Ab jetzt nur noch im Morgenmantel


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Ihr ging es nie darum, in irgendeiner Form auffällig extravagant aufzutreten, weder kleidungsmäßig, noch in ihren künstlerischen Arbeiten, sie empfand ihr Handeln stets salopp, kratzbürstig, kokettierend laut Emanuel träfe es besser. Als sie in den Morgenstunden beobachtete, wie ein Reh über den Gartenzaun sprang, sich umdrehte und wieder zurückhüpfte, konnte sie nicht einordnen, ob dies nun in Realität geschah oder sie nur eine Traumsequenz aufschnappte, denn die Szene wollte so überhaupt nicht in ihre Traummuster passen, sie stierte in einen Raum voller emotionaler Empfindlichkeiten, die es nicht erlaubten, konkrete Figuren und Gegenstände zu bilden, noch ihr eine Erklärung zu liefern, warum dieses springende Reh trotz ihres Wissens zu träumen, tatsächlich kurz in ihrem Garten von ihr gesehen wurde. Aus den tiefen eines Gewässers auftauchend, saß sie in ihrem Bett und blickte in von Nebelschwaden getrübtes Licht, das es unmöglich machte, die Bäume und Sträucher klar umrissen zu erkennen. Bevor sie anfing, sich den Gedanken hinzugeben, du wirst alt, bist verrückt geworden, schalt sie sich, wage es nicht, so etwas bloß ansatzweise zu denken, schließlich ist nicht jede Logik verständlich und nicht jede Wahrheit frei von subjektiver Wahrnehmung.

Natürlich bombardierte sie Emanuel, sobald dieser die ersten Anzeichen von sich gab, aufgewacht zu sein, mit den verschiedensten Eventualitäten, die das morgendliche Erlebnis zu bedeuten, aussagen, zu erklären, zu verstehen wäre, mit kleinen Worteinwürfen versuchte Emanuel, sich in diesem Gewirr aus empfundenen Tatsachen, hineininterpretierten Vorstellungen zu befreien, obwohl er wußte, aus dieser Flut von sich selbst beantworteten Fragen kommt er so schnell nicht an ein rettendes Ufer.

„Stell dir vor, wie eine Gazelle sprang das Reh mehr oder weniger aus dem Stand über diese fast zwei Meter hohen Elemente. Es hätte sich sämtliche Knochen brechen müssen. Selbst ein Elch kann nicht so hoch springen, oder? Ach was, es war doch eindeutig ein Reh, kein ganz so junges, ein älteres Reh, ich weiß doch, wie ein Reh aussieht.“

„Es hätte Flügel haben müssen, um diese Höhe zu überwinden, aber in Träumen stolzieren selbst Elefanten grazil über hohe Türme“, versuchte Emanuel den Wind aus den Segeln zu nehmen, die sie durch bestätigende analytisch unterlegte Behauptungen aufblähte, damit ihr morgendliches Erlebnis ein wirklich stattgefundenes Ereignis in ihrem Kopf und in Emanuels Kopf heimisch werden sollte.

„Wenn es kein Reh gewesen ist, und ich sowieso nichts hätte sehen können, weil der verdammte Dunst, der morgens vom Wald her über die Gärten schleicht, jede Sicht vernebelt, welchen Zweck hätte so ein Traum, es ergibt nur einen Sinn, ich habe das Reh gesehen, bevor der Morgennebel aufzog und war davon so irritiert, daß ich beim verzweifelten Versuch, meine Augen auf Wachzustand zu regeln, du weißt, ich bin nach dem Aufwachen eher träge als froh und munter, diese dem Morgen ebenso bekömmliche diesige, vernebelte Eigenschaft zuzurechnen ist, daß wir beide in einem Dämmerzustand zurückversunken sind, weil wir nicht fassen konnten, was wir gesehen haben, er hat natürlich etwas anderes gesehen, der Morgen meine ich, stell dir vor, wir beide hätten uns über ein springendes Reh in unserem Garten gewundert, das wäre ein Traum, oder? Jetzt wollen wir frühstücken, Liebling, du siehst schrecklich mitgenommen aus, hast du nicht gut geschlafen?“

