Objekte der Vertiefung


Vertieft. Immer ist er vertieft in sein Buch, seine Bücher, ich weiß nicht, welches Genre er bevorzugt, er klappt die Bücher immer so schnell zusammen, keine Chance einen Blick auf den Umschlag zu werfen, meinetwegen liest er Trivialliteratur, sie liebt ihn, er ist bereits vergeben, werden sich durch Bekannte vorgestellt, heiße Liebe entflammt, tausende Verwicklungen, bis sie endlich in ihrer innigen Liebe aufgehen können, er der smarte Geschäftsmann, sie die flippige Masseurin, Hochzeitsglocken, romantische Kutschfahrt, Ende, er wird zum unzufriedenen Moppel und sie zur hysterischen Mutterhenne, so what.

Wenn er ihm gefällt, möglicherweise steckt er seine Nase in Fachbücher, nein, kurzsichtig ist er nicht, niemals beugt er den Kopf zum Buch, aufrecht sitzt er da, die Hände geformt zu einem Notenständer taucht er ab in die Tiefen von Worteskapaden oder verbringt die Fahrt in dunklen Schächten des Wissens. Durch nichts läßt er sich stören, in aller Seelenruhe klappt er die Seiten auseinander, ohne ein Lesezeichen zu benützen, steckt das Buch in seinen Rucksack, zeitlich so homogen abgestimmt mit dem Einfahren der U-Bahn in seiner Endhaltestelle.

Unverhohlen kann ich ihn beobachten, er registriert sowieso nur die gedruckten Schriftzeichen auf weißem Grund, hüsteln oder lachen der Mitreisenden, keine Miene verzieht er, kein Blinzeln ist zu erkennen, außer seine Lider gehorchen dem automatisierten Wässern der Augen. Ich bin nicht unattraktiv, groß gewachsen, schlank, leicht rötliche Haare, wenn Licht auf sie fällt, trotz meines Bürojobs leger gekleidet, nicht mit Kostüm und so, und ich muß gestehen, ich bin es gewöhnt, Blicke auf mich zu ziehen. Nicht von ihm. Sicher habe ich mir Gedanken gemacht, ob es daran liegen könnte, keines Blickes von ihm würdig zu sein, dies der Grund wäre, warum ich nicht, nicht eine Fahrt lang die Augen von ihm lassen kann. Ich hasse es, angestiert zu werden und selbst zu stieren, das Aufsaugen des letzten Tropfens und damit nicht genug, die Stelle weiterhin fixieren, auf dem der Tropfen sein Ende gefunden hat, das erinnert an Festhalten von Unabdingbarem, Vergänglichem, aus nackten Tatsachen ein Staubkörnchen ergattern, auf dem dann das Objekt in voller Pracht neu erblüht. Mir blühte, seit ich ihn wahrnahm, vor etwa sechs Wochen, nach meinem Urlaub, die gesamten eingeritzten Vorstellungsrillen in den Gehirnwindungen, die schwindeligen Schleifenkurven der feuchten Wasserrutsche im Bauch, ein nach moosiggrün sandiger Seife schmeckender Identitätskollaps.

Wer ist dieser Mann, wo wohnt er, verheiratet, ledig, Kinder, geschieden, noch bei den Eltern lebend, in einem Vorstadthaus mit Putzhilfe und Gärtner, einer WG, womöglich schwul, introvertiert, lernt auf dem zweiten Bildungsweg Ingenieurwesen, ewiger Student, gibt vor, intellektuell zu sein, in Wirklichkeit liest er gar nicht, wechselt nur öfters die Bücher, um den Anschein zu erwecken, er würde die Texte verschlingen, um sein Allgemeinwissen ständig zu verbessern, ich bin auf dem Weg dies herauszufinden.

