. Eine anständige Kleidung“).

Die Gebrüder Grimm haben im 19. Jahrhundert beobachtet, wie die noch bei Adelung beschriebenen rein deskriptiven, nicht wertenden Bedeutungen selten und zunehmend durch eine neue Bedeutung von gutem Anstand (guter Kleidung und Wohlverhalten) ersetzt wurden. – Der Redewendung „anständiges Mädchen“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts insbesondere im Jargon der Stellenanzeigen für Dienstboten verbreitet und bezeichnete dort idiomatisch eine unverheiratete Frau mit gutem Charakter und sittlich untadeligem Verhalten. Etwa in den 1870er Jahren begann die Wendung ironischen Zitatcharakter anzunehmen, bis sie im frühen 20. Jahrhundert vollends zum geflügelten Wort wurde und nun fast immer für eine junge Frau stand, die sich auf voreheliche sexuelle Beziehungen nicht einlässt. Parallel entstand im späten 19. Jahrhundert die idiomatische Wendung der „anständigen Frau“, die keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr hat. Unter einem „anständigen Kerl“ dagegen versteht man seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert jemanden, der sich gegenüber seinesgleichen oder gegenüber Personen, die von ihm abhängig sind, fair oder sogar großmütig verhält und nicht nur nach Vorschrift oder auf den eigenen Vorteil hin handelt.

Seit dem 20. Jahrhunderts bildete sich die Begrifflichkeit, die wir mit Anstand in Verbindung bringen, nämlich: „Anstand (lat. Decorum), die Wahrung solcher Formen des äußern Verhaltens, die der Würde der sittlichen Persönlichkeit im Menschen entsprechen oder für derselben entsprechend gehalten werden. Die Verletzung dieser Würde, sei es in der eignen Person (durch mangelhaftes Beherrschen der rein tierischen Naturäußerungen), sei es in andern, macht die Unanständigkeit aus. Da der A. sich nur auf die Form der Handlungen bezieht, so ist er von der Sittlichkeit, welche die Gesinnung betrifft, wohl zu unterscheiden, doch kann die Ausbildung desselben in der Erziehung und in der Entwickelung der Völker als eine Vorstufe und Vorbereitung der Sittlichkeit gelten.“– Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 1. Leipzig 1905, S. 561

Erstaunlich an dieser Entwicklung scheint zu sein, daß ein Verharren an einem Platz, um auf einen günstigen Moment abzuwarten, damit die Jagd zum Erfolg wird, denn das Stillhalten bewirkt, das das Wild nicht bemerkt, es läuft in eine Falle, in unserem jetzigen Sprachgebrauch als charakterlich positiv gewertet wird. Ist demnach der heutige Anstand immer noch eine Täuschung des Gegenübers? Eine Bezeichnung für vorgegebenes Wohlwollen, in Wirklichkeit aber die hinterhältige Art und Weise, jemanden hinters Licht zu führen?

Wäre es nicht ehrlicher, den Begriff vielmehr dem süddeutschen (veralteten) „Anstand“, für Ärger im Sinne von Anstoß, Einwand, Aufschub, eine neue Bewertung zu kommen zu lassen? Wäre damit die Anständigkeit von seinem bisweilen anrüchigen „Geschmäckle“ befreit? Oder ist bei beiden Erklärungen, Ärger, Schwierigkeit und charakterlich einwandfrei, ein Zusammenhang zu erkennen, der beide Bedeutungen eint?

Die Situationen bei einem Waffenstillstand, Aufschub, zum Stehen kommen, sind im Großen und Ganzen oft begleitet von Zweifeln und Bedenken. Wie oben beschrieben, sind die beiden Wörter „beanstanden“ und „anstandslos“ aus den ersten kognitiven Begriffswahrnehmungen bis heute in unserem Sprachgebrauch üblich. Beanstanden, etwas anzweifeln, nörgeln, anstandslos, ohne Probleme, alles gut.

Ist der Anstand demnach prädestiniert, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? Einerseits die Bemühungen um Frieden, anderseits das Hinterfragen seines Handelns, dies wäre somit vergleichbar mit diplomatischen Verhandlungen und einer Entspannung in einer kritischen Situation.

Dann wären wir gefragt, keinen Anstand (Anstoß) an den Nörglern, Unzufriedenen, die laut durch die Straßen ziehen und Angst verbreiten, zu nehmen, sondern den Anstand zu besitzen, ständig zu hinterfragen, wie die allgemeine Situation innerhalb einer Gesellschaft verbessert werden kann.

Die in kursiv geschriebenen Texte sind aus „Wikipedia“ entnommen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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