Wie zu erwarten ließ sie Emanuel keine Zeit, sich in seinen Tag einzufühlen, das springende Reh über den zwei Meter hohen Zaun, der ist doch zwei Meter hoch, war das Gesprächsthema des Vormittags, unterbrochen nur von Toilettengängen, zwei Anrufern, die abgewimmelt wurden, sie seien auf dem Sprung zum Einkaufen und anschließendem Arzttermin, nein, du mußt dir keine Sorgen machen, nur die jährliche Augenuntersuchung, dieser Termin wurde bereits vor einem halben Jahr festgesetzt, wir melden uns, wenn wir zurück sind, sagte sie bestimmend ins Telefon, wissend, sie würde nicht zurückrufen, weil Emanuel und sie so einiges heute zu klären hätten, womit sie ihn einbezog in ihre Überlegungen, damit er ihre Gedankengänge mit ihr gemeinsam durchforsten konnte, um nicht später behaupten zu können, er hätte von nichts eine Ahnung, diese Option seinerseits wollte sie von Anfang an ausschließen, denn ihr schwante dieser Morgen trug zu einer Veränderung ihres Lebens bei.

„Weißt du, mir ist es jetzt unverständlich, warum ich so ziemlich die meiste Zeit meines Lebens kein Frühaufsteher bin“, begann sie am Mittagstisch das Gespräch fortzuführen, weil Emanuel sich unter dem Hinweis für Charlotte das Rad fertig zu reparieren, in seine in der Garage eingerichtete Werkstatt flüchtete, aus der sie ihn herausholte, es hat an der Tür geklingelt, gehst du bitte öffnen, aber du siehst doch, ich trage immer noch den Morgenmantel, und er vermeinte, sie bei dieser Aufforderung grinsend gesehen zu haben, und er vermied es, sie darauf hinzuweisen, das hat dir doch sonst nie etwas ausgemacht, da er befürchtete, dafür von ihr den Rest des Tages mit finsteren Blicken abgestraft zu werden.

„Was ist daran auszusetzen, kein Frühaussteher zu sein, zumal du bis in die Puppen wach bleibst, weil du dein Tageshoch erst im Dunkel entfalten kannst, schon vergessen?“, versuchte Emanuel ihre bisherige Lebensweise zu verteidigen, ahnend oder besser wissend, sie führt etwas im Schilde, wenn sie beginnt, ihre geliebten Gewohnheiten aufzugeben und dies schien sich anzubahnen, egal, was auch immer er dazu zu sagen hätte, sie würde es ignorieren und im schlimmsten Fall ihn einen verbohrten Ochsen nennen, der nie aus seinem Stall ins Freie gehen will, aus der Befürchtung heraus, seine Standposition würde er nie wieder finden, wie er es gewohnt war, ein Spruch, den sie ihm leidenschaftlich gerne in ihrer Kennenlernzeit an den Kopf warf, triumphierend, ihn an einem wunden Punkt getroffen zu haben.

„Nun denn, das Reh sprang heute Morgen über unseren Zaun und sofort wieder zurück, ehe ich realisierte was ich sah, zog der Frühnebel auf und tunkte alles, was im Dämmerlicht wahrnehmbar war, in eine wolkenverwischte Unkenntlichkeit, aus der ich folgerte, geträumt zu haben. Habe ich aber nicht. Ich war wach, bevor ich träumte. So wie der Morgen bereits da ist, bevor er in Dämmerung versinkt. Verstehst du?“

„Nicht wirklich“, schien Emanuel die beste Argumentation zu sein, um sich vor dem nächsten Ansturm von erklärenden Begründungen zu schützen.

„Ja, nun, für mich bedeutet es, ich habe über Jahrzehnte das Schönste des Tages verpaßt. Und weiterhin bedeutet es, höchste Zeit dies zu verändern.“

„Und wie soll das aussehen, du willst mir nicht wirklich erzählen, ab heute gehst du früh ins Bett, um morgens zeitig aufzustehen?“

„Nein, Emanuel, du solltest mich nach so vielen Jahren besser kennen. Ich verbringe den Tag genüßlich im Morgenmantel, habe gesurft, es gibt da Modelle, die kannst du nicht mehr von Ausgehmänteln unterscheiden, zwei habe ich bereits bestellt, will schließlich nicht immer in den gleichen Klamotten rumlaufen, bin damit ständig bereit, mich dem Schlaf zu überlassen, sammle unter tags genug Schlafeinheiten, um die Nacht über längere Wachstunden zu generieren, somit kann ich ohne weiteres morgens in der Frühe putzmunter die dämmrigen Träume vorbeiziehen lassen, weil mein Verstand bereits mein Gemüt auf Hochtouren laufen läßt. Das Reh, verstehst du, das Reh, ich springe wie das Reh von einer Seite auf die nächste, Garten oder Wiese ist unwichtig, der Sprung, Emanuel, der Sprung, das ist das Wichtigste.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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