Da er bereits gedanklich weit abgeschweift vom Treiben um ihn herum auf einem Platz, meistens in Fensternähe, sitzt, ging ich davon aus, er muß mindestens zwei Stationen früher einsteigen, bevor die U-Bahn an meiner Station hält. Also stehe ich morgens früher auf, fahre zwei Stationen in die entgegengesetzte Richtung von meinem Arbeitsplatz und warte, bis er angehechtet, angeschlichen kommt. Nein, natürlich kam er nicht, und ich verpaßte ihn an diesem Morgen, vermutlich war er krank oder hatte verschlafen, saß in einem anderen Abteil, anstatt im zweiten nach der Zugmaschine, anstatt wie ansonsten immer im ersten Waggon. Hatte er mich eventuell gesehen, also doch einmal von seinem Buch aufgesehen und sich geduckt, damit er von mir nicht gesehen werden konnte?

Nachdem ich täglich die Stationen weiter Richtung Endstation fuhr, oder wie der Anfang einer U-Bahnlinie auch heißen mag, landete ich nach acht Tagen etwas übermüdet, dennoch voller Zuversicht, endlich auf dem Einstiegsbahnhof von ihm, außerhalb der Stadtgrenze. Umsonst. Wer nicht pünktlich zur Bahn kam, war er. Urlaub, Krankheit, er ist weggezogen, hat seinen Arbeitsplatz gewechselt, fährt jetzt nur noch mit dem Auto, einem Arbeitskollegen, -kollegin, hat ein Burnout, weiß, ich lauere ihm auf? Woher? Wer hat es ihm erzählt? Sollte er etwa einer jener Typen sein, die vor Überwachungskameras sitzen und George Orwells „1984“ nacheifern? Braucht er deshalb keinen Augenkontakt mit Mitmenschen, weil er an seiner Arbeitsstelle ständig Menschen beobachtet, sie analysiert, Daten über ihr Verhalten wertet, weitergibt? Hat er mich auf seinem Schirm, kann er nach Lust und Laune Aufnahmen vor- und zurückspulen, ist er an einem Projekt beteiligt, das Fahrgäste nach Alter, welches Geschlecht, ich kann nicht glauben, daß ich das denke, unterteilt, um daraus werbewirksame Strategien zu entwickeln?

Ich sehe ihn, er hüpft leichtfüßig die Stufen zur Station hoch, ein Buch in der Hand, Rucksack unterm Arm, also ist er entweder aus einem Bus oder Auto gestiegen, wohnt demnach auf dem Land. Ein Bauernjunge, der in der Stadt sein Glück macht oder vielleicht ein verwöhnter Arztsohn, der von seiner gelangweilten Mutti zur U-Bahn gefahren wird, bevor sie shoppen geht, eher nicht, dann würde sie ihn in der Stadt absetzen, in der Stadt shoppt man, läßt sich bei Maniküre und Friseur verwöhnen, heute bleibt sie zuhause und dirigiert die Angestellten beim Großputz, weil am Wochenende eine Party steigt, auf der wichtige geschäftliche Verbindungen gefestigt und neu geknüpft werden, ihr Sohnemann feiert auf dem Anwesen der Villa Verlobung, bitte nicht, die Hochzeit findet statt, wer heiratet denn schon am Samstag, zumal im April, viel zu kalt, sie ist schwanger, seine Braut erwartet ein Kind, alles muß schnell gehen, er sieht nicht nach glücklichem Heiratskandidat aus, er wird auf der Party verkuppelt, weiß dies noch nicht.

Jetzt schaut er zu mir rüber, erkennt er mich von seinen Überwachungsvideos her, der stiert hemmungslos, ich kann richtig sehen, er ist in die Untiefen seines Unterbewußtseins abgestiegen, vertieft sich in seinen bisherigen Wissensstand über mich, diesen Blick kenne ich, eindeutig, er versucht gerade, mich nackig zu machen, alles über mich in Erfahrung zu bringen, meine Vorlieben, meine Ängste, meine Gedanken, ich fahre mit dem Taxi zurück in die Stadt, werde mir eine neue Wohnung suchen, auch einen neuen Job, vielleicht ziehe ich um, kannst mich vergeblich auf deinen Monitoren suchen, so leicht werde ich es dir nicht machen, sich in mich zu vertiefen